Der zweite Notfahrplan der S-Bahn innerhalb weniger Wochen hat scharfe Reaktionen von Politikern hervorgerufen. Denn wieder verkehren auf mehreren wichtigen Linien der S-Bahn keine Züge mehr. Insbesondere ist für unbestimmte Zeit die wichtigste Ost-West-Verbindung zwischen Alexanderplatz und Westkreuz unterbrochen. Grund sind neue Sicherheitsmängel an den Bremsen. Deshalb hat die S-Bahn gestern überraschend drei Viertel ihrer Züge aus dem Verkehr gezogen. Ein "verlässlicher Notfahrplan" muss erst erstellt werden und soll morgen in Kraft treten. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) kündigten Unterstützung an. Zunächst soll die U-Bahn-Linie 2 mit sechs zusätzlichen Zügen verstärkt werden - am Morgen zwischen Alexanderplatz und Zoologischer Garten, vom Vormittag an dann bis Theodor-Heuss-Platz.
Konsequenzen gefordert
Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Franziska Eichstädt-Bohlig, forderte als Konsequenz aus dem neuerlichen Chaos, dass der Senat den S-Bahn-Verkehrsvertrag umgehend kündigen und "zugunsten Berlins" nachverhandeln müsse. "Es ist skandalös, wie sich der Senat von der Bahn an der Nase herumführen lässt."
In der Tat hatte Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer noch am Nachmittag mit Ulrich Homburg, dem Vorstand Personenverkehr der Bahn AG, über Entschädigungen für die Fahrgäste wegen der bisherigen Fahrplanausdünnung verhandelt. Da hieß es noch, dass ab kommender Woche etwa 70 Prozent aller Züge wieder rollen. Als Homburg am Abend den neuen Notfahrplan ankündigte, schäumte sie vor Wut: "Dieser Vorgang sucht seinesgleichen". Sie habe Homburg für heute zum Krisengespräch bestellt.
"Was jetzt passiert, übertrifft unsere schlimmsten Befürchtungen", sagte der Vorsitzende des Betriebsrats der S-Bahn-GmbH, Heiner Wegner, der Berliner Zeitung. Die Schäden an den Bremszylindern seien eine Folge der Rationalisierung unter der früheren Geschäftsführung. "Von der Verlängerung der Wartungsfristen waren auch die Bremszylinder betroffen," sagte Wegner: "Das rächt sich jetzt."
Der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Christian Gaebler, sagte, es sei nicht hinnehmbar, dass die S-Bahn GmbH "alle zwei Monate einen neuen Mangel entdeckt und den Verkehr lahmlegt". Der Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden und Sprechers der Geschäftsführung von DB Stadtverkehr, Hermann Graf von der Schulenburg, sei jetzt fällig. Auch Homburg müsse sich nun Gedanken über persönliche Konsequenzen machen. Gaebler forderte das Eisenbahnbundesamt auf, "mit Augenmaß" zu prüfen, ob es andere Maßnahmen als eine Flottenstilllegung gebe, etwa einen Zugverkehr mit den betroffenen Fahrzeugen unter bestimmten Auflagen. Ähnlich äußerte sich die Linken-Verkehrspolitikerin Jutta Matuschek.
Der CDU-Partei- und Fraktionschef Frank Henkel sagte, die S-Bahn sei jetzt in der Pflicht, aufgrund der Minderleistung erhebliche Summen an das Land Berlin zurückzuzahlen. "Der Senat wiederum ist in der Pflicht, umgehend für den nötigen Ersatzverkehr zu sorgen."
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Der Rumpf-Plan
Bis in die Nacht hinein war gestern unklar, wie häufig die S-Bahnen welche Strecken befahren werden.
Keine S-Bahn-Züge fahren bis auf Weiteres zwischen Alexanderplatz und Westkreuz, ebenso wenig wie nach Wannsee und nach Spandau.
In der Innenstadt sollen die Ringbahnlinien S 41 und S 42 sowie die Nord-Süd--Linien S 1, S 2 und S 25 ein Basisangebot bilden.
Die Linien im Einzelnen:
Linie S 1 verkehrt zwischen Potsdam Hbf und Oranienburg
Linie S 2 fährt zwischen Blankenfelde und Bernau
Linie S 25 verkehrt zwischen Teltow Stadt und Yorckstraße sowie zwischen Schönholz und Hennigsdorf
Linie S 3 verkehrt zwischen Erkner und Ostbahnhof
Linie S 41/42 (Ring) fährt
Linie S 45 verkehrt nicht
Linie S 46 verkehrt zwischen Königs Wusterhausen und Hermannstraße
Linie S 47 verkehrt nicht
Linie S 5 fährt zwischen Strausberg und Alexanderplatz (zwischen Strausberg und Strausberg Nord Ersatzverkehr)
Linie S 7 fährt zwischen Ahrensfelde und Ostbahnhof
Linie S 75 fährt nicht
Linie S 8 fährt zwischen Hohen Neuendorf und Blankenburg
Linie S 85 verkehrt nicht
Linie S 9 fährt zwischen Flughafen Schönefeld und Treptower Park.
(Quelle: S-Bahn)
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Foto: Ulrich Homburg, Vorstand bei der Bahn AG kündigte gestern an, die Versäumnisse bei der S-Bahn aufzuklären.
Foto: Am Hauptbahnhof wird heute keine S-Bahn halten. Der Verkehr zwischen Westkreuz und Alexanderplatz ist unterbrochen. Bis auf Weiteres.