Thomas Elsaesser zählt zu den bedeutendsten Filmwissenschaftlern Europas. Er lehrte und forschte in Amerika, Europa und Israel und ist Professor Emeritus der Universität Amsterdam, wo er über "Film & Television" "Visual Culture" und "Cinema Europe" forscht. Seine Bücher über das deutsche Kino der Kaiserzeit, den Film der Weimarer Republik, den Neuen Deutschen Film, über "Metropolis", Rainer Werner Fassbinder oder Harun Farocki sind Standardwerke. Jüngst erschienen: "Hollywood heute - Geschichte, Gender und Nation im postklassischen Kino" (2009).
Herr Elsaesser, Sie verstehen das Digitale nicht so sehr als technologischen Bruch, sondern als kulturelle Nullstelle. Was meinen Sie damit?
Ich wollte damit erst einmal auf Abstand gehen gegenüber dem Hype, der die digitalen Medien umgibt, aber auch die Panik über den "Verlust der Wirklichkeit" oder den Kulturpessimismus über den "Tod des Kinos" etwas relativieren.
Gängige Meinung ist, dass digitale Medien technische Mittel des Wandels unserer Sehgewohnheiten sind.
Wenn ich heute ins Kino gehe, bleibt scheinbar alles beim Alten - und gleichzeitig hat sich alles verändert. Um diesem Paradox gerecht zu werden, stellt die Digitalisierung in der Tat eine Aufforderung zu einem Neu- und Überdenken der Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts dar. Man hat das Kino historisch wie theoretisch an die Fotografie zu koppeln versucht - und dabei unter anderem den Ton komplett vernachlässigt. Die digitale Verschmelzung von Bild, Ton und Text zeigt uns die Grenzen dieses Denkens und zwingt uns, viele der vernachlässigten Querverbindungen und Parallel-Entwicklungen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert neu zu entdecken und einzuordnen. Auch die Begriffe müssen überdacht werden. Ein wichtiger Punkt ist der vom Film eingeforderte Realismus-Begriff, der ja stark an die Fotografie gebunden ist. Kino wird oft als Abbild der Realität verstanden beziehungsweise auf seinen Wahrheitsgehalt hin beurteilt. Mit der Digitalisierung haben die Bilder jedoch den physischen Bezug zu dem, was vor der Kamera war, verloren. Man kann ihnen also nicht mehr wie bisher vertrauen.
Was heißt das in Bezug auf das Kino als Maschine des Sichtbaren?
Es gibt in puncto Kino viele Versuche, Bilder und Bildlichkeit anders zu denken, sich also nicht auf die Fotografie und ihre Genealogie festzulegen, sondern etwa den historischen Kontext der Projektionen, der Filmvorführungen wieder in den Vordergrund zu rücken. Die Laterna magica hat nicht nur zum gerahmten Bild mit Zentralperspektive geführt, wie wir es vom klassischen Kino gewöhnt sind, sondern auch zu den Projektionsschaustellungen seit dem späten 18. Jahrhundert. Diese sogenannten Phantasmagorien waren Projektionen von Nebelbildern und Geistererscheinungen, die über eine komplexe Technologie von Spiegeln und einer Rauch und Geräusche produzierenden Maschinerie dem Zuschauer räumliche Präsenz vorgaukelten.
Womit ein viel stärkerer Bezug zur plastischen Kunst hergestellt wäre als zur Fotografie oder zur Malerei.
Genau. Wenn wir über das Kino und die unwahrscheinlich großen Veränderungen sprechen, die sich in der Produktion, in der Montage, beim Vertrieb durch die Digitalisierung ergeben haben - von denen der Zuschauer aber, abgesehen von den "special effects" oder im Animationsfilm, so gut wie nichts bemerkt -, können wir entweder einen radikalen Bruch diagnostizieren, dessen Konsequenzen noch gar nicht absehbar sind. Oder wir überdenken das fotografische Bild. Und verstehen es nicht als Endpunkt, sondern eher als historischen Sonderfall, den es in eine viel längere Geschichte einzubetten gilt. - Man stößt in der Vergangenheit ständig auf heutige Vorstellungen und merkt, wie viel von dem, was wir jetzt erleben, schon einmal da gewesen ist, angedacht wurde oder in einer anderen Form als Fantasie oder Albtraum präsent war. Abgesehen davon hatten die sogenannten Pioniere des Kinos oft ganz andere Vorstellungen und Ziele als die, die wir ihnen unterstellen. Gerade diejenigen, die wir als die Väter des Kinos bezeichnen, also die Brüder Lumière, waren wesentlich länger mit den Möglichkeiten der Stereoskopie und des 3D-Modellierens beschäftigt als mit dem Kinematografen, an dem sie knapp zehn Jahre nach dessen "Erfindung" fast jegliches Interesse verloren hatten.
Der berühmte Lumière-Film mit der Einfahrt des Zugs in den Bahnhof Ciotat ist ein erster 3D-Film?
Ja. Das ist außerhalb von Fachkreisen eine wenig bekannte Geschichte. Für die Pariser Weltausstellung von 1903 hatten sie tatsächlich eine stereoskopische Version gedreht und diese auch vorgeführt. Wenn wir heute also wieder 3D-Filme sehen wollen oder die Filmindustrie uns diese schmackhaft machen will, so stellt sich die Frage der Herkunft einer solchen Innovation, die gar keine ist. Warum gibt es gerade jetzt wieder 3D-Filme? Und: Wenn es damals nicht zum Durchbruch kam, obwohl es technisch möglich war, welche Kräfte und Gründe sind es dann die zu tatsächlichen Medienumbrüchen führen? Entscheidend ist dabei auch das gesellschaftliche Umfeld. So war das, was heute manchmal als "Infotainment" oder "Docu-Fiction" abgetan wird, also die Mischung von Nachrichten, Einzelschicksalen und Sachwissen, im 19. Jahrhundert eine ganz anders bewertete Errungenschaft, die den Ehrgeiz des aufsteigenden Bürgertums verkörperte, nämlich Unterhaltung, Unterricht und Wissenschaft als Lern- und Bildungserfahrung im häuslichen Familienkreis zusammenzubringen. Heute stellt sich über die Massenmedien, besonders das Fernsehen, diese Einheit wieder her. Sie wird aber in ihrer integrativen Seite selten anerkannt, sondern eher als Verflachung klassischer Bildungsideale wahrgenommen. Historisch gesehen ist die Trennung zwischen Bildung und Unterhaltung noch keine 100 Jahre alt.
Wie wird sich Ihrer Meinung nach das Kino in den nächsten Jahren entwickeln?
Das kommt darauf an, was man unter "Kino" verstehen will.
Kino als Ort, an dem man Stunden in einem dunklen Raum sitzt, um audiovisuellen Bildern zu folgen ...
Dann wäre Kino der gleiche Ort wie Oper und Theater. Oder? Aber wir sagen nicht: "Rettet das Theater", sondern: "Rettet das Kino". Wo ist der Abgrund, vor dem man das Kino retten soll? Für Menschen zwischen 50 und 70 Jahren wird das Kino nicht mehr gemacht. Das Kino existiert, weil die 14- bis 24-Jährigen ins Kino wollen. Kino ist ein öffentlicher Ort. Diesen gleichzeitig lokalen wie globalen Ort bedient Hollywood nach wie vor sehr gut.
Ein Medienphänomen ist, dass zwischen Privatleben und dem Rollenverständnis der Stars kein Unterschied mehr gemacht wird.
Das wird als kultureller Niedergang interpretiert. Man könnte es aber genauso gut als eine neue Form verstehen, eine spezielle Lebenswelt zu schaffen. Als einen Lebensraum, wo Hoffnungen, Wünsche und Träume hineingenommen werden. Wo das Virtuelle und das Bestehende sich verschränken.
Heutige Zuschauer sind anders als die vor 50 oder 100 Jahren; die Welt ist komplexer geworden. Ist dieses stereoskopische Sehen im 3D-Kino auch als Training für veränderte Lebensverhältnisse zu verstehen?
Ein anthropologischer Zugang wäre es, zu sagen, dass die audiovisuellen Medien Trainings- und Anpassungsmechanismen sind. Unsere Massenmedien wären dazu da, den Menschen mit den modernen Anforderungen an den Körper und die Sinne vertraut zu machen. Das kann über Schock oder Trauma geschehen, ist aber immer wieder auch stark lustbesetzt. So wie man eine Festplatte neu formatiert, so wird, metaphorisch gesprochen, der Mensch jetzt neu formatiert. Man kann das überspitzt auch so formulieren: Heute ist die Kunst dazu da, das, was notwendig ist, reizvoll zu machen.
Sie sagten mal: "Heute weiß man nie, was im Film passiert."
Man wird systematisch verunsichert in seinem Raumgefühl, und zwar hauptsächlich durch den Ton. Der stereophone Ton, der mit dem Dolby in die Kinos kam ("Star Wars" und "Apocalypse Now" sind die ersten großen Beispiele dieses neuen Klangraums) hat uns lustvoll verunsichert. Im klassischen Film, bei dem der Ton dem Bild untergeordnet war, wussten wir, wo wir im Bild waren. Im sogenannten postklassischen Kino ist der Tonraum so eng an unseren Körper gebunden, dass wir erst mal traumatisiert werden, weil wir nicht wissen, wo das nächste Monster lauert. Irgendein Sound kommt, und wir denken: "Um Gottes Willen, was war das? Wo ist das?"
Wird das 3D-Kino funktionieren?
Meine These ist, dass das stereoskope Bild dazu da ist, um den stereoskopen Ton aufzuholen. Das flache Bild und der dreidimensionale Ton haben 20 oder 30 Jahre gut nebeneinander existiert, doch das ist jetzt vorbei. Der stereoskope Ton, der in den 1970ern nur im Kino erlebt werden konnte, ist längst nicht mehr an den Ort Kino gebunden. Das Kino muss sich also neu erfinden, um diesen Vorsprung wieder aufzuholen: Hollywood erneuert sich, um mit der Konkurrenz nicht nur mitzuhalten, sondern um einen Schritt voraus zu sein. Auch den P2P-Piraten soll mit einem neuen Wahrnehmungserlebnis das Leben schwerer gemacht werden.
Interview: Daniela Kloock.
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Foto: Thomas Elsaesser
Foto: Tolle, aber keine neuen Effekte in 3D: "Coraline" kommt am 13. August in die Kinos.