Oskar Lafontaine kehrt heim an die Saar. Er kommt als Sieger. Sein Rückzug vom Vorsitz der Bundestagsfraktion ist keine Flucht. Es ist eine wohlüberlegte strategische Wendung. Lafontaine ist immer dort, wo die wichtigste Schlacht geschlagen wird. Nun, da die Wahlen aus Sicht der Linken alle gewonnen wurden, geht es darum, das Erreichte zu sichern - und die nächste Etappe vorzubereiten. Die heißt Regierungsbeteiligung im Bund. Davor kommt eine erfolgreiche Regierung im Land. Lafontaines Platz ist also im Saarland. Nicht, weil er Saarländer ist, sondern weil das kleine, an der geografischen Peripherie Deutschlands liegende Saarland aus Sicht der Linken zum Mittelpunkt der Welt würde - sollte es dort wirklich zu einer rot-rot-grünen Regierung kommen. Erfolg oder Misserfolg dort wird darüber entscheiden, wie es weitergeht.
Zwanzig Jahre nach der friedlichen Revolution, nachdem die Bürgerbewegten, auch die bürgerbewegten Sozialdemokraten im Osten, die Macht der SED gebrochen haben, hat es mit der Linkspartei eine Allianz aus alter Staatsmacht, unbelehrbaren westlichen Kaderexistenzen und enttäuschten Sozialdemokraten geschafft, sich die Meinungsführerschaft über linke Politik zu erkämpfen. Die Sozialdemokraten haben aufgegeben. Ihre Strategie des Ignorierens gegenüber der Linkspartei war erfolglos. In den Kommunen ist die Zusammenarbeit aller Parteien mit der Linkspartei normal geworden. In den östlichen Bundesländern wird eine Kooperation nirgendwo ausgeschlossen.
Seit den Wahlen des Jahres 2009 ist das Tabu gegen die Linke auch im Westen gebrochen. Die Frage nach der Vergangenheit der Linkspartei/PDS/SED wird nicht mehr gestellt. Diejenigen, die darüber noch reden wollen, finden kaum mehr Gehör. Dagmar Metzger, die 2008 ihr Nein gegen die rot-roten Pläne von Andrea Ypsilanti begründete, war die Letzte, die Moral über Pragmatismus stellte.
Oskar Lafontaine hat bislang alles erreicht, was er wollte. Er hat die Linke erfolgreich etabliert. Er hat ihr den Anschein von Regierungsfähigkeit gegeben. Jetzt will er den saarländischen Versuch auf den Weg bringen und ihn erfolgreich machen. Das nächste Etappenziel heißt Nordrhein-Westfalen. Es folgt die Bundestagswahl 2013. Oskar Lafontaine ist 66 Jahre alt. Er muss seine Kräfte bündeln. Deshalb ist der Rückzug vom Fraktionsvorsitz keine Niederlage sondern ein strategischer Schritt. Er sichert ihm den Parteivorsitz. Dort, an der Spitze der Partei, wird er das betreiben, was viele bis heute für eine verschwörungstheoretische Verrücktheit halten: die Vereinigung der deutschen Linken, die Vereinigung von Linkspartei und SPD.
Betrachtet man es pragmatisch und ohne politische Sentimentalität ist dagegen nicht viel einzuwenden. Es würde nachvollzogen, was die anderen Parteien nach der Wende skrupellos für selbstverständlich hielten: den Zusammenschluss mit ihren Schwesterparteien. CDU und Liberale vereinigten sich mit ihren jeweiligen östlichen Pendants, den ehemaligen Blockparteien, die in der DDR auch nicht als Horte des Widerstands galten. Einzig die Grünen und Bündnis90 muteten sich die Quälerei eines Zusammenschlusses auf Augenhöhe zu. Die Sozialdemokraten waren damals nicht frei. Sie hatten das historische Pech, dass sich einen Monat vor dem Mauerfall die SDP im Pfarrhaus von Schwante als bürgerbewegte Sozialdemokratie in Opposition gegen die SED gegründet hatte. Das setzte die moralische Hürde für die Kooperation oder Zusammenarbeit mit möglichen Vernünftigen in der SED so hoch, dass sie unüberwindlich wurde.
Zwischen damals und heute liegen nicht nur 20 Jahre. Inzwischen ist die Linke im Osten pragmatisch, sozialdemokratisch, erfolgreich. Die SPD im Westen ist gerupft durch rot-grüne Realpolitik und die großkoalitionäre Zwangslage. Das moralische Argument gegen die SED-Nachfolger hat sich verbraucht. Stasi, Mauer, Stacheldraht haben in der politischen Auseinandersetzung ihre Wucht verloren gegen die Argumente derer, die pragmatisch auf Machtperspektiven und inhaltliche Gemeinsamkeiten zwischen Linken und SPD hinweisen.
Eine andere Debatte zwischen Linken und Sozialdemokraten in Ost und West, die seit 20 Jahren ständig auf die Tagesordnung gehört hätte, ist im Ansatz verdampft: die Debatte über das Verhältnis zwischen dem Staat und dem Einzelnen. Wie viel staatliche Fürsorge will oder erträgt man? Wie hängen Freiheit und Selbstverantwortung zusammen? Wie viel Gleichheit ist wünschenswert, wie viel Individualität wichtig? Fast scheint es, als fürchteten gerade die Sozialdemokraten im Westen diesen Disput. Vielleicht, weil sich herausstellen würde, dass sich Linke und Sozialdemokraten in Ost und West an diesem Punkt in ihren Ansichten und Haltung zu ähnlich sind.
Oskar Lafontaine wird sein Ziel weiter verfolgen, zusammenzupressen, was in seinen Augen zusammengehört. Was hat die SPD dem noch entgegenzusetzen?
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An der Spitze der Partei wird Lafontaine das betreiben, was viele bis heute für verrückt halten: die Vereinigung der deutschen Linken, die Vereinigung von Linkspartei und SPD.