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Der Baum des Journalismus

MEDIENZUKUNFT - Sparzwänge bedrohen die journalistische Qualität. Im Internet sind Inhalte günstiger zu verbreiten. Aber sind sie auch besser?

Michael G. Meyer

Wie definiert man Qualität im Journalismus? Darauf findet sich nicht leicht eine Antwort. Eine stammt vom ehemaligen Deutschlandradio-Intendanten Ernst Elitz, der sagte, dass guter Journalismus für sich in Anspruch nehmen muss, der jeweiligen Zielgruppe die Welt zu erklären. Und das anschaulich, wahrhaftig und seriös. Das Internet hat viele verschiedene Zielgruppen und hat damit auch alte Gewissheiten über den Haufen geworfen, zum Beispiel die einer effektiven Qualitätskontrolle der verbreiteten Inhalte. "Man kann das ja nicht kontrollieren, zumindest nicht so, wie man es noch bei den analogen Medien konnte", meint Norbert Schneider, Direktor des Landesmedienanstalt Nordrhein- Westfalen. Wenn jeder alles schreiben und publizieren dürfe, und das dann auch noch als Journalismus gelte, dann sei das schlicht Unsinn, sagt Fried von Bismarck, Geschäftsführer von Spiegel.net und Spiegel-TV.

Bismarck sitzt im Deutschen Presserat - dem Gremium, das für die Einhaltung von Qualitätsstandards in Zeitungen und Zeitschriften zuständig ist. Dort beobachtet man seit einem Jahr auch die Online-Medien. "Die Beschwerden, die uns von Internetnutzern erreichen, sind die gleichen, wie bei den gedruckten Medien: Vermischung von Werbung und redaktionellem Teil, Verletzung des Persönlichkeitsrechts, brutale Darstellungen und ähnliches", sagt von Bismarck.

Der "Baum des Journalismus" sei es auf jeden Fall, meint von Bismarck, der das Internet überhaupt trage. Mit anderen Worten: Bislang ist abseits der etablierten Online-Medien wie Spiegel online, Welt, FAZ und anderen kaum ein seriöser, eigenständiger Online-Journalismus entstanden. Bis auf wenige Blogs, die auf anspruchsvolle Inhalte setzen, wie etwa "Nachdenkseiten", "Netzpolitik" oder "BildBlog" gibt es viel Unsinn und Gratis-(Un)Kultur im Netz. Dass man für teuer und gut recherchierte journalistische Inhalte im Netz wird zahlen müssen - das gilt unter Medienmachern mittlerweile als Allgemeingut.

Darüber hinaus müsse es aber auch wieder mehr verantwortungsvolle Verleger geben, die in Journalismus investieren, fordert Volker Lilienthal, Professor der seit 1. Juli bestehenden Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Qualitätsjournalismus an der Uni Hamburg. "Wenn der WAZ-Konzern mal eben über 200 Stellen in den Lokalredaktionen kürzt, habe ich meine Zweifel, ob das ohne Qualitätseinbußen geht", moniert Lilienthal. Es gebe zwar in manchen Lokalredaktionen noch investigativ recherchierte, exklusive Inhalte, aber eben immer weniger. "Es stellt sich die Frage der Finanzierbarkeit von gutem Journalismus", meint Lilienthal und verweist auf mäzenatische Modelle wie etwa das von Pro Publica in den USA. Der Milliardär Herbert Sandler gründete 2007 diese Stiftung, die sich um "Journalismus im öffentlichen Interesse" kümmert. Seitdem sind über 100 Themen recherchiert worden, die kostenfrei im Fernsehen, im Radio oder in der Zeitung veröffentlicht werden können, nur die Originalquelle muss genannt werden.

Dass solch ein Modell in Zeiten der Wirtschaftskrise in Deutschland möglich wäre, bezweifelt Lilienthal. Angesichts der immer schneller werdenden Medien und immer mehr "Ausspielungskanälen" wie Handy und Blackberry wünscht er sich eine Kultur der Verlangsamung, in Anlehnung an einen Satz des Lyrikers Peter Rühmkorf: "Bleib unerschütterbar und widersteh!" Ob das in der globalen Twitter-I-Phone-Facebook-Medienwelt möglich ist? Die Debatte um Qualität im Journalismus fängt gerade erst an.

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"Es stellt sich die Frage der Finanzierbarkeit von gutem Journalismus." Volker Lilienthal

Foto: Ermattet von zu viel Medienkonsum? Ein Mann sucht Ruhe zwischen Laptop und Zeitung.