BERLIN. Mit festem Griff packt der eine junge Mann den anderen an der Hüfte und führt ihn im Walzerschritt über das Eichenparkett. Aus den Boxen knistert die Stimme von Hildegard Knef. "Eins und eins das macht zwei", singt sie. Das Paar wirbelt über die Tanzfläche, dreht sich schneller als die Discokugel an der hohen Decke. Der Tänzer gibt seinem Partner energisch Schwung, der dreht sich wie ein Kreisel und sinkt mit theatralischer Geste zurück in die Arme des Führenden. Es ist warm in der langen schmalen Halle des SO36 in Berlin-Kreuzberg. Die Luft ist feucht, die T-Shirts sind es auch.
Vor dem silbernen Vorhang am Ende der Halle hängt das Logo des Café Fatal. Seit fünfzehn Jahren tanzen im SO36 jeden Sonntag Schwule und Lesben, die Foxtrott mehr als Pogo schätzen. Es läuft konventionelle Musik für unkonventionelle Gäste. Die Konzerthalle erstrahlt in sattem Rot. Junge Männer in Muskel-Shirts schwofen zu einem Schlager von Rex Gildo, ein paar Mädchen albern auf der Tanzfläche herum, eine Gruppe älterer Herren redet über die Erlebnisse des Wochenendes. Dass mit dem fröhlichen Tanztee im Punker-Schuppen bald Schluss sein könnte, ahnt heute hier noch niemand. Doch Anfang nächsten Jahres soll das SO36 schließen. Die Hausverwaltung hat den Mietvertrag für den Club zum 31. März 2010 gekündigt.
Begonnen hat alles mit einem kleinen Streit. Ein Nachbar fühlte sich durch die wummernden Bässe des SO36 belästigt. Mitte Mai folgten Auflagen vom Ordnungsamt, und die Musikanlage des Clubs wurde verplombt. Einzig eine solide Lärmschutzmauer, so errechneten Akustiker, könne helfen. Seit einem halben Jahr nun streiten sich die Betreiber des Clubs in der Oranienstraße mit der Hausverwaltung wegen der Umbaumaßnahmen. Der Konflikt ist eskaliert. Die Kündigung erfolgte Anfang September, weil das SO36 im August keine Miete zahlte.
Mittlerweile ist das Mietkonto wieder ausgeglichen. Doch der Konflikt schwelt weiter. Anwälte arbeiten sich nun durch die zähen Details eines mietrechtlichen Kleinkriegs. Heute soll es im Büro des Bezirksbürgermeisters für Kreuzberg und Friedrichshain einen Runden Tisch geben. Franz Schulz, der Bürgermeister, will vermitteln. Für das SO36 und die Hausverwaltung scheint es die vorerst letzte Chance auf eine friedliche Einigung zu sein. Die Lärmschutzmauer wird bei dem Gespräch kein Thema sein. Um die Mauer geht es schon lange nicht mehr. Es geht um Regeln und Verstöße dagegen, um Verständnis und den Mangel daran, um Werte und deren Infragestellung, um Veränderungen und deren Richtung. Vor allem aber geht es um Prinzipien. Um die der Menschen, die in Kreuzberg leben, und um die der Hausbesitzer.
Fatma Souad sitzt auf einer Bank am Heinrichplatz und raucht eine selbstgedrehte Zigarette aus biologisch angebautem Tabak, ohne Zusatzstoffe. Es wird Abend in Kreuzberg, die Kneipen und Bars in der Oranienstraße füllen sich. Vor dem SO36 parkt ein Tourbus, an diesem Abend spielen sechs Hardrock-Bands. Junge Männer mit Totenköpfen auf ihren T-Shirts drängen sich vor dem Scherengitter auf dem Bürgersteig.
"Wir haben unsere Miete 31 Jahre lang immer gezahlt", sagt Fatma, Vorstandsmitglied des SO36, "wenn auch nicht immer pünktlich." Sie reibt sich die dunklen Augenbrauen, deren kräftiger Wuchs von professioneller Hand gezähmt scheint. Sie ist in Celle als Junge namens Ali zur Welt gekommen und legt Wert darauf, als Frau angesprochen zu werden. Auch wenn sie an diesem Abend wie ein Mann aussieht: kurze dunkle Haare, Drei-Tage-Bart, Hornbrille, schwarzes Oberhemd. Wie sie da so sitzt, mit hängenden Schultern, kann man sich nur schwer vorstellen, dass Fatma als türkische Drag-Queen einen Saal voller Menschen mit ihrem Hüftschwung mitzureißen weiß. Nun aber sind ihre Fähigkeiten als Vorstand des SO36 gefragt.
Fünfzig Mitglieder hat der gemeinnützige Verein Sub Opus 36 e.V., der gern als Kollektiv bezeichnet wird. Was nicht ganz stimmt. "Wir arbeiten nur mit kollektivähnlichen Strukturen", sagt Fatma. Weil man gemerkt habe, dass alles nicht so rund läuft. Das ist diplomatisch ausgedrückt, wenn man bedenkt, dass das "Esso" häufiger Probleme hatte, die Miete pünktlich zu zahlen. "Mit vielen unserer Veranstaltungen unterstützen wir soziale und politische Projekte wie den Kinderbauernhof oder das erste türkische Lesbenmagazin", sagt Fatma. Ob das den Vorwurf der Misswirtschaft rechtfertige? Schweigen. Zahlen und Bilanzen scheinen sie nicht zu interessieren. "Der Spagat zwischen politischem Anspruch und Kommerz wird immer schwieriger", sagt sie schließlich. Es klingt wie ein Satz, den sie schon häufiger gesagt hat, dessen Auswirkungen ihr aber noch nie so klar waren wie jetzt, da die Kündigung auf dem Tisch liegt. "Mit der alten Hausverwaltung hat es wegen Verzögerungen bei den Mietzahlungen keine Probleme gegeben", sagt Fatma. Es klingt, als habe sie nicht damit gerechnet, dass sich daran je etwas ändern könnte.
Eine so zielstrebige Hausverwalterin wie Simone Stober muss auf die entspannte Kreuzbergerin Fatma wirken wie von einem fernen Planeten. Dabei war Simone Stober, 35 Jahre alt, früher gerne Gast im SO36. Die blonde Frau sitzt in einem Café in Mitte, manchmal zupft sie an ihrer blauen Bluse mit Blümchenmuster. Vor ihr steht eine Schale Milchkaffee. "Ich will das SO36 nicht rausschmeißen", sagt sie, "aber sie sollen sich an die Regeln halten." Dann erzählt sie, dass sie gerne Hardrock hört. Und oft im Franken ist, der Kneipe gegenüber dem Club. Und überhaupt, der Kiez sei super.
Seit Januar 2008 kümmert sich Simone Stober um sieben Häuser in der Oranienstraße. Man erkennt sie daran, dass an den Eingangstoren Schilder angebracht sind, die das Ankleben von Plakaten verbieten und mit strafrechtlicher Verfolgung drohen. Am SO36 wurde noch keines dieser Schilder montiert. Zwischen den vielen Plakaten an dieser Fassade wäre das Schild ein Hohn. In der Durchfahrt des Hauses sieht es anders aus. Sorgsam nebeneinander geheftet, hängen hier die Infoschreiben der Retus Hausverwaltung mit Anweisungen und Verboten. Man muss kein Hellseher sein, um sagen zu können, dass neue Regeln bei alten Kreuzbergern nicht nur auf Wohlgefallen stoßen. Erst recht nicht bei einem Verein wie dem SO36, der Regeln gerne als deren Ausnahme bestätigt und immer wieder auf seine Legenden umrankte Geschichte verweist.
Mit dem "Mauerbaufestival" im Jahr 1978 begann die Geschichte des Clubs. Der Künstler Martin Kippenberger übernahm den Club, um Punk mit Avantgardekunst zu vereinen, was fehlschlug. Anfang der achtziger Jahre entwickelte sich das SO36 zum Zentrum der Punk-Szene. Bands wie die Toten Hosen oder die Einstürzenden Neubauten hatten hier ihre ersten Auftritte. Für ein Konzert der Dead Kennedys soll sogar die ganze Straße gesperrt worden sein. 1987 räumte die Polizei das Haus, weil es nach Konzerten immer wieder zu Straßenschlachten kam. Seit 1990 führt der Verein Sub Opus 36 e.V. die Geschäfte. Allein diese Geschichte galt bisher als eine Art Bestandsgarantie für den Club.
Für Simone Stober ist das SO36 eine Herausforderung. Sie sagt, dass sich bisher niemand an die "Platzhirsch-Mentalität" der Betreiber herangetraut habe. Sie traut sich. Das verrät die Art, wie sie immer wieder mit dem Zeigefinger auf den Tisch klopft, um klarzumachen, dass sie keinen Mietrückstand mehr dulden wird. "Wenn der Senat nicht bereit ist, die Mietbürgschaft für das SO36 zu übernehmen, dann werden wir die Kündigung durchsetzen. Das haben wir Stober-Frauen so beschlossen."
Die andere Frau, von der sie spricht, ist Christine Stober, ihre Schwiegermutter, die Eigentümerin der sieben Häuser in der Oranienstraße. Weil sie viel auf Reisen ist, hat es sich die Schwiegertochter zur Aufgabe gemacht hat, die Geschicke ein wenig zu leiten. Fünf der Häuser sind bereits saniert, die Mieten erhöht: Es wurden Zentralheizungen eingebaut, Treppenhäuser renoviert, neue Briefkästen angeschraubt. "Ich mache es schön, und der Mieter zahlt die Miete", sagt sie. Besser kann man Simone Stobers Prinzip nicht in Worte fassen.
Und besser kann man den Prozess der Gentrifizierung, der Entmischung der Bevölkerung, auch nicht vorantreiben. Simone Stober möchte es in der Oranienstraße "ein bisschen harmonischer haben", wie sie sagt, junge Familien mit Kindern sollen sich hier wieder wohlfühlen. Junge Familien, wie sie selbst eine hat. Mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebt sie in Kleinmachnow, einer kleinen Gemeinde bei Potsdam mit schönen Häusern und viel Grün drum herum. Früher hat sie einmal in Kreuzberg gelebt.
Wenn man sie fragt, was bei den Verhandlungen mit dem SO36 schiefgelaufen sei, dann erzählt Simone Stober von vielen Kleinigkeiten. Aber eigentlich fehlt Simone Stober Anerkennung für das, was sie tut. Deshalb ärgert es sie, dass sie öffentlich zum Feindbild des SO36 gemacht wurde. Am meisten aber ärgert sie die Sache mit Rod.
Der Bassist der Ärzte hat per Video seine Solidarität mit dem Club bekundet. Und flapsig gesagt, er schicke der Hausverwaltung die Rod-Army vorbei. Das hat Simone Stober getroffen, sie ist Fan der Band. Dann waren da noch die Journalisten, die ihre Kinder angesprochen haben, und mysteriöse Anrufe. Heute sehe sie das gelassener, sagt sie, "aber damals war die Situation emotional aufgeladen".
"So etwas haben wir nie gewollt", sagt Fatma und schaut einer Gruppe älterer Touristen hinterher. "Wir wollen mit Frau Stober genauso Kompromisse finden, wie wir es mit dem Nachbarn probiert haben." Man habe zu seinem Hof hin umgebaut, ihm ein separates Beschwerde-Telefon eingerichtet, ihm Lärmschutzfenster angeboten. Diese habe er auch zur Straße hin haben wollen, gegen den Lärm der Touristen. Dem habe man zugestimmt. Als der Nachbar dann lieber 5 000 Euro in bar haben wollte, habe man die Verhandlungen abgebrochen.
Fatma atmet tief durch und knetet nervös das Tabakpäckchen in ihren Händen. Sie scheint noch keine Ahnung davon zu haben, wie man Ordnung in das Chaos bringen könnte. Mittlerweile ist es dunkel geworden in der Oranienstraße. "Wenn das hier so weitergeht, dass man alles auf hübsch-hübsch macht, dann werden die Ureinwohner Kreuzbergs verschwinden und ein Touristencafé nach dem anderen aufmachen. Dann wird aus der Oranienstraße die nächste Fress- und Saufmeile." Fatma blickt die Straße hinunter, zu den bunten Lichtern einer indischen Restaurantkette. Dann steht sie auf und verschwindet im Eingang des Clubs.
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"Dann wird aus der Oranienstraße die nächste Fress- und Saufmeile." Fatma Souad
"Ich will das SO36 nicht rausschmeißen. Aber sie sollen sich an die Regeln halten." Simone Stober
Foto: Konventionelle Musik für unkonventionelle Gäste: Sonntags tanzen Schwule, Lesben und ihre Freunde im SO36 Standard zu alten Schlagern.