SANAA. Die Turmhäuser aus gebrannten Lehmziegeln, die Männer in den langen weißen Gewändern, der Krummdolch vor ihren Bäuchen - wenn Kamal al-Makrami durch die Altstadt von Sanaa spaziert, gerät er ins Staunen wie ein Tourist. "Ich bin ja schon ein bisschen herumgekommen in der Welt", sagt der 48-jährige Jemenit aus Aden und lässt seine Augen über die zahllosen Minarette gleiten, die wie erhobene Zeigefinger in den Himmel ragen. "Aber meine eigene Hauptstadt ist mir immer noch fremd."
Die Bewohner von Sanaa seien irgendwie im Mittelalter stecken geblieben, wird im Südjemen gelästert. Rückständige Stammeskrieger, die ihre Frauen nur schwarz verhüllt wie Zelte auf die Straße lassen und ihre Zeit damit verschwenden, die berauschenden Blätter des Qatstrauches zu kauen. "Das ist eine andere Kultur", sagt Makrami. "Der Krummdolch zum Beispiel: Sie kämpfen nicht damit, aber sie brauchen ihn als Statussymbol. Ohne Dolch ist der Nordjemenit kein Mann."
Wie Ossis und Wessis
Makrami trägt kein Kleid mit Krummdolch, sondern Jeans und Pullover. Als Aden noch Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Jemen war, erhielt er ein Stipendium für die Kunstakademie in Moskau. Er arbeitete als Designer in England und studierte Bildhauerei in Deutschland. Die Turmhäuser von Sanaa bekam Makrami erst zu Gesicht, als die Sowjetunion am Zusammenbrechen war. Viereinhalb Monate vor der Wiedervereinigung von DDR und Bundesrepublik schlossen sich 1990 der Norden und der Süden zur Republik Jemen zusammen.
Diesmal hat das Goethe-Institut den Mann mit dem schütteren Haarkranz und der runden Brille nach Sanaa geholt. Makrami pinselt schwarze, rote und goldgelbe Farbe auf eine großformatige Leinwand. Vor der Sonne und den neugierigen Blicken der weiß gewandeten Straßenverkäufer schützen die dicken Mauern des Nationalmuseums. Die Leinwand haben die Deutschen geschickt. Sie ist auf einen 2,50 Meter hohen, einen Meter breiten und 40 Zentimeter dicken Styroporblock geklebt, der an ein verkleinertes Teil der Berliner Mauer erinnern soll. Jemeniten aus Nord und Süd bemalen Berliner Mauersteine. Zurück in Deutschland, sollen die Werke zusammen mit den in anderen Ländern bemalte am 9. November wie Dominosteine vor dem Brandenburger Tor fallen. (Siehe Kasten)
"Mir gefällt die Idee, das ist eine schöne Symbolik", schwärmt Makrami. "Es gibt so viele Gemeinsamkeiten zwischen unseren Ländern." Der Maler denkt nach. "Ossis und Wessis sagt ihr doch", er muss lachen, als ihm die deutschen Begriffe wieder einfallen. Hier werden die unzivilisierten Stammeskrieger im Norden "Baschbusch" genannt, die verlotterten Ungläubigen im Süden "Dahabischa". Pate standen die Witzfiguren aus einer Kinderserie im Fernsehen.
Einen wahren Kern hätten die Klischees schon, sagt Makrami und wird ernst. In Sanaa, wo tausend Jahre lang zaiditische Imame ein völlig abgeschottetes Land regierten, spielen Religion und Stammesrecht eine ganz andere Rolle als in Aden, wo seit dem 19. Jahrhundert die Briten und dann 23 Jahre lang die Sozialisten herrschten. Im Bürgerkrieg von 1994, als die Sozialisten versuchten, die Vereinigung wieder rückgängig zu machen, zerstörten Soldaten aus dem Norden - unterstützt von Rückkehrern aus dem Dschihad in Afghanistan - in Aden die einzige Brauerei auf der Arabischen Halbinsel.
Seitdem ist es vorbei mit der Gleichberechtigung zwischen den heute knapp 20 Millionen Nordjemeniten und den fünf Millionen im Süden. Die wichtigsten Posten im Sicherheitsapparat und in der Verwaltung des Südens ließ Staatspräsident Ali Abdullah Saleh mit Getreuen aus Sanaa besetzen, die sich ungehindert Ländereien und Immobilien unter den Nagel rissen. Die Staatselite floh ins Ausland, hunderttausende Beamte und Soldaten dürfen nicht mehr arbeiten und werden mit kleinen Renten abgespeist.
"Wir mussten alles aufgeben", sagt Makrami und hämmert auf die Leinwand. Auf der Rückseite des in Schwarz-Rot-Gold bemalten Mauerstücks bringt er Teile grüner Blechfässer an, Symbol für einen GrenzKontrollpunkt. "Wir mussten unsere Traditionen aufgeben, unseren Lebensstil. Wir haben viele Schritte zurück gemacht", sagt er. Nicht alles sei schlechter gewesen im Südjemen. "Nicht, dass ich den Sozialismus zurück wollte. Aber schau dir die Frauen an: Früher war es im Süden normal, dass sie arbeiten gingen, sogar im Minirock, wenn sie wollten." Nun hat sich auch in Aden längst der schwarze Ganzkörperschleier durchgesetzt, der nur einen schmalen Schlitz für die Augen lässt.
"Das ist keine Frage von Nord und Süd", wirft Makramis Kollegin Amnah al-Nasiri ein. Die 39-Jährige stammt aus Sanaa. Ihr locker gebundenes Kopftuch vermag das schwarze Haar nicht ganz zu bändigen, die große Sonnenbrille und der Lippenstift lassen auch sie wie eine Touristin aussehen in Sanaa. Nasiri sprüht rote Farbe auf ihren Mauerstein, unter einer Schablone werden Vögel sichtbar, die über eine stilisierte Barriere fliegen. "Ein Symbol für die Freiheit", sagt sie.
An der Universität Sanaa unterrichtet Nasiri Philosophie. Immer wieder stellt sie in ihren Vorlesungen die Frage, was Freiheit in einer konservativ geprägten Gesellschaft bedeutet. Die Philosophin hält es mit den Sufis, islamischen Mystikern, die sich Allah spirituell nähern, statt immer neue Regeln und Verbote aufzustellen: "Sufis machen die Religion menschlicher. Sie haben Poesie, Tanz, Musik entwickelt. Sie glauben an die Freiheit der Seele. Diese Freiheit brauchen wir auch in der Kunst." Doch im Jemen sind die Sufis auf dem Rückzug - im Norden wie im Süden. Seit Jahren wächst der Einfluss der streng orthodoxen Wahabiten aus Saudi-Arabien.
Tugendwächter gegen Sittenverfall
"Jetzt wollen sie uns sogar weismachen, dass die schönen Künste gegen die Religion verstoßen." Davon sei vor 20 Jahren noch keine Rede gewesen, sagt Nasiri und drückt auf die Spraydose. Doch der politische Islam werde stärker, auf Kosten vieler Freiheiten. In Sanaa haben einflussreiche Scheichs im Sommer ein Komitee zur Verteidigung der Tugend gegründet, das den angeblichen Verfall der Sitten aufhalten soll. Unter Sittenverfall verstehen die Tugendwächter neben dem unkontrollierten Zugang zu Videos, Musik und Internet auch, dass Frauen arbeiten oder sich gar ins Parlament wählen lassen.
"Wenn das so weitergeht, hat Kunst im Jemen keine Zukunft", sagt Nasiri. Ihr Sohn ist zum Studieren nach Malaysia gegangen, sie selbst will bleiben. "Natürlich hätte ich es anderswo leichter. Ich könnte von meiner Kunst leben, es gäbe professionelle Galerien. Aber was bringt es, wenn alle gehen? Es ist wichtiger, hier etwas zu tun und die Mentalität der Menschen zu ändern." Während Nasiri ihre Vögel die Barriere durchbrechen lässt, demonstrieren in Aden wieder Tausende für mehr Eigenständigkeit. Manche schwenken die alte Fahne der Volksrepublik und fordern die Abspaltung. Die Soldaten schießen scharf, es gibt Tote.
Abspaltung ist keine Lösung, da sind sich der Maler aus dem Süden und seine Kollegin aus dem Norden einig. "Das brächte Chaos und Bürgerkrieg", sagt Makrami. "Der Jemen würde in viele Scheichtümer zerfallen", pflichtet ihm Nasiri bei. "Wir brauchen ein geeintes Land." Mit den konservativen Stammeskriegern im Norden möchte sie nicht allein gelassen werden.
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Auch in Korea, Zypern, Mexiko
Das Goethe-Institut hat anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Berliner Mauerfalls internationale Künstler zum Nachdenken über ihre Erfahrungen mit Grenzen eingeladen und symbolische Mauersteine auf die Reise geschickt. Beteiligt sind Künstler aus Ländern, die selbst geteilt sind oder waren oder in denen Isolation, Teilung und Grenzerfahrung den Alltag prägen: etwa Korea, China, Zypern, Israel, Mexiko, die Palästinensischen Autonomiegebiete und der Jemen.
Die Mauerreise ist der internationale Beitrag des Goethe-Instituts zur Domino-Aktion beim "Fest der Freiheit" am 9. November am Brandenburger Tor, bei dem die Mauersteine der Reihe nach umgestürzt werden sollen. Ab November wird dann ein Teil der gestalteten Steine im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn sowie im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig ausgestellt.
Der Jemen wurde am 20. Mai 1990 wiedervereinigt. Während der Teilung hatte der Nordjemen einen konservativ marktwirtschaftlichen Kurs eingeschlagen und wurde vor allem durch Saudi-Arabien und westliche Verbündete gestützt. Der Südjemen suchte den Schulterschluss mit den Ländern des Ostblocks.
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Foto: Die Altstadt von Sanaa mit ihrer Lehmarchitektur gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Männer tragen den Krummdolch im Gürtel, die Frauen sind schwarz verschleiert.
Foto: Auf eines der symbolischen Mauerstücke zeichnet al-Makrami eine Faust, die Mauern sprengt.