Für den Geschichtsunterricht genügt eigentlich ein Blick aus dem Fenster. Die Ernst-Reuter-Oberschule in Wedding liegt direkt an der Bernauer Straße - auf der anderen Straßenseite stand fast drei Jahrzehnte die Mauer, die Berlin in zwei sehr ungleiche Hälften teilte. Der Mauerfall, der sich demnächst zum zwanzigsten Mal jährt, wird an diesem Tag jedoch in der Turnhalle erörtert. Auf Englisch.
"Versuch dir vorzustellen, dass alles um dich herum grau und kalt ist", sagt Choreografin Robin Cantrall zu einem der 21 Jugendlichen, die sich in der Halle verteilt haben, "du bist ein Baum und auf einmal kannst du deine Zweige ausstrecken, du kannst wachsen!" Robin Cantrall gehört zur New Yorker Battery Dance Company, die mit insgesamt 100 Schülern an fünf Schulen in Berlin und Brandenburg eine Choreografie zum Mauerfall erarbeitet - "The Fall of the Wall". Und so biegen und verrenken sich die Jugendlichen sehr selbstbewusst, durchpflügen die Halle mit gewagten Sprüngen, lassen sich fallen und stehen wieder auf.
Es ist bereits die zweite Zusammenarbeit der Schule mit der New Yorker Tanzgruppe. Im vergangenen Jahr studierten die Schülerinnen und Schüler eine Choreografie zur Eröffnung der amerikanischen Botschaft am Pariser Platz ein. Als nun das nächste Projekt anstand, machten alle wieder begeistert mit - vor allem, weil sie ihre Performance diesmal auch in New York aufführen dürfen. In den Herbstferien reisen sie zehn Tage lang dorthin. Dass es bei dem Projekt um den Mauerfall geht, haben sie erst zu Beginn der Proben erfahren, sagt Andrey Sxyaev (20), einer der jungen Tänzer, beim Mittagessen in der Cafetéria. "Also, ich war schon sehr überrascht."
Die meisten von ihnen stammen aus Einwandererfamilien und kennen die jüngste deutsche Geschichte nur aus dem Unterricht. Einige wissen etwas aus den Erzählungen ihrer Eltern. "Mein Vater hat gesagt, dass es wirtschaftlich besser war, als die Mauer noch stand", sagt der 18-jährige Kurde Umut Erol. Sein Vater kam vor dem Mauerfall nach West-Berlin. Und Nelli Lisjanskij ist überzeugt: "In der DDR lebten die Menschen freier, als das heute in den Medien vermittelt wird." Das habe ihr eine Freundin erzählt, die aus dem Osten stamme und 40 Jahre alt sei. "Die hat alles miterlebt", sagt Nelli. Aus dem Mund der 20-Jährigen klingt das, als liege der Mauerfall ungefähr so lange zurück wie die Kreuzzüge. Das Thema lässt die Jugendlichen dennoch nicht kalt. "Voll krass" findet Yildiz Duman (19), "dass die Menschen nach dem Mauerbau in der Bernauer Straße aus den Fenstern in den Westen sprangen. Das war ja schließlich gleich hier, wo unsere Schule steht." In der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße, die nur wenige Schritte entfernt ist, waren sie allerdings alle noch nicht.
An der Schule haben die jungen Tänzer nur wenige Freunde, deren Eltern aus Ost-Berlin oder der DDR stammen. "Ich gehe von der Schule aus meist Richtung Voltastraße, in den Westen", sagt Umut. "Richtung Rosenthaler Straße kommt man in eine ganz andere Welt." Da stimmen ihm seine Mitschüler zu. "Ruhiger" seien die Ossis, sagen die jungen Migranten, auch "herzlicher". Und Yildiz findet, dass sie "anders sprechen, so mit icke, eben mit Akzent". Das sagt auch Nelli, widerspricht aber bei der Schilderung, dass die Ossis "irgendwie anders" seien als die Wessis. "Das denkt ihr nur, weil ihr Migranten seid", sagt sie, deren Eltern aus Usbekistan über Ostfriesland nach Berlin kamen. "Ich wohne in Mitte und in meinem Haus sind die Ostler wie die anderen Deutschen auch."
Vor einigen Jahren hat die Ernst-Reuter-Schule ihre eigene deutsche Einheit erlebt. Sie fusionierte damals mit der Oberschule am Köllnischen Park. Etwa ein Drittel der Lehrer der Ernst-Reuter-Schule stammen aus dem Osten. Über die sind die Mitschüler einer Meinung: "Die sind netter", sagt Nelli, und die anderen nicken. Die 15-jährige Ebru ergänzt: "Die gehen viel mehr auf die Schüler ein." Allerdings können die Schüler auch verstehen, "dass viele Wessis sauer auf die Ossis sind", sagt der 19-jährige Umut Degirmecioglu. "Schließlich wurde mit dem Solidaritätsbeitrag so viel im Osten gebaut, dass es da jetzt oft viel besser aussieht als im Westen." Nelli indes glaubt, dass neben der Schulbildung auch die Sicherheit in der DDR besser war: "Es gab weniger Drogenhändler, Kinderpornografie und Prostitution."
Die Pause ist vorbei. Die Schüler gehen in die Turnhalle zurück. Dort tanzen sie weiter den Mauerfall. Eine alte deutsche Geschichte.
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Dancing to Connect - The Fall of the Wall wird am Donnerstag um 19 Uhr im Fontane-Haus im Wilhelmsruher Damm 142 c in Reinickendorf präsentiert. Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 6 Euro.
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"Ossis sprechen anders, so mit icke, eben mit Akzent." Yildiz Duman, Schülerin
Foto: Andrey, Umut, Umut (hinten v. l.), Yildiz, Nelli und Ebru (vorn v. l.) üben seit Tagen mit ihren Mitschülern und den Choreografen in der Turnhalle.