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Auf den Hund gekommen

Wenn einem sein Leben abhanden kommt: "Wendy and Lucy" mit Michelle Williams

Carmen Böker

Sie achtet auf sich. Geht jeden Tag in den Waschraum einer Tankstelle, putzt die Zähne, kämmt die Haare, wechselt die Wäsche. Führt penibel Buch über ihre dahinschwindenden Ersparnisse, in einer rührenden Mädchenschrift. Aber es sind nur noch lose Enden, die Wendy von ihrem Leben in den Händen hält. Ihr Hab und Gut passt in einen alten Honda: ein Fotoalbum, eine Schlafdecke, ein paar Klamotten. Daneben liegt das, was ihr wichtiger ist, ein Sack Trockenfutter für den Hund. Der Besitz von Lucy, einem sanftmütigen, schlappohrigen Labrador/Retriever-Mischling, ist so ziemlich das Einzige, worauf Wendy noch besteht. Dieses Tier zumindest wird auf das Liebevollste getätschelt, bespielt, ausgeführt und versorgt, derweil die Besitzerin sich selbst vor der unverbindlichsten Bekundung menschlicher Freundlichkeit verschließt. Gar nicht einmal resigniert oder verletzt, sondern bloß reduziert in ihren Regungen. So, als sei sie der Welt abhanden gekommen und wollte den Kontakt auf das Nötigste beschränken.

Wendy kommt aus Muncie, Indiana. So besagen es die Plaketten an ihrem Auto, sie selbst wird nichts über sich preisgeben außer dem Detail, dass sie auf der Durchreise nach Alaska ist. Dort gibt es noch Arbeit in Fabriken, wo der Fischfang in praktische Konservendosen verbracht wird. Kelly Reichardts Film "Wendy and Lucy" benötigt im Übrigen auch nicht mehr an biografischem Hintergrund, um Wendy zu einer sehr realen, plastischen Figur werden zu lassen. Die Vergangenheit hat sie lediglich dahin gebracht, wo sich jetzt wie sie so viele ihres Alters in den Spätausläufern der Bush-Ära befinden - an einem schlechten Ausgangspunkt, ohne Sicherheitsnetz. Und zwar in einer Gesellschaft, die den Wert eines Menschen gern nach dem Einkommen bemisst.

Es geht Reichardt nicht um Sozialromantik, um hemdsärmeliges Anpacken von Problemen. Sondern um einen kleinen Ausschnitt aus einem Leben - die Geste, wie jemand versucht, den Kopf oben zu halten, seinen Stolz zu wahren. Michelle Williams ist Wendy und sieht in dieser Rolle schmal aus wie ein zwölfjähriger Junge, lässt sich verschwinden hinter einem Jedermanns-Outfit aus Karohemd, abgeschnittener Cordhose und Stoffturnschuhen, als sei sie die Schnittmenge einer Generation. Oder ein lebendes Piktogramm, in dieser Vermeidung aller individuellen Details bis zum typisch rausgewachsenen Haarschnitt.

Irgendwo in Oregon, auf einem Wal-Mart-Parkplatz (den sie bitte sofort verlassen muss, weil das Privatgelände ist) verreckt dann ihr olles Auto, was sich als Beginn von Wendys wahrer Pechsträhne erweisen wird. Denn um ihr knappes Geld zusammenzuhalten - wer weiß, was die Reparatur kosten wird -, versucht sie, im Supermarkt eine Dose Hundefutter zu stehlen. Sie wird erwischt und auf die Polizeiwache geschafft. Als sie nach Stunden dahin zurückkehrt, wo sie Lucy angeleint hat, ist die Hündin verschwunden. Und taucht nicht wieder auf, nicht in der Nachbarschaft, nicht im Tierheim. Der Film bleibt auch hier - da Wendy das Letzte verliert, worauf sie sich eigentlich noch verlassen kann - subtil in seinen Zuspitzungen. Wendys Stimme wird nur ein kleines bisschen und dann noch ein wenig lauter, als sie immer wieder "Lucy! Lucy! Luu!" ruft. Den Luxus des Dramas kann man sich hier eben nicht erlauben. Die Energie reicht gerade nur zum Weiterexistieren.

"Wendy and Lucy" ist so schlicht wie schweigsam. Und genau deshalb trifft er als Film das wahre Leben so genau, in dem nun einmal keine cleveren, alles erklärenden Dialoge konstruiert werden, sondern die Auslassungen am vielsagendsten sind. Selbst aus der Begegnung mit einem alten Wachmann (Walter Dalton) macht Kelly Reichardt klugerweise kein Rührstück des Mitleids: Mal leiht er ihr sein Telefon, mal gibt er einen Ratschlag - alles andere wäre zu sentimental, zu zudringlich, selbst wenn er sie bereits noch weiter abrutschen sieht. Einmal übernachtet Wendy im Wald, wird aufgestöbert von einem, den die Einsamkeit irre gemacht hat oder der Irrsinn einsam - wer weiß schon genau, wo ein solches Dilemma einsetzt.

Ohne Aufhebens demonstriert dieser feine, ruhige, ungeschönte, im besten Sinne alltägliche Film, wie empfindlich gegen kleinste Erschütterungen der Einzelne wird in einem System, dessen Ideal die betagte Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte geblieben ist. Es sei eine in den Staaten immer noch sehr weit verbreitete Idee, so sagt die Regisseurin, "dass es an der eigenen Faulheit liegt, wenn man arm und erfolglos ist". Hier genügt ein Auto, das nicht mehr anspringt, um ein Leben aus den Gleisen springen zu lassen.

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Wendy and Lucy USA 2008. Regie: Kelly Reichardt, Drehbuch: John Raymond, Kelly Reichardt. Darsteller: Michelle Williams, Walter Dalton, Will Oldham. Will Patton. OmU, 80 Minuten, Farbe.

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Foto: Irgendwo in Oregon: Wendy (Michelle Williams) will von der Welt eigentlich nur ihren Hund zurück.