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Die Möchtegernbürger

Wer hat uns das eingebrockt? Die Kreative Klasse soll schuld sein an der Kleinen Koalition

Harald Jähner

Es können ja unmöglich nur die Apotheker gewesen sein, die FDP gewählt haben. Gustav Seibt hatte in der Süddeutschen Zeitung gleich nach der Wahl einen Teil der neuen FDP-Wählerschaft in Berlin-Mitte aufgespürt, in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße: "Es ist die Welt der Galeristen, Filmproduzenten, Kuratoren und Meinungsmacher aus der Rennstrecke zwischen den Restaurants Borchardt und Grill Royal". Da laufen sie. Kreative Köpfe, die bis vor Kurzem noch links oder grün gewählt, sich nun aber ins "bürgerliche Lager" durchgerungen hätten. Tatsächlich ist immer häufiger die Rede vom "Neuen Bürgertum", einer Schicht, deren einst alternative Lebensentwürfe an Behaglichkeit zugelegt haben, und die nun ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft einnehmen.

Die Neue Mitte, diese stets etwas ominöse Erfindung Gerhard Schröders, hat sich von der SPD abgewandt und schwankt nun irgendwo zwischen den Grünen, der FDP und einer von Angela Merkel zivilisierten CDU herum. Ein Bürgertum, das sich frei wähnt vom alten Muff, das sich zum Essen nicht mehr um den Tisch aus Eiche versammelt, sondern um den aus Olivenholz, um dort Bio-Penne zu verspeisen. Klar, ist das oberflächlich, aber um die Macht solcher Ein- und Ausdrücke geht es: Den Kern dieses "Kreativen Bürgertums"(Renate Künast) bildet die sogenannte "Kreative Klasse". Das sind die, die erfolgreich jeglichen utopischen Elan in Design ummünzen, in Ideen, Projekte, Konzepte. Um sie werben Grüne und FDP, denn sie setzen die Trends. Und der Trend heißt bürgerlich, seit längerem schon.

Seit die ehemaligen Hausbesetzer und Steinewerfer der APO die Zivilgesellschaft für sich entdeckten, also spätestens seit der Wende, erlebt das Bürgerliche ein Comeback. Was kurz zuvor noch dem Untergang geweiht schien und allenfalls als Schimpfwort für geistige Behäbigkeit gedient hatte, kehrt erneuert aus der Erosion der klassischen sozialen Milieus zurück. Auch nonkonforme Lebensstile sind nun mit dem Anspruch auf Bürgerlichkeit vereinbar. Schicke, alternative Lebensweisen und freizügige Sexualität lösen sich aus dem traditionellen Bündnis mit der politischen Emanzipation und gehen Allianzen ein mit dem Konservativen.

Als bürgerlich bezeichnet man sich wieder selber gern, allen voran natürlich die schwarz-gelbe Koalition. Der Begriff gibt ihr etwas Anheimelndes, Solides, fast Staatsfernes, zumindest Staatsskeptisches. Und übrigens sehr Anmaßendes. Denn Bürger sind wir seit Abschaffung des Ständestaats eigentlich alle. Jedenfalls formaljuristisch.

Anders betrachtet ist ein Bürger einer, der aus eigener Kraft existiert und existieren muss. Der weder von ererbten Privilegien leben konnte wie der Adel, noch sich in die Apparate der Lohnarbeit begeben musste wie der Arbeiter: Ein Selbstständiger. Der bürgerliche Liberalismus, der aus dieser historischen Lage zwischen Adel und Arbeitern erwuchs, steht heute im Regal der politischen Identitäten als frei wählbare Option herum. Mit dem Bekenntnis zum "Verfassungspatriotismus" wurde er der FDP von links streitig gemacht: Seitdem wetteifern Gelb und Grün um die Essenz des Liberalen. Beide treffen sich in der Betonung bürgerlicher Eigenverantwortung, im Kampf um die Stärkung der Bürgerrechte gegen den Überwachungsstaat, im Misstrauen gegen die Subventionierung veralteter Industrien. Beide trafen sich im Widerwillen vor einer staatlichen Sanierung von Opel.

Was sie unterscheidet, sind ihre kulturellen Herkünfte; dass sie um dieselbe Klientel ringen, macht sie zu erbitterten Feinden. Denn die kulturellen Unterschiede werden immer fragiler und sind in den Folgen wetterwendisch wie die Moden. Die klassischen Milieus der Parteien, einst das Rückgrat ihrer ideologischen Identität, sind inzwischen instabil wie betagte Bretterbuden. Der Zeitgeist zieht hindurch und mischt alles, was in ihnen gut aufgehoben schien.

Das Neue Bürgertum, das sich in den letzten Jahren immer wieder neu beschworen hat - man denke nur an die Selbstfeier des guten Geschmacks in der Debatte um das "Unterschichtenfernsehen" - ist nicht mehr gebunden an ökonomische Unabhängigkeit. Bürgertum ist zu einer biografischen Option geworden. Wer sich bewusst ernährt, zum Essen um den Tisch und nicht vor dem Fernseher versammelt, wer seinem Kind ein Musikinstrument gibt, sich redlich bemüht, anderen nicht zur Last zu fallen, aber sich um solche kümmert, die das nicht mehr können, der ist heute ein Prachtbürger.

Bürgertum hat sich von einem ökonomischen Stand zu einem gesellschaftlichen Habitus entwickelt; zum Anspruch auf kleinteilige Teilhabe an der gesellschaftlichen Gestaltung. Bürgerlich ist zu einer Wunschidentität geworden, und damit zu einer Kategorie, die die oft prekären Lebensverhältnisse der kreativen Klasse mehr beschönigt als beschreibt. Sie neigt zum Idyll: Die "Digitale Boheme", wie sich das Kreative Bürgertum vor einigen Jahren nannte, zumindest jene Fraktion, die in den von Apple, Microsoft und Google beherrschten Strukturen herumwieselt, hat mit der ökonomischen Unabhängigkeit des klassischen Bürgertums so viel zu tun, wie ein Siemens-Facharbeiter mit den armen Webern aus Schlesien.

FDP wählen, hieß deshalb für viele, sich selbst zu schmeicheln: mit seiner Stimme eine Zukunft für möglich zu halten, in welcher man selber herrscht und nicht die Banken, nicht die Konzerne; eine Welt, in der Gewerkschaften nur stören würden und die Globalisierung weit weg ist. Mein Haus, mein Block, mein Kollwitzplatz. Mein Notebook, meine Projekte, meine Künstlersozialkasse.

Natürlich weiß die bürgerliche Koalition, wie viel Selbstbetrug in diesem Namen steckt und wie zerbrechlich die Perspektiven ihrer Wähler in Wahrheit sind. Deshalb beschloss sie als erstes die Schonvermögen bei Hartz IV zu verdreifachen; das ist beileibe kein Signal an die Armen, sondern an das Neue Bürgertum, das latent vom Absturz bedroht ist. In der Aufstockung des Schonvermögens verrät sich, wie viel Solidität diesem Bürgertum zugemessen wird.

Den Wunschidentitäten der Wähler entspricht die Wunschidentität der neuen Regierung. Statt ihrem Programm zu folgen, betreibt die FDP als erstes Imagepolitik. Ausgerechnet sie bläht die Staatsverschuldung weiter auf, um die Schattenseiten zu korrigieren, die ihrem Image anhaften. So führt die Erosion der klassischen Parteienmilieus auch zu einer Erosion politischer Haltungen und Traditionen. Gefallsüchtiger hat sich noch keine Koalition an die Arbeit gemacht. Sie will gemocht werden, regieren im klassischen Sinn will sie offenbar nicht. Was soll man von einer Mannschaft halten, die es vom ersten Tag an mit Schattenhaushalten probiert, um Steuergeschenke zu ermöglichen? Zu den Grundtugenden des alten Bürgertums gehörte die Ehrlichkeit. Ohne sie, im Verbund mit der Sparsamkeit, ist kein Vertrauen zu erzielen. Da werden die Möchtegernbürger viel lernen müssen.

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Gefallsüchtiger hat sich noch keine Koalition an die Arbeit gemacht. Sie will nicht regieren, sie will gemocht werden.

Foto: Guido Westerwelle auf dem Weg ins Amt