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1949 1989 2009

Wie bankrott war die DDR wirklich?

Die letzte Chance der SED bestand darin, für neue Kredite die Mauer zu öffnen. Dieses letzte Geschäft nahm ihr die Geschichte aus der Hand

Bert Hoppe

Der Sozialismus hätte so schön sein können, wären da nicht diese Spielverderber gewesen. Dass der Klassenfeind immer wieder den Untergang der DDR prophezeite, konnte Erich Honecker kaum überraschen, aber von den eigenen Genossen durfte man doch ein bisschen Zuversicht verlangen! Dementsprechend verschnupft reagierte der Staats- und Parteichef, als sein Ministerpräsident Willi Stoph im Juni 1982 im Politbüro erklärte, die sozialen Wohltaten der DDR seien nicht mehr zu finanzieren, und als Konsequenz "einschneidende Maßnahmen" in der Sozial- und Wirtschaftspolitik verlangte. Honecker war da anderer Meinung: "Die Worte über einschneidende Maßnahmen wollen wir hier nie wieder hören." Man tat ihm den Gefallen.

Das Politbüro der SED diskutierte erstmals Ende Oktober 1989 offen über die desolaten Staatsfinanzen der DDR - wenige Wochen, nachdem Honecker abgesetzt worden war.

Die resolute Realitätsverweigerung des Parteichefs war konsequent, schließlich gründete seine gesamte Politik darauf, die Bevölkerung mit sozialen Wohltaten des Regimes zu beglücken und auf diese Weise ruhig zu stellen. "Es ist der Konsum, Dummkopf!" mag Honecker gedacht haben, als er seinen Mentor und Vorgänger Walter Ulbricht im April 1971 von der Macht verdrängte. Dieser hatte nämlich verlangt, die Menschen in der DDR müssten für den "wissenschaftlich-technischen Fortschritt" Opfer bringen. Honecker dagegen hatte aus dem Aufstand vom Juni 1953 und der Fluchtbewegung vor dem Mauerbau im August 1961 die Lehre gezogen, dass das ostdeutsche Regime sich die Loyalität seiner Untertanen erkaufen musste - koste es, was es wolle. In gewisser Weise war Honecker mit dieser Politik durchaus erfolgreich: Der Rückblick auf den kommoden Alltag in der DDR fiele heute weit weniger nostalgisch aus, wenn der VIII. SED-Parteitag im Sommer 1971 nicht die "Einheit der Sozial- und Wirtschaftspolitik" ausgerufen hätte - womit faktisch das Gegenteil dessen gemeint war, was diese Formulierung ausdrückte: die Sozialausgaben wurden vom Wirtschaftswachstum entkoppelt. Honecker öffnete vor den Delegierten das Füllhorn. Das durchschnittliche Realeinkommen sollte binnen dreier Jahre um mindestens 21 Prozent wachsen, es sollten mehr Wohnungen gebaut, die 40-Stunden-Woche für Mütter eingeführt und die Renten deutlich erhöht werden. Jahr für Jahr wurden weitere Subventionen aufgesattelt. Von Anfang an war absehbar, dass die ostdeutsche Regierung diese Wohltaten nur mit Hilfe westlicher Kredite finanzieren konnte. Honecker störte das nicht. "Wir haben nicht die Absicht, die Schulden der DDR in zwei Jahren zurückzuzahlen", konterte er einen entsprechenden Einwand des Planungschefs Gerhard Schürer. Schulden anzuhäufen, hatte in Honeckers Augen sogar einen gewissen Reiz: Ihn faszinierte der Gedanken, den Klassenfeind mit dessen eigenem Geld zu besiegen.

Der Parteichef wiegte sich zudem in der Sicherheit, dass die DDR-Wirtschaft binnen weniger Jahre mit der Westkonkurrenz gleichziehen könne. In der Realität wollte sich der technische Fortschritt jedoch nicht einstellen. Der Versuch, eigene Mikrochips zu produzieren, verschlang in den 1980er-Jahren Unsummen, ohne ein konkurrenzfähiges Produkt hervorzubringen. "Während auf dem internationalen Markt die Mikrochips schon säckeweise verkauft wurden", so urteilte Politbüromitglied Günter Schabowski im Rückblick, "haben wir die Dinger noch zu astronomischen Preise produziert". Die in der DDR entwickelten 256 KB-Chips wurden pro Stück mit 517 Mark subventioniert und waren dennoch bereits veraltet, als ihre Massenfertigung begann. Als die ostdeutschen Planer einen eigenen Walkman entwickelten, kostete der Import der Teile aus Japan, die man nicht selbst herstellen konnte, den Staat mehr als die Einfuhr eines ganzen Gerätes. Dennoch mussten Jugendliche noch 399 Mark für dieses selbstentwickelte Stück Unterhaltungselektronik bezahlen. Auch das Projekt, gemeinsam mit VW einen Motor für den Wartburg zu produzieren, endete in einem finanziellen Desaster: 10 Milliarden wurden verpulvert, um einen Mittelklassewagen zu produzieren, der in der einfachsten Ausstattung 32 000 Mark kostete. Als das Auto 1988 auf der Leipziger Messe vorgestellt wurde, bewarfen es empörte Bürger mit faulen Eiern.

Konsumversprechen und fehlende Investitionen in die eigene Wirtschaft hatten das DDR-Regime schon zu Beginn der 1970er-Jahre in einen Teufelskreis der Verschuldung geführt: Je weiter die ostdeutsche Wirtschaft zurückblieb, desto stärker wurde die Importabhängigkeit und desto höher wuchsen die Schulden im "Nichtsozialistischen Wirtschaftsraum". Wie hoch die Verschuldung tatsächlich war, behielt die Führung allerdings für sich. Entsprechende Berechnungen wurde auf Anweisung Honeckers seit 1973 als "Vertrauliche Verschlusssache", dann als "Geheime Verschlusssache", schließlich als "Geheime Kommandosache", die nicht einmal allen Politbüromitgliedern zugänglich war. Im Herbst 1989 beliefen sich die Schulden der DDR im Westen auf 38 Milliarden Westmark.

Zwar gab es durchaus Ansätze, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. So wurden im Frühjahr 1975 die Chefs der Akademie für sozialistische Wirtschaftsführung und der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beauftragt, die Folgen der Sozialpolitik zu bewerten und Vorschläge abzugeben. Als aber die Wissenschaftler vorschlugen, die Preise zu flexibilisieren und bei den Löhnen das Leistungsprinzip einzuführen, ernteten sie bei ihren Gesprächspartnern aus dem Politbüro Empörung. Die Stimmung bei dem Treffen dürfte wenig herzlich gewesen sein. Bezeichnenderweise ließ Honecker den Wissenschaftlern ausrichten: "Es passiert euch nichts."

Der Parteichef blendete die Schuldenproblematik für sich selbst aus, indem er sich vom Leiter des Bereiches "Kommerzielle Koordinierung", Alexander Schalck-Golodkowski, im Jahr 1974 ein "Generalsekretärskonto" einrichten ließ, auf dem mindestens 100 Millionen Westmark "zur ständigen freien Verfügung flüssig gehalten werden" mussten, und das von den Gewinnen der Auslandsfirmen, sowie durch den Häftlingsfreikauf aufgefüllt wurde. Mit diesem Konto konnte Honecker nun immer die Situation retten, wenn delikate Versorgungsengpässe auftraten und beispielsweise zu Weihnachten Apfelsinen gekauft werden mussten oder es an Damenslips fehlte.

Letztlich war dieses Geld jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, da die DDR nicht einmal genug Devisen erwirtschaftete, um die Zinsen für die Westkredite zu bezahlen. Um die jeweils fällige Rückzahlungsrate aufbringen zu können, wurde alles zu Geld gemacht, was kurzfristige Liquidität versprach. Manchmal schickte Schalck seine Agenten mit Koffern voller DDR-Mark nach West-Berlin, um sie dort in harten Devisen umzutauschen. Vor dem Grenzübertritt mussten sie ihre Uhren abgleichen, um auf die Minute genau in die Wechselstube einzurücken, damit sich deren Inhaber nicht gegenseitig verständigten und die Wechselkurse erhöhten. Vor diesem Hintergrund war die ostdeutsche Führung nicht mehr wählerisch, wie sie zusätzliche Devisen erwirtschaften konnte. 1982/83 profitierte die DDR kräftig vom ersten Golfkrieg, indem sie Schützenwaffen, gepanzerte Fahrzeugen und Munition in die Konfliktregion lieferte - und zwar an beide Kriegsparteien gleichzeitig. Der Eifer der Waffenexporteure ging soweit, dass 1982 der gesamte NVA-Jahresbedarf an M 34-Munition in Höhe von 32 Millionen Schuss verschachert wurde. Die Lieferung wurde als "Planüberfüllung" abgerechnet, das Verteidigungsministerium erhielt als Ausgleich für seine Kooperation einen Teil der Devisen.

Diese dreiste Planmanipulation war ebenso wie Willi Stophs Vorstoß im gleichen Jahr ein Verzweiflungsakt, denn 1982 wäre das Pyramidenspiel des SED-Politbüros beinahe kollabiert. Polen und Rumänien war es seinerzeit nicht mehr gelungen, ihre Kreditzinsen im Westen zu bedienen und hatten damit einen Kreditboykott westlicher Banken gegen den Ostblock ausgelöst. Es gehört zu den besonderen Ironien der Geschichte, dass ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß die DDR vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahrte, indem er der ostdeutschen Führung zwei Milliardenkredite vermittelte, die deren Kreditwürdigkeit wiederherstellten. Im Gegenzug wurden die Selbstschuss-Anlagen an der innerdeutschen Grenze demontiert und die Familienzusammenführung erleichtert. Es waren derartige Zugeständnisse an den Klassenfeind, die so manchem linientreuen Funktionär schwere Bauchschmerzen bereiteten: Die Souveränität, die die DDR mit dem Grundlagenvertrag von 1970 gewonnen hatte, schien sie schrittweise durch die steigende Verschuldung im Westen zu verlieren. Erich Mielke hatte sich schon 1980 im engen Kreis beklagt, dass Honecker gegenüber der Regierung in Bonn "öffentlich provokativ auftritt, während er gegenüber der BRD für sein öffentliches Verhalten Entschuldigungen abgibt". Der Stasi-Chef war sich sicher: "EH verschaukelt uns und die sowjetischen Freunde."

Das Leben auf Pump endete im Herbst 1989. Die DDR stand erneut vor der Zahlungsunfähigkeit und im Politbüro diskutierte man am 31. Oktober die verbliebenen Alternativen. Es waren ihrer nicht viel. Im Falle des Staatsbankrotts, soviel war klar, hätte sich das Land dem Internationalen Währungsfonds unterwerfen müssen, da von der Sowjetunion keine Hilfe zu erwarten war. Die Aussichten waren düster. "Allein ein Stoppen der Verschuldung", so führten Schürer und Schalck-Golodkowki im Politbüro aus, "würde im Jahre 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25 bis 30 Prozent erfordern und die DDR unregierbar machen." Die einzige andere Idee, der ihnen einfiel, um aus diesem Schlamassel herauszukommen, hätte auch von Honecker kommen können: Schürer schlug vor, die Bundesregierung um neue Kredite zu ersuchen - und ihr anzubieten, die Mauer als Gegenleistung mittelfristig abzubauen. Allerdings sei Eile geboten, denn wenn die Forderung nach dem Mauerfall "erst von der Straße oder gar aus den Betrieben gestellt werden, wäre diese Möglichkeit einer Initiative von uns wieder aus der Hand genommen". Der 9. November durchkreuzte zwar diese kühnen Pläne, er ersparte der ostdeutschen Führung letztlich aber auch den Offenbarungseid.

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Foto: Verfallswirtschaft. Ein Mann organisiert mit einem Handkarren Baustoffe aus aufgegebenen Altbauten in Pirna, Juni 1971