Wenn Regisseure sich auf die Filme anderer Regisseure beziehen, gilt das als Beweis einer besonders großen Liebe zum Kino. Wenn sie Szenen aus alten Filmen einbauen in ihre Arbeit, wenn sie ihre Darsteller ausstaffieren wie Hollywood-Legenden in Klassikern, bedeutet das aber auch etwas anderes: Diese Regisseure versichern sich einer Tradition, und sie demonstrieren mit ihrem Zitatenkino, dass dies die Ahnenreihe ist, in der sie sich sehen oder auch nur zu sehen wünschen. Quentin Tarantino ist das populärste Bilderbuchbeispiel dieses Dialogs mit der Filmgeschichte und Pedro Almodóvar das kunstfertigste. Während der US-Amerikaner seine Liebe zum B-Movie in relativ überschaubaren Genregrenzen auf adäquat spaßhaftem Niveau auslebt, will der spanische Regisseur das ganze komplexe Universum des Kinos fassen.
Film satt
Und so wirkt Pedro Almodóvars neuer Film denn auch wie ein ungeheuer stilvolles Festbankett, auf dem sich viel von dem findet, was man als Zuschauer kennen und lieben gelernt hat. "Zerrissene Umarmungen" ist ein Melodram, aber auch ein Thriller, ein Film Noir, eine Farce, aber auch eine Romanze, und außerdem ist dies noch eine Übung in Bildtheorie. Das ist wirklich viel für einen einzigen Film, und selbst für so einen exzellenten Regisseur wie Pedro Almodóvar ist es ein wenig viel. Man sitzt im Kino und arbeitet sich zunächst gern ab an den vielen interessanten Bezügen und Verweisen auf andere Seherlebnisse, den ineinander verschachtelten Motiven und geheimen Geschichten, die nach und nach hinter der Hauptgeschichte hervortreten. Aber am Ende fühlt man doch einen schwer zu bestimmenden Mangel, etwas fehlt. Vielleicht sind es jene Grenzen, welche die Unvollkommenheit setzt. Das wäre nämlich etwas, worauf man sich nicht allein als Cineast beziehen könnte, sondern schlicht als Mensch.
Das aber ist etwas, was Pedro Almodóvar hier kaum zu interessieren scheint. Sein Film ist nicht nur in der überbordenden Genre-Synthese und den vielen Zitaten bis in die Namensgebung der Figuren hinein eine Hommage ans Kino, sondern auch in der Struktur: Es geht in "Zerrissene Umarmungen" um die Liebe zum Filmemachen. Und um die Liebe überhaupt. Die Hauptfigur ist ein Regisseur: Bei einem Autounfall, der seine Hauptdarstellerin, Muse und Geliebte Lena das Leben kostete, ist Mateo Blanco erblindet. Seither nennt er sich Harry Caine und hat als Autor sein Auskommen. Seine einstige Produktionsleiterin Julia steht ihm bei den alltäglichen Verrichtungen zur Seite. So kann Harry (Lluís Homa) ein relativ normales Leben führen - bis eines Tages, vierzehn Jahre nach jenem fatalen Unfall, der junge Regisseur Ray X (!) bei ihm auftaucht, um einen Film über einen schwulen Künstler mit gravierendem Vaterproblem zu machen. Nun verhält es sich so, dass eben der Vater von Ray X nicht nur ein mächtiger Produzent ist, sondern auch der Ehemann von Lena war. Als Mateo/Harry und Lena gemeinsam an dem Film "Frauen und Koffer" arbeiteten - wobei sie sich näher kamen -, beauftragte Lenas eifersüchtiger Gatte Ernesto, der unseligerweise gleichzeitig Mateos Filmfinanzier war, Ray X damit, die Dreharbeiten zu dokumentieren. Also den Regisseur und seine Hauptdarstellerin zu überwachen.
Ein Puzzle aus Bildern ist in "Zerrissene Umarmungen" zu sortieren: Da sind die Bilder des Films selbst, aber auch die des Films im Film, dazu kommen die Bilder der zitierten Filmklassiker und jene, die Ray X drehte zum Film im Film. Und ja - das klingt kompliziert, aber Liebe und Kunst sind nun mal selten einfach. Sie machen viel Arbeit, die nicht immer gelingt. Authentische Gefühle und Beziehungen, aber eben auch tragisch gescheiterte - die "zerrissenen Umarmungen" des Filmtitels - können daraus folgen.
In einer der stärksten Szenen seines Films zitiert Pedro Almodóvar jene Sequenz aus Roberto Rossellinis "Reise in Italien", in der Ingrid Bergman als Katherine bei Ausgrabungen in Pompeji in Tränen ausbricht, weil der Anblick eines im Schlaf von der tödlichen Vulkanlava überraschten, eng umschlungenen Liebespaars sie an die Leere ihrer eigenen Ehe erinnert. Mateo und Lena sehen diesen Film auf der Flucht vor Ernesto, und dann machen sie ein Foto von sich. Diese Vervielfachung existenzieller Gefühle ist nahezu unerträglich.
Spiegelungen
Die Schauspielerin Penélope Cruz, die nur bei Woody Allen schöner ins Licht gesetzt wird als bei Almodóvar, ist in "Zerissene Umarmungen" als Lena einmal zurechtgemacht wie Audrey Hepburn seinerzeit in Billy Wilders "Sabrina", mit kurzem Fransenpony und Pferdeschwanz, und ein anderes Mal darf sie so superblond und bauschhaarig auftreten wie Marilyn Monroe. Spiegelungen und Wiedergänger sind die Konstanten von Almodóvars neuem Film - was soweit geht, dass sich der Regisseur selbst zitiert: "Frauen und Koffer" ist ein Verweis auf seinen eigenen großen Kinoerfolg "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" von 1988. Warum tut er das nur? Längst wissen doch alle, dass der große Pedro Almodóvar selbst Filmgeschichte geschrieben hat.
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Zerrissene Umarmungen
(Los Abrazos rotos/ Broken Embraces)
Spanien 2009.
127 Minuten, Farbe.
FSK ab 12 Jahre.
Drehbuch & Regie: Pedro Almodóvar,
Darsteller: Penélope Cruz, Lluís Homar, Blanca Portillo, Jose Luis Gomez, Tamar Novas, Ángela Molina u. a.;
Ab Donnerstag im Kino.
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Foto: In jeder Brünetten steckt eine Blondine: Penélope Cruz darf hier aussehen wie Marilyn Monroe - und wird dabei beobachtet.