Herr Berg, mit dem Start der Suchmaschine Bing hat Microsoft unlängst für viel Geld wieder einen Angriff auf die Nummer eins Google gestartet. Warum ist es für Sie so wichtig, bei diesem Geschäft dabei zu sein, wo Sie doch sehr gut allein vom Softwareverkauf leben könnten?
Das ist kein Angriff auf ein einzelnes Unternehmen, sondern Teil einer langfristigen Strategie, die wir seit einiger Zeit verfolgen und auch künftig nicht aufgeben werden. Denn selbst wenn ein Unternehmen den Marktstandard gesetzt hat und ein Quasi-Monopol hält, ändert sich das im Internet sehr schnell. Das Bessere ist der Feind des Guten. Bing hat innerhalb von nur wenigen Wochen Marktanteile gewonnen, wogegen alle anderen Suchmaschinen verlieren. Ob das ein langfristiger Trend ist, werden wir sehen. Letztlich geht es uns darum, unser Geschäftsmodell in Richtung Internet auszubauen und an dem stark wachsenden Online-Werbemarkt, der weltweit heute bereits über 50 Milliarden Dollar groß ist, beteiligt zu sein.
Microsoft hat zuvor versucht, durch den Kauf von Yahoo im Bereich Suchmaschinen zu wachsen. Die Übernahme hat nicht geklappt. Ist mit dem Start von Bing das Interesse an Yahoo erloschen?
Eine Partnerschaft können wir uns nach wie vor vorstellen. Voraussetzung ist, dass sie sinnvoll ist. Aber wir sehen ja jetzt, dass Microsoft sich auch mit eigenen Produkten behaupten kann.
Erstmals in seiner Geschichte hat Microsoft sich kürzlich über eine Anleihe Geld besorgt. Gerade genug, um eine Übernahme von Yahoo zu stemmen.
Für eine konkrete Beteiligung wurde die Anleihe nicht aufgenommen. Bei der Anleihe handelt es sich um ein in der Wirtschaft übliches Instrument des Kapitalmanagements, das im Übrigen für Anleger von Microsoft extrem attraktiv ist.
Etwas werden Sie doch mit dem Geld anfangen wollen. Neben einem Kauf von Yahoo wäre beispielsweise ein Einstieg von Microsoft beim deutschen Softwarehersteller SAP denkbar.
Gespräche darüber gab es ja schon mal. Die Kartellbehörden hätten einen Kauf von SAP mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht genehmigt. Auf der anderen Seite schauen wir ständig nach sinnvollen Akquisitionen. Allein in den letzten zwölf Monaten haben wir 18 Unternehmen erworben.
Der Nachfolger des viel kritisierten Betriebssystems Vista, Windows 7, kommt mit einem unerwarteten Sonderrabatt auf den Markt. Soll so das angeschlagene Image möglichst schnell wieder repariert werden?
Damit wollen wir möglichst schnell, möglichst viele Nutzer gewinnen. Je mehr Kunden das neueste Betriebssystem mit den neuesten Möglichkeiten nutzen, desto zufriedener sind unsere Kunden und desto besser ist unser Image. Wer sich jetzt schon für das Paket entscheidet, dem bieten wir es für eine unverbindliche Preisempfehlung von 49,99 Euro an. Der Kunde erhält dafür einen Gutschein, den er ab dem 22. Oktober einlösen kann. Zudem gibt es für zahlreiche aktuell verkaufte Vista-PCs eine interessante Updatemöglichkeit, sobald Windows 7 auf dem Markt ist. Die PC-Hersteller nehmen für die Bereitstellung zum Teil eine geringe Bearbeitungsgebühr.
Auf ein wichtiges Feature müssen die Kunden in Europa allerdings verzichten. Warum bieten Sie EU-weit keinen Internet-Browser mit an?
Wir befinden uns noch in einem Verfahren mit der EU-Kommission. Die EU-Kommission ist der Ansicht, dass Microsoft durch die Koppelung zwischen Betriebssystem und Browser einen Wettbewerbsvorteil hat. Das sehen wir zwar anders. Aber wir wollen auf jeden Fall den gesetzlichen Anforderungen genügen und haben uns deshalb entschieden, keinen Browser in das Betriebssystem zu integrieren.
Genau das wollte die EU-Kommission eigentlich nicht. Sie fordert vielmehr, dass Sie Kunden viele Browser zur Auswahl anbieten.
Die Wahlfreiheit haben die Anwender ja jetzt schon. Alle Browser sind kostenlos verfügbar. Und die meisten Privat-Kunden erwerben einen Computer, auf dem bereits viele Anwendungen vorinstalliert sind. Da wird der PC-Hersteller auch weiterhin einen Browser integrieren.
Es werden weniger PC verkauft und erstmals ist im Frühjahr der Microsoft-Umsatz eingebrochen. Wie stark trifft Sie die Krise?
Auch wir sind gegen die Krise nicht immun, selbst wenn sie uns deutlich weniger trifft als andere Branchen. In der Kombination mit der Hardware-Branche sind wir aber indirekt betroffen. Für dieses Jahr sehe ich für den gesamten Markt keine Belebung.
Sie leben mit und von den Möglichkeiten des Internets. Lesen Sie eigentlich noch Zeitung?
Ich lese jeden Morgen Zeitungen und schau mir an, was los ist. Das Internet wird Papier nicht vollständig verdrängen. Aber Informationen kommen nicht nur einmal am Tag. Zwischendurch nutze ich die Online-Medien für aktuelle Nachrichten.
Für die braucht man noch nicht einmal zu bezahlen. Wird sich das in Zukunft ändern?
Die Kostenlos-Kultur im Internet geht dem Ende entgegen, auch wenn es immer eine Reihe von Diensten geben wird, die umsonst sind. Aber man kann nicht alles durch Werbung finanzieren. Daneben wird es einen Premiumbereich geben, für den die Kunden bereit sind zu zahlen, weil sie bestimmte Leistungen haben wollen oder die Werbung sie stört. Damit werden sie nicht ihre Medienbudgets aufstocken, denn die sind begrenzt. Aber es wird künftig mehr Geld im Internet ausgegeben werden. Davon bin ich überzeugt. Neben Diensten, die über Abonnements finanziert werden, werden sich auch andere Geschäftsmodelle entwickeln. Qualitätsinhalte sind der Treiber.
Das Gespräch führte Ruprecht Hammerschmidt.
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Foto: Achim Berg (45) ist als Chef von Microsoft Deutschland für den viertgrößten Markt des US-Unternehmens verantwortlich. Zuvor war er Vorstandsmitglied bei der Telekom und dort für den Festnetzvertrieb zuständig.