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Am Ende sind wir klüger - Reiche sind Betrüger

Die grandiose Anarcho-Komödie "Louise Hires A Contract Killer" feuert Lachsalven auf Profitgeier

Maike Schultz

Wenn es um Revolutionen geht, ist uns Frankreich um einiges voraus. So war es bei den Bürgerrechten, und so war es auch, als die Finanzkrise im vergangenen Jahr nach Europa schwappte. Während die Deutschen wie paralysiert auf ihre Aktienkurse starrten, streikten die Franzosen zu Hunderttausenden. Wütende Mitarbeiter einer vor der Schließung stehenden Sony-Fabrik nahmen sogar zwei Manager als Geiseln. Demzufolge ist der Plot der französischen Komödie "Louise Hires A Contract Killer" nur konsequent: Als die Angestellten einer Textilfabrik eines Morgens feststellen müssen, dass ihre Maschinen über Nacht ins billigere Asien verschifft wurden, wollen sie einen Profikiller auf ihren Boss ansetzen. Das Honorar legen sie aus ihren Abfindungen zusammen, doch die Personalfindung gestaltet sich kompliziert. Weil ihr Wunschkandidat, ein Ex-Knacki, inzwischen lieber in Immobilien macht, engagiert Revolutionsführerin Louise kurzerhand einen Passanten, dem auf der Straße die Pistole aus der Hosentasche gerutscht war.

Das Missgeschick, das sie mit Michel zusammenführt, bleibt nicht das einzige in diesem Film, dessen Komik vor allem aus dem notorischen Scheitern seiner Hauptfiguren entsteht. Beide haben nichts mehr zu verlieren: Louise saß selbst schon jahrelang im Gefängnis und hat so viele Schulden, dass sie sich zum Abendessen Tauben vom Fensterbrett fängt. Als Analphabetin bekommt sie nicht einmal mit, dass ihr Hochhaus kurz vor dem Abriss steht. Michel, wie sie ein Loser vor dem Herrn, kann als Sicherheitsbeamter in einem leeren Trailerpark zwar unbemerkt seine Waffensammlung pflegen. Sein einziger Auftragsmord bestand bisher aber darin, einen kläffenden Hund zu erschießen - und nicht einmal das hat er übers Herz gebracht.

Eine gutmütige Seele ist Michel deshalb noch lange nicht: Um trotzdem das Geld für den Job zu kassieren, schickt er todkranke Menschen vor. "Machen wir uns nichts vor, du kratzt eh bald ab", überredet er seine Cousine, eine Krebspatientin, den Job zu übernehmen. "Willst du dann nicht wenigstens einen ordentlichen Abgang hinlegen?"

Sie balancieren schon hart an der Grenze des Erträglichen, die Gags des Regieduos Benoît Delépine und Gustave Kevern. Schon ihr Debüt "Aaltra" (2004) brillierte durch rabenschwarzen Humor: In dem Roadmovie spielten sie zwei Rollstuhlfahrer auf der Suche nach einer Firma, die sie für ihre Querschnittslähmung verantwortlich machen könnten - und legten so schonungslos unseren verklemmten Umgang mit Behinderten offen. Auch in ihrem neuen Film trampen zwei rachsüchtige Franzosen durch Europa, nur werden sie diesmal von den Ausnahmeschauspielern Yolande Moreau und Bouli Lanners verkörpert. Die Begegnungen auf ihrem Weg dienen als Projektionsfläche für diverse Seitenhiebe: So entpuppt sich Michels Waffenlieferant als Verschwörungstheoretiker, der in seiner Freizeit mit Modellflugzeugen den 11. September 2001 nachspielt. Produzent Matthieu Kassovitz persifliert unseren Biowahn in einer Nebenrolle als Landwirt, der seinen Ferienhof mit den eigenen Exkrementen beheizt. Allen voran geht "Louise Hires A Contract Killer" aber dem Kasinokapitalismus an den Kragen.

Wie wenig greifbar die Täter in diesem globalisierten System sind, zeigt die schier endlose Odyssee der Verfolger. Egal, wen Louise und Michel auch ins Visier nehmen, der wahre Verantwortliche sitzt immer auf einem anderen Chefsessel, wurde bereits von den Aktionären abgewählt oder entpuppt sich gar als Briefkastenfirma im Steuerparadies Jersey. Die erste Idee zu dieser genialen Tour de Force - die man unbedingt bis nach dem Abspann verfolgen sollte - hatten die Regisseure bereits 2003, als Lehman Brothers noch als sichere Anlagebank galt.

"Louise-Michel", wie ihr Film im Original heißt, ist indes keine zufällige Namenswahl. Delépine und Kevern wollten der Anarchistin Louise Michel (1830-1905) ein Denkmal setzen. Als Revolutionärin der Pariser Kommune schrieb sie inspirierende Reime wie diesen: "Am Ende sind wir klüger - Reiche sind Betrüger. Vater und Mutter haben versagt, und sie nicht zum Teufel gejagt. Doch wenn wir groß sind später, machen wir sie zu Hackepeter." Sozialkritik kann auch richtig Spaß machen.

Louise Hires a Contract Killer (Louise-Michel) Frankr. 2008. Drehbuch & Regie: Benoît Delépine, Gustave Kevern, Kamera: Hugues Poulain, Darsteller: Yolande Moreau, Bouli Lanners, Matthieu Kassovitz u. a.; 95 Minuten, Farbe. FSK ab 16.

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Foto: Die leer geräumte Fabrikhalle deprimiert sie: Louise (Yolande Moreau).