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Wo bleibt der Bürgerkrieg?

Mehr als eine Professorenschlacht: Im Streit um Peter Sloterdijks Steuerthesen geht es um die Zukunft der Demokratie

Dirk Pilz

Das ist nicht nur ein Streit unter einigen älteren Philosophieprofessoren über fachinterne Angelegenheiten. Es geht vielmehr um Grundfragen der Gerechtigkeit und Solidarität, um die Umverteilung von Reichtum und also die Berechtigung des Steuernehmens durch den Staat. Verhandelt werden sie zwar im eingehegten Bezirk der Theorie, doch spätestens seit Karl Marx weiß man, dass Theoreme handfeste politische Folgen haben können. Denn Theorien zur Gesellschaft sind immer auch Phantasien über die Welt als eine veränderbare. Die Frage ist freilich, in welche Richtung sie geändert werden soll.

Genau das ist der neuralgische Punkt jener heftigen Auseinandersetzung, die durch einen in der FAZ erschienenen Text des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk eingeläutet wurde. Sloterdijk erzählt hier eine Geschichte über die Entwicklung des demokratischen Steuerstaates hin zum "geldsaugenden und geldspeienden Ungeheuer". Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren, so Sloterdijk, "jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, dem antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen". Für Sloterdijk ist dies ein "politisches Dressurereignis, das jeden Finanzminister des Absolutismus vor Neid hätte erblassen lassen". Zu "Steuerduldsamkeit" erzogen, werde damit jenes auf Gier und Neid fußende Ressentiment der Armen gegenüber den Reichen kultiviert. Fast ungehindert habe so eine "Staats-Kleptokratie" entstehen können, die auf Kosten künftiger Generationen wirtschafte. Sein Pamphlet mündet daher in einen Gegenvorschlag: An die Stelle des durch Steuern finanzierten Sozialstaates solle die freiwillige Mildtätigkeit der Wohltätigen treten. Diese "Revolution der gebenden Hand" will die "Zwangssteuern" in freiwillige "Geschenke an die Allgemeinheit" umwandeln. Nichts sagt Sloterdijk darüber, wie diese Freiwilligkeit institutionell abgesichert werden könnte, nichts darüber, dass Schenkungen dieser Art auf quasi-feudalistische Verhältnisse hinauslaufen.

Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth hat Sloterdijk in der Zeit deshalb vorgeworfen, er arbeite am "Umsturz all unserer herkömmlichen Werte und Gepflogenheiten". Leider ließ sich Honneth dabei auch zu einer Generalabrechnung mit dem philosophischen Hochstapler Sloterdijk hinreißen - lange schon muss ihm dessen "methodologischer Leichtsinn", seine "kleingeistige" Philosophie als "intuitive Wesensschau" missfallen haben. Und wer immer sich die Mühe gemacht hat, Sloterdijks Bücher wirklich zu lesen, wird Honneths Unmut verstehen - Sloterdijk bläht sich immerfort zum "Seher in dürftiger Zeit" (Honneth) auf, scheut aber jede ernsthafte Debatte. Er sucht nicht den Austausch der Argumente, sondern mediale Aufmerksamkeit. Seine Waffen sind Häme und Herablassung, auf Einwände geht er so gut wie nie ein; im Zweifelsfalle polemisiert er plump, zunehmend auch aggressiv. Indem Honneth sich durch diese Masche aber zu einer Gegenpolemik verleiten lässt, nimmt er seinem Hauptgegenargument das Gewicht: Er hat das Denken des Karlsruher Revolutionspredigers als erlösungsselige Ideologie entlarvt, die von einem Staat der Starken auf Kosten der Schwachen schwärmt. In seinem jüngsten Buch "Du musst dein Leben ändern" ist davon auch schon zu lesen, allerdings in typisch verklausuliertem Sloterdijk-Sprech - hier predigt er einen athletischen Atheismus, der Anerkennung und damit Überlebenschancen allein den "Übenden" zugesteht. Auch deshalb haben die ausgebeuteten Eliten das Recht, sich gegen einen angeblich auf Neid gegründeten Sozialstaat mittels "Steuerstreik" zu wehren. Honneth nennt das "Klassenkampf von oben".

Sloterdijk konterte diese Kritik auffallend gereizt: Statt einer Erwiderung lieferte er, wiederum in der FAZ, eine dumpfe Beschimpfung. Er glaubt Honneths Kritik einzig - wie er jetzt in einem Interview mit dem heute erscheinenden Spiegel wiederholt - als Ausdruck einer in die Krise geratenen Kritischen Theorie deuten zu können - ein Ausweichmanöver. Zudem wirft er Honneth just das vor, was er selbst zur Meisterschaft geformt hat: das "zufällige Zitieren", das Erfinden "abstruser Thesen", das Verächtlichmachen jeder Kritik an seinen Ideen. Nebenbei versucht er, seine Aufforderung zum fiskalischen Bürgerkrieg als "Denkspiel" kleinzureden. Christoph Menke, ebenfalls Frankfurter Philosoph, hat sich in seiner wohltuend nüchternen Antwort auf Sloterdijk davon nicht blenden lassen und dessen Begehren auf den Punkt gebracht: Sloterdijk will die Idee der Gleichheit als solche zu Fall bringen, er will tatsächlich den Sozialstaat kippen. Das kann er auch nicht dadurch kaschieren, indem man er - wie im Spiegel-Interview - von bloßer "psychologischer Umstimmung" spricht.

Es geht folglich in diesem Streit nicht um begriffliche Feinheiten, sondern um die Zukunft eines demokratisch begründeten Steuerstaates - daher auch die Schärfe dieser Debatte. Karl Heinz Bohrer etwa wirft Menke und Honneth in seiner verschwurbelten Wortmeldung vor, sie übten sich in bloßer "plebsfreundlicher Entrüstung". Dabei spricht er selbst frappierend offenherzig aus, wogegen sich die beiden Frankfurter Philosophen wehren: gegen eine Philosophie, die auf die Abschaffung jenes Sozialstaates zielt, "der mich und viele andere um die Pfründe wohlverdienten finanziellen Zugewinns bringt". Schöner könnte kein Manager das Boni-System verteidigen, treffender vermögen es auch die Lobbyisten der nackten Leistungsethik nicht zu formulieren. Sloterdijks Revolution der nehmenden Hand imaginiert tatsächlich eine Gesellschaft, in der die Leistungswilligen und -fähigen die Solidarität mit den Armen und Abgehängten aufkündigen. Seine Utopie gilt folglich einer Zukunft, in der die Schere zwischen Arm und Reich nicht als gesellschaftlicher Miss-, sondern als wünschenswerter Normalzustand gilt. Im Mantel philosophischer Theorie tritt uns hier eine Ideologie entgegen, die mehr ist als ein Denkspiel: Sie ist letztlich eine Aufforderung zum politischen Umsturz. Wehe uns, wenn sie gehört wird.

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Sloterdijk will die Idee der Gleichheit zu Fall bringen, er will den Sozialstaat kippen.

Foto: So klein sind alle meine Kritiker: Peter Sloterdijk hat wieder einmal eine Debatte entfacht.