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Kleinbahn der Rekorde

Die neue U-Bahn-Linie 55 ist sehr kurz, die Liste ihrer Superlative umso länger

Peter Neumann

Es hat lange gedauert, jetzt ist es so weit. Berlin bekommt eine neue U-Bahn-Linie. Die U 55, die in Mitte vom Hauptbahnhof zum U-Bahnhof Brandenburger Tor führt, wird morgen eröffnet. Von elf Uhr an können die Berlinerinnen und Berliner die Strecke zum Nulltarif entdecken. Die U 55 ist zwar nicht lang, aber die Liste ihrer Superlative ist es umso mehr.

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Die kürzeste U-Bahn-Linie Berlins: Diese Distanz lässt sich auch bequem laufen - von Endstation zu Endstation misst die U 55 gerade mal rund 1,8 Kilometer. Fahrzeit: laut Fahrplanauskunft zwei Minuten. Nördlich vom Hauptbahnhof führt die Strecke 200 Meter weiter, dort werden die Züge abgestellt und gewartet. Das folgende, 250 Meter lange Tunnelstück, das als "Vorhaltebauwerk" für eine spätere (aber unwahrscheinliche) Fortführung in Richtung Turmstraße dient, wird ebenfalls als Werkstatt genutzt. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sprechen von der "vielleicht kürzesten U-Bahn-Linie der Welt". Noch kürzer war in Berlin der erste Vorläufer der U 8, der 1927/28 von der Boddin- bis zur Schönleinstraße führte - 1,6 Kilometer. Die frühere U 5, die bis 1970 zwischen Deutsche Oper und Richard-Wagner-Platz verlief, war sogar nur knapp 700 Meter lang.

Der einzige Inselbetrieb in Berlin: Die U 55 ist nicht mit dem U-Bahn-Netz verbunden. Auf der Karte wirkt sie wie eine Insel, daher die Bezeichnung. Die Züge mussten von der Betriebswerkstatt Friedrichsfelde auf der Straße herangebracht und von einem Autokran fast 20 Meter tief in den Tunnel herabgelassen werden. Dafür gibt es an der Minna-Cauer-Straße beim Hauptbahnhof eine Einlassöffnung. Erst von 2017 an sind solche Prozeduren nicht mehr nötig. Dann soll die Verlängerung zum Alexanderplatz fertig sein - und damit der Anschluss an die U 5.

Der teuerste U-Bahnhof Berlins: Allein die Baugrube und der Rohbau der Station Bundestag haben 115 Millionen Mark, fast 59 Millionen Euro, gekostet. Der einzige Zwischenhalt der U 55 ist aufwendig ausgefallen, weil er das "Bürgerforum" mittragen sollte, das zwischen dem Paul-Löbe-Haus des Bundestags und dem Kanzleramt vorgesehen war. Das Forum wurde nicht gebaut, die Station jedoch schon. Das von Axel Schultes und Charlotte Frank entworfene Bauwerk ist sehr großzügig - die Halle ist laut BVG 3 000 Quadratmeter groß und acht Meter hoch. Die Station wirkt auch ungewöhnlich elegant - polierter Sichtbeton dominiert, verglaste Öffnungen über 15 Säulen lassen Tageslicht hinein.

Die interessantesten Nutzungen: Im Rohbau der Station Bundestag haben Robbie Williams und andere Stars Partys gefeiert, 2004 rasten dort Karts um die Wette. Außerdem wurden Szenen für den Horrorstreifen "Resident Evil", für den Science Fiction "Librium" und für viele andere Filme gedreht. Die Neuköllner Oper widmete der berühmten Nachbarin Angela Merkel eine "Nationaloper". Bei der "Zauberflöte in der U-Bahn", 2008 von Christoph Hagel nach Mozart inszeniert, fuhr die Königin der Nacht stilecht auf einer Lore vor.

Die höchste U-Bahnhofshalle: Der Station Hauptbahnhof hat der Architekt Meinhard von Gerkan eine rund elf Meter hohe Halle verpasst. Die BVG ließ zwar rund anderthalb Meter abhängen, doch ein Rekordhalter ist das unterirdische Bauwerk dennoch. Selbst die Halle des U-Bahnhofs Hermannplatz (U 7) ist nur 7,25 Meter hoch.

Das langwierigste Projekt: Vor fast 14 Jahren, am 13. Oktober 1995, setzte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl den ersten Spatenstich zu den Verkehrsanlagen im zentralen Bereich - zu denen auch die U-Bahn gehört. 2001 verkündete der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) den Baustopp, Berlin könne sich diese Trasse nicht leisten. Doch weil bis dahin schon 128 Millionen Euro Bundesgeld investiert worden waren, setzte der Bund 2004 den Weiterbau durch. Bis heute wurden pro Monat im Durchschnitt elf Meter Strecke gebaut, damit ist die U 55 Rekordhalter in der Nachkriegsgeschichte. Davor gab es noch langwierigere U-Bahn-Projekte, etwa die GN-Bahn Gesundbrunnen-Neukölln, heute ein Teil der U 8. Baubeginn war 1913. Das erste Teilstück öffnete 1927, fertig war die Strecke aber erst 1930.

...und noch mehr Rekorde: Der U-Bahnhof Brandenburger Tor ist die einzige Station mit Gedenkstätte - Bilder erinnern an die Teilung und die Wiedervereinigung. Die U 55 braucht als einzige U-Bahn-Linie keine Signale. Ein Zug pendelt hin und her, dafür wird keine Sicherungstechnik benötigt. Wenn die Strecke zum Alexanderplatz verlängert wird, entsteht an der Kreuzung Unter den Linden/ Friedrichstraße die höchste Lärmschutzwand, die es jemals an einer U-Bahn-Baustelle in Berlin gegeben hat - bis zu 20 Meter hoch.

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CHRONOLOGIE

Foto: 25. Mai 2004: Journalisten erkunden den Tunnel der U 55. Noch liegen keine Gleise. Zwar sollte die U-Bahn-Strecke unter dem Parlaments- und Regierungsviertel ursprünglich bereits im selben Jahr eröffnet werden. Doch ein Baustopp, Grundwassereinbrüche und Umplanungen verzögerten das Bauprojekt.

Foto: 21. April 2008: Während einer Probe zur "Zauberflöte in der U-Bahn" schwingt Darlene Ann Dobisch als Königin der Nacht die Axt. Die Mozart-Oper im U-Bahnhof Bundestag war ein Erfolg. 28 000 Zuschauer begaben sich in die Unterwelt.

Foto: 23. Juli 2009: Ein Kran hievt einen U-Bahn-Wagen durch die Einlassöffnung nördlich vom Hauptbahnhof in den Tunnel. Ein Vier-Wagen-Zug wird von morgen an Fahrgäste befördern. Vier weitere Wagen, auch sie vom Typ F 79 und 30 Jahre alt, dienen als Reserve. Alle Züge sind ohne Werbung und videoüberwacht.

Foto: 6. August 2009: Ein Zug hat BVG-Mitarbeiter zur Station Hauptbahnhof gebracht. Sie wurde wie der Hauptbahnhof von Meinhard von Gerkan entworfen - doch die BVG hat die Pläne zum Teil geändert.

Foto: 6. August 2009: Nach der Dienstfahrt ist die U-Bahn-Station unter dem Hauptbahnhof wieder menschenleer. Das wird sich morgen einen Tag lang ändern - zur Eröffnung der U 55 erwartet die BVG mehrere zehntausend Besucher. Danach wird es erneut ruhiger. Die BVG rechnet mit nur 6 400 Fahrgästen pro Tag.

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Karte: Das erste Stück der U-5-Verlängerung ist fertig. Der Abschnitt vom Hauptbahnhof zum U-Bahnhof Brandenburger Tor wird morgen als U 55 eröffnet. Kosten: 320 Millionen Euro. 2010 wird weitergebaut - wofür 433 Millionen Euro eingeplant sind. Das Teilstück Alexanderplatz-Rathaus soll 2015 fertig sein, der Rest 2017.