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Kalifornische Moderne

Der Architektur-Fotograf Julius Shulman ist mit 98 Jahren in Los Angeles verstorben

Carmen Böker

Die Häuser waren kompromisslos in ihrer Klarheit, ihrer Kargheit, ihrem Verzicht auf alle nostalgischen Zitate zugunsten einer gewissen Verklärung der Materialien: Glas, Stahl, Beton galten nur pur als schön. So wurde in den 50er- und 60er-Jahren nach Wettbewerbsaufruf einer Architekturzeitschrift in Kalifornien gebaut; das "Case Study House"-Programm (das über den Musterhausstatus allerdings nicht hinauskam) versammelte Architekten wie Pierre Koenig, Eeero Saarinen oder Richard Neutra - und wollte dem Wohnen nicht bloß eine neue Form geben, sondern es von Grund auf verändern. Zumindest wirkt es heute so, wenn man auf den Abbildungen Menschen wie zur ewigen Cocktailstunde bei Bossa-Nova-Musik versammelt sieht, chic in schlicht-edler Kleidung herumstehen und selbst im Sitzen noch von gespanntem Gestaltungswillen durchdrungen. Da lümmelt niemand, niemals. Insofern darf diese Architektur auch als Erziehungsmaßnahme in Sachen Modernismus und Minimalismus gelten.

Diese stilbildenden Inszenierungen verdankt die Architektur der kalifornischen Moderne wesentlich dem Fotografen Julius Shulman, der am Mittwoch mit 98 Jahren in seinem Haus in Los Angeles verstorben ist, wie sein deutscher Buchverlag, Taschen in Köln, nun bekannt gegeben hat. Shulman feierte die horizontalen Linien, die Schärfe der Kanten, die Weite der bewusst leer gelassenen (oder zwanghaft aufgeräumten) Zimmer - und natürlich das gleißende Licht, das mit seinem Schattenwurf ebenfalls zur Schärfung der Perspektiven beiträgt.

Shulman habe seine Bildkompositionen stets mit Bravour gemeistert, sagt Robert Sobieszek über ihn, der Foto-Kurator am Los Angeles County Museum of Art: Er hätte jedes alltägliche Haus aufregend aussehen lassen können - und ein spektakuläres Gebäude wäre durch ihn noch drei Mal so spektakulär geworden. Koenigs "Case Study House 22" von 1960 (siehe Abbildung) beispielsweise scheint in Shulmans Perspektive über dem Abgrund zu schweben und jeden Moment ins Lichtermeer von Los Angeles herabzustürzen, sollte eine der anwesenden Personen den Platz wechseln und damit das Gleichgewicht des Arrangements stören wollen. So volatil das auch aussieht: Als Metapher des guten Lebens ist die Aufnahme von zeitloser Gültigkeit.

Kaum überraschend, dass Julius Shulman persönlich auch nicht für Lümmelsofas und vollgekramte Ecken zu haben war: Bis zuletzt wohnte er in einem Stahlrahmen-Haus, das Raphael Soriano 1950 als eins der ersten für das "Case Study"-Programm entworfen hatte.

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Foto: So sah das gute Leben aus: Julius Shulman 2008 mit seiner vielleicht berühmtesten Fotografie von Pierre Koenigs "Case Study House" von 1960.