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Zwei Euro Stundenlohn

Plötzlich reicht das Künstlern nicht mehr. Die Berliner freie Szene nimmt Anlauf zur Rebellion

Birgit Walter

Ralf Ollertz und Toula Limnaios leiten ein 20-köpfiges Unternehmen mit eigener Produktionsstätte. Das Produkt ist in Deutschland und Europa gefragt, aber auch in Japan, Afrika, Australien, Südamerika und den USA. Die Marke besteht seit 13 Jahren und konnte langsam, aber stetig wachsen, so dass die Nachfrage das Angebot übersteigt. Ralf Ollertz bringt eine an Besessenheit grenzende Leidenschaft in seine Arbeit ein, dazu vier Diplome. Alles spricht dafür, dass er ein gemachter Mann ist, ein Erfolgsmanager, so etwas. Doch er spielt mit dem Gedanken, alles hinzuschmeißen, denn das Unternehmen stellt keine Schrauben her, sondern Kunst. Es ist die Compagnie Toula Limnaios mit Sitz in der Halle Tanzbühne Berlin in Pankow.

Ollertz ist jetzt Mitte vierzig und will ein Einkommen deutlich unterhalb der Armutsgrenze für sich und die Compagnie nicht mehr hinnehmen. Er ist Komponist, Pianist, Dirigent, Tonmeister und stellt nüchtern fest: Als Dirigent hat er früher mitunter an einem Abend mehr verdient als heute in einem Jahr. Heute, wo er sich bewusst für das Kreative entschieden hat, wo er Stücke mit Toula Limnaios macht und die Musik dafür schreibt. Die Compagnie steht 96 Mal im Jahr auf der Bühne, bringt jährlich zwei Uraufführungen heraus, hat ausverkaufte Vorstellungen - alles läuft optimal, denkt man. Aber die Mitglieder der Compagnie haben nach Ollertz' Rechnung ein Netto-Einkommen von 650 Euro, oft bei einer 60-Stunden-Woche. "Eine Weile hält man das durch, aber nicht dauerhaft", sagt der Künstler und Manager.

Was läuft falsch? Alles. Der Erfolg der Compagnie bei ihrer gleichzeitigen existenziellen Bedrohung ist ein Beispiel für das Versagen der jetzigen Fördermodelle, auf die die Freie Theaterszene angewiesen ist. Anders als die bildende Kunst oder die Literatur braucht die darstellende Kunst grundsätzlich Fördermittel, weil Theater und Tanz die Bühne voraussetzen und eine Art Apparat. Der refinanziert sich allenfalls im Unterhaltungssektor, der Rest braucht Geld. Das ist unstrittig, nur die Verteilungsmodelle taugen nicht mehr. Erstmals gibt es so etwas wie eine Rebellion auch unter Freien: Vertreter freier Theaterschaffender und Tänzer (LAFT und TanzRaumBerlin Netzwerk) verlangen mehr Geld: Sie wollen 10 Millionen statt wie bisher 4 Millionen Euro für die freie Szene. Damit sollen nicht mehr Künstler gefördert, sondern die vorhandenen anständig honoriert werden. Die, die trotz der Erfolge von skandalös niedrigen Einkommen leben müssen wie die Compagnie Toula Limnaios. Die Sprecherinnen der Protest-Initiativen, Anne Passow und Silvia Schober, nennen ihre Forderung Honoraruntergrenzen.

Morgen tragen sie ihr unerhörtes Anliegen dem Kulturstaatssekretär André Schmitz vor und werden verlangen, dass die Politik keine Ausbeutung in dieser Form mehr fördert. Schmitz dürfte dann darlegen, wie er sich einsetzen wird für die Szene, ohne die kleinste Aussicht auf Erfolg für seine Bemühungen zu versprechen. Die Schulden Berlins werden nicht unerwähnt bleiben. Schmitz wird denken, dass er nun wirklich Baustellen von anderen Dimensionen hat. Werden 240 Millionen für die Renovierung der Staatsoper reichen? Können drei Opern mit jährlich 120 Millionen auskommen? Das sind die Dinge, für die die Politik zuletzt Geldtöpfe geöffnet und sich stark gemacht hat. Nicht für die Armuts-Beträge dieser Freiberufler.

Ist die Forderung nun berechtigt oder unverschämt? Muss Berlin überhaupt alle Freiberufler auskömmlich subventionieren? Natürlich nicht. Nicht jeder Möchtegernspagatperformer kann Geld vom Staat erwarten, hat er auch nie bekommen. Es gibt in jeder Sparte zehn Mal so viele Anträge wie Fördermittel, nur die Besten haben Chancen, alles andere sortieren Juroren aus. Doch selbst wer sich zur Spitze entwickelt, bleibt unweigerlich im Förderdschungel stecken. Egal, ob sich eine Compagnie Ansehen und Größe erspielt - zu einer auskömmlichen langfristigen Förderung hat es nicht mal Sasha Waltz gebracht. Dafür ist das Fördermodell in mehreren Stufen, das eigentlich nach oben offen sein soll, zu undurchlässig. Und politische Tricksereien sorgen zusätzlich für Empörung. So wurde ausgerechnet das konventionelle Renaissance-Theater, lange aus Töpfen der Szene gespeist, jetzt grundlos wieder "nach oben" gestuft. Die fatale Aktion raubt der freien Szene jährlich einen Millionenbetrag und verhindert den Aufstieg anderer.

Die zweite System-Krankheit sind die Kriterien, nach denen die Mittel verteilt werden: Wer in seinem Antrag auskömmliche Honorare für Künstler einplant, hat schon mal keine Chance, weil die Mittel zu knapp sind und viele Projekte ein bisschen was bekommen sollen. Beispiele aus der Praxis sehen so aus: Ein Produktionsleiter arbeitet für 2,08 Euro die Stunde, ein Tänzer für 3,12 Euro. Der Regisseur, Autor und Darsteller bekommt für ein Stück 6,25 Euro bei einer 40-Stunden-Woche. Zur Erinnerung - es geht um staatlich geförderte Projekte. Und zum Einsatz kommen keine Hobby- oder Laienspieler, sondern Künstler nach der Ausbildung. Eine Studie von 2009, die Arbeitszeit und Einkommen von 4000 Theater-Freiberuflern untersuchte, stellt fest: Sie sind überwiegend sehr gut ausgebildet, mehrsprachig, flexibel, mobil, belastbar, vor allem aber: arm. Zwei Drittel arbeiten im Niedriglohnbereich.

Wenn ein ausgebildeter Koch bei einer Zeitarbeitsfirma für 6,50 Euro die Stunde schuften muss, wird er von Talkshow zu Talkshow gereicht und allgemeine Empörung ist ihm sicher. Jeder Politiker verteidigt Mindestlöhne für Fensterputzer. Eine Tänzerin, die als Sechsjährige erstmals an die Stange geht, sich mit 40 einen neuen Beruf suchen muss, dazwischen mit martialischer Disziplin eine Leidenschaft verfolgt, findet für ihre lächerlichen Honorare nicht mal Aufmerksamkeit.

Aber Freiberufler sind in der Kultur keine Minderheit mehr, auch wenn dieser Status gern als "Übergangsstadium" in eine feste Stelle angesehen wird. Nein - die Künstler verbringen als Freie ihr Leben. Die Kulturszene nimmt eine gesellschaftliche Entwicklung vorweg, die zeigt, wohin die Reise geht, wenn aus einem Land von Festangestellten ein Land von Freiberuflern wird. Elf Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind heute Freiberufler, in der Kultur sind es schon 50 Prozent.

Wie reagieren die Modelle der Kulturförderung darauf? Überhaupt nicht. Vier Millionen Euro Fördermittel gehen in die hoch innovative Freie Szene (Projekt-, Spielstätten- und Basisförderung) mit ihren extrem schlanken Strukturen und hoher Produktivität. 250 Millionen Euro fließen in die großen Bühnen. Dort gibt es jetzt zusätzliche Steuermittel, um die Tarife aufzustocken. Dass auch in der freien Szene ein höherer Einkommensbedarf bestehen könnte, spielt dagegen nicht mal in politischen Sonntagsreden eine Rolle. Da kommt nur die Coolness, Andersartigkeit und Anziehungskraft der weltberühmten Berliner Szene vor. Die allerdings ist für Fremde oft spannender als das Etablierte.

Ralf Ollertz und Toula Limnaios haben 230 000 Euro Fördermittel beantragt, 90 000 Euro reichen nicht mehr für die ambitionierte Compagnie. Für die fühlen sie sich verantwortlich, die wollen sie nach all den Jahren angemessen bezahlen. Auch erwarten sie Respekt für ihre Arbeit von der Politik. Die Tänzer sollen nicht nach acht Stunden Proben kellnern gehen müssen. Aber wahrscheinlich ist das zu viel verlangt.

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"Freiberufler sind gut ausgebildet, flexibel, mobil, belastbar, mehrsprachig und arm." Studie von 2009

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Foto: Tänzer der Compagnie Toula Limnaios in dem Stück "Reading Tosca"