DRESDEN. Thomas Jurk steht mit versteinertem Gesicht und am ganzen Körper verkrampft im sächsischen Landtag. "Das Ergebnis ist wenig schön", presst der SPD-Spitzenkandidat und bisherige Wirtschaftsminister durch die zusammengekniffenen Lippen. Es ist die Untertreibung des Abends. Jurk hatte 15 Prozent als Wahlziel für seine Partei ausgegeben, gut fünf Prozent mehr als beim letzten Mal sollten es werden. Am Ende konnte die SPD ihr historisch schlechtestes Ergebnis kaum verbessern. Den ganzen Abend kämpfte sie um die Zehn-Prozent-Marke.
In Sachsen hat es sich für die Sozialdemokraten offensichtlich nicht ausgezahlt, dass sie in den vergangenen fünf Jahren an der Seite der CDU regierten. "Regieren war Mist", könnte man in Abwandlung eines Spruchs des SPD-Bundesvorsitzenden Franz Müntefering sagen. Eine Erklärung hat Jurk dafür zunächst nicht. "Wir waren doch erfolgreich", bilanziert er ratlos. Und dass er diesen Weg gern fortsetzen würde, gibt er beinahe kleinlaut zu erkennen. Die Chancen dafür stehen schlecht, denn das neue Modell für Sachsen soll Schwarz-Gelb heißen, daran gibt es jetzt kaum noch Zweifel.
Mehr bundespolitisches Gewicht
Ministerpräsident Stanislaw Tillich ist deshalb sichtlich zufrieden und gelassen. Er strahlt über das ganze Gesicht. Die Wähler haben den 50-jährigen Spitzenmann im Amt des Regierungschefs bestätigt, das er vor gut einem Jahr nach schweren Turbulenzen und einigen Skandalen im Land wie in der Partei von Georg Milbradt erbte. Nun erhält Tillich im Landtag Unterstützung von einer wesentlich verjüngten Mannschaft. Viele alte und auch eigenwillige Größen wie der frühere Innenminister Heinz Eggert und der bisherige Landtagspräsident Erich Iltgen werden fehlen.
Und Tillich weiß, dass er an diesem Tag mehr gewonnen hat als die Landtagswahl. Im Saarland und Thüringen ist die CDU dramatisch eingebrochen. Er dagegen konnte den Wähleranteil für seine Partei einigermaßen stabil halten. Das zählt künftig nicht nur in Dresden, sondern auch in Berlin. Das bundespolitische Gewicht des sächsischen Ministerpräsidenten dürfte gestern beträchtlich gewachsen sein. Bislang war Tillich auch von Parteifreunden vorgeworfen worden, er setze in der Bundespartei zu wenig Akzente.
In die bevorstehenden Koalitionsgespräche geht der Wahlsieger selbstbewusst. Öffentlich festlegen mag er sich noch nicht. Er verweist auf den großen Vorsprung vor allen anderen Parteien. Nun, erklärt Tillich, werde man in Gesprächen herausfinden, welche der anderen Parteien bereit sei, das Konzept der Union mit umzusetzen.
Im Wahlkampf hatte Stanislaw Tillich keinen Zweifel daran gelassen, dass er die meisten Übereinstimmungen mit der FDP sieht. Die CDU hat es schon vorab ihren "Vertrag mit Sachsen" genannt. Arbeit und Bildung stehen im Mittelpunkt. Aber inhaltlich waren die Unterschiede zwischen der Union und den anderen Parteien im Wahlkampf eigentlich kaum zu erkennen.
Gewinner dieser Wahl ist auch die FDP. Ihr Chef Holger Zastrow hat die Liberalen seit 1999 von 1,1 Prozent auf ein jetzt zweistelliges Ergebnis gebracht. "Wir haben Geschichte geschrieben", ruft Zastrow in jedes offene Mikrofon. Zum ersten Mal kam seine Partei vor der SPD ins Ziel. Zastrow rechnet fest mit einem Ministeramt, aber natürlich gehe es jetzt erst einmal um "Inhalte", sagte er. In Sachsen zeige sich, dass auch in einem Parlament mit sechs Parteien "stabile bürgerliche Mehrheiten möglich" seien. "Das wünsche ich mir auch für Berlin", sagte Zastrow.
Die Linke hatte dagegen offensichtlich vergeblich vor der sozialen Kälte gewarnt, die mit einem schwarz-gelben Bündnis drohe. Sie musste unter ihrem farblosen Spitzenkandidaten André Hahn sogar Verluste hinnehmen. Nach den Ursachen mochte Hahn jedoch zunächst nicht suchen. Er nahm sich vielmehr das katastrophale Abschneiden der SPD vor. Auch in Sachsen wäre nach 20 Jahren CDU ein Politikwechsel notwendig gewesen, sagt Hahn. Die Sozialdemokraten hätten ihn jedoch mit ihrer "Anbiederung" an die Union unmöglich gemacht.
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Sehr niedrige Wahlbeteiligung
So wenige Bürger wie noch nie zuvor in dem Bundesland haben in Sachsen am Sonntag gewählt. Die Beteiligung lag bei 52,2 Prozent. Vor fünf Jahren hatten 59,6 Prozent der sächsischen Wähler ihre Stimme abgegeben.
Ihren Wahlsieg in Sachsen verdankt die CDU nach einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen ihrem hohem Parteiansehen, einer guten Leistungsbilanz sowie einem Ministerpräsidenten, der nach nur gut einem Jahr im Amt bereits an die positiven Ausnahmewerte seiner Vorgänger heranreichen kann. Regierungschef Tillich bescheinigten 68 Prozent der Sachsen einen guten Job im Amt.
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"Wir sind bereit. Ich bin gespannt, wann Tillich sich meldet." Thomas Jurk, SPD-Spitzenkandidat in Sachsen
"Sachsen war seit 1990 kein rotes Sachsen, sondern eher CDU-orientiert. Jetzt kehrt Normalität ein, aber die CDU ist immer noch größte Fraktion." Kurt Biedenkopf, ehemaliger CDU-Ministerpräsident von Sachsen
Foto: CDU-Dynastie: der Wahlsieger Stanislaw Tillich (2.v.r.) mit seiner Ehefrau (r.) und dem früheren Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf und Gattin. Tillich hat ähnlich hohe Beliebtheitswerte wie ehedem Biedenkopf.