Es gibt ein paar Dinge, die erwartet man in den Nachrichtensendungen des ZDF einfach nicht. Man stelle sich nur einmal vor, Claus Kleber würde auf einmal seinen Platz im "heute-journal" verlassen und gemessenen Schrittes durchs Studio marschieren: ein irritierendes Bild. Und doch wird es schon bald zum Alltag der Zuschauer gehören.
Denn vom 17. Juli an verändert sich im Zweiten bei der Präsentation des aktuellen Weltgeschehens so einiges. Gesendet wird aus einem virtuellen Studio, durch das sich mit eisiger Präzision Roboterkameras bewegen und in dessen Boden Mikrochips stecken. Wie aus dem Nichts tauchen Modelle und Animationen in 3-D auf, und wenn die Redaktion es wollte, könnte sie die Zuschauer ohne weiteres glauben lassen, neben Claus Kleber lande unversehens ein Hubschrauber.
Natürlich will die Redaktion das nicht. Die Vermutung, die moderne Computertechnik verführe die Nachrichtenleute zu Firlefanz, will man beim ZDF erst gar nicht aufkommen lassen. Um Anschaulichkeit geht es ihnen, um die Darstellung komplexer Sachverhalte in erhellender Form. "Wir versuchen, die verständlichsten Nachrichten Deutschlands zu machen", sagt Elmar Theveßen, stellvertretender ZDF-Chefredakteur und Leiter der Hauptredaktion Aktuelles. Und noch etwas hat die Mainzer dazu veranlasst, in die Planung für eine neue Form der Nachrichtenvermittlung einzusteigen: die Konkurrenz durch das Internet.
Was die Zuschauer künftig in "heute", dem "heute-journal" und den anderen Nachrichtensendungen des ZDF erblicken, dürfte den Internet-Usern unter ihnen zum Teil bekannt vorkommen. Wie zum Beispiel die Bilder neben dem Sprecher sekundenschnell zu Einspielfilmen werden, erinnert nicht zufällig an das Anklicken von Videos im Netz.
Für die Veranschaulichung komplizierter Nachrichten entscheidender aber ist der Einsatz der 3-D-Modelle und -Animationen. Will der Moderator etwa die Funktionsweise des Doppel-Diffusors in der Formel 1 erklären, verlässt er sein Pult und schreitet zum sogenannten Erklärraum, in dem munter ein virtuelles Rennauto schwebt. Eine Weltneuheit ist das zwar nicht, wie Moderatorin Dunja Hayali eingesteht. Im ZDF waren 3-D-Animationen bislang jedoch nur innerhalb von Filmbeiträgen möglich. Und die Moderatoren blieben hübsch hinter ihrem Schreibtisch.
Der hat sich übrigens auch radikal verändert, wie die gesamte optische Anmutung von "heute" und Co. Das Studio erscheint kühler und geradezu spartanisch, auf dem Pult darf nicht einmal ein Laptop stehen. Schriftart, Farbgebung, Intro - nichts ist mehr so, wie es einmal war. Zum Interview verlässt der Moderator seinen Platz und stellt sich seinem Gesprächspartner gegenüber; bislang guckten sie beide synchron nach vorne, was definitiv ziemlich unkommunikativ wirkte. Weil man vom Studiopersonal sehr viel mehr sieht als früher, gibt es auch neue Kleiderregeln. Jeans gehen gar nicht, Schmuck ist verpönt, in der Primetime haben die Herren weiße Hemden mit dezenten Krawatten zu tragen. Nichts soll von der Nachricht ablenken, der Star ist der Inhalt. Dafür hat ZDF jetzt sogar eine Stylistin, die für die Garderobe der Moderatoren sorgt.
Grafikredakteure gab es vorher auch nicht, nun sind sie dafür verantwortlich, dass die aufwändigen 3-D-Modelle und -Animationen rechtzeitig fertig und tatsächlich ihrer aufklärerischen Aufgabe gerecht werden. Knapp unter 30 Millionen Euro hat das ZDF für das Studio N1 und das kleinere Studio N2 in die Hand genommen. Wäre man am alten Standort geblieben, wäre ein kompletter Umbau nicht zu vermeiden gewesen; dort gab es beispielsweise nicht die technischen Voraussetzungen für die Ausstrahlung der Sendungen in hochauflösender Qualität.
Nun wartet das ZDF gespannt, was das Publikum zum neuen Outfit sagen wird. In Testvorführungen äußerte sich sogar die ältere Zielgruppe wohlwollend zum kühlen Design. Und die Moderatoren? Sie müssen sich an vieles erst noch gewöhnen. Dass für sie dort, wo der Zuschauer schicke 3D-Modelle sieht, alles einfach nur grün ist, kann schon mal für Irritationen sorgen. Zudem heißt es von der lieb gewonnenen Angewohnheit Abschied nehmen, Zettel einfach hinters Pult zu schmeißen: In Zeiten durchs Studio schreitender Moderatoren würde der Zuschauer das Papierchaos sehen - ein Unding in einer aufgeräumten Nachrichtensendung.
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"Wir versuchen, die verständlichsten Nachrichten Deutschlands zu machen." Elmar Theveßen, ZDF
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Foto: Im virtuellen ZDF-Nachrichtenstudio werden künftig 3-D-Animationen neben den Moderatoren schweben.