Textarchiv

UNTERM STRICH: DAS NÄCHSTE GROSSE DING

Rurbanität

Holm Friebe, Kathrin Passig

Wahrscheinlich ist das Vorbild der gärtnernden Michelle Obama mit Hacke und Handschuhen nur Katalysator für einen Trend, der sich mit der neuerlichen Hinwendung zur Ökologie schon länger ankündigte und jetzt, im Zuge der Wirtschaftskrise, mächtig Fahrt aufnimmt: Der an dieser Stelle schon seit zwei Jahren kolumnistisch propagierte Schrebergarten breitet sich nicht nur über die Parzellen, sondern auch über das Milieu der Laubenpieper hinaus aus. Diversen Titelgeschichten von Focus bis Monocle entnehmen wir, dass es derzeit deutsche Familien im Verbund mit japanischen Hipstern aufs Land zieht, wo sie Ackerparzellen mieten, um dort Obst und Gemüse zu ziehen und Tiere zu halten.

Doch muss man dafür die Stadt verlassen? Die Utopie eines ruralen Urbanismus, unter dem Schlagwort "Gartenstadt" bereits Ende vorletzten Jahrhunderts formuliert, gewinnt gerade wieder mächtig an Zulauf. Während das medienträchtige "Guerilla Gardening" (vgl. Berliner Zeitung vom 10. 6. 2009) auf die symbolische Intervention in den Stadtraum zielt - quasi als Fortsetzung von Graffiti mit botanischen Mitteln -, geht es den neuen urbanen Landschaftsgärtnern um mehr: Nutzwert durch Nutzpflanzen. Dass im Garten des Weißen Hauses, wie demnächst auch am kalifornischen Amtssitz von Arnold Schwarzenegger, nicht Blumen, sondern Salat, Möhren und Thai-Basilikum wachsen, verdankt sich dem hartnäckigen Lobbying von Slow-Food-Aktivisten wie Roger Doiron und Alice Waters. In den gesamten USA wollen sie städtische Brachen und Schulhöfe in "essbare Landschaften" verwandeln. Rückhalt erfahren sie durch den Food-Philosophen Michael Pollan, der in der Stärkung regionaler Lebensmittel-Kreisläufe und der Intensivierung urbaner Landwirtschaft die einzige Lösung für das Nachhaltigkeitsproblem unserer Städte sieht. In den wachsenden Megacities der Schwellenländer gehört urbane Landwirtschaft ohnehin längst zum Stadtbild: In Dakar werden 80 Prozent des Bedarfs an Gemüse auch im Stadtraum angebaut, in Shanghai sogar 85 Prozent. Auch im Zuge von Deindustrialisierung und schrumpfenden Städten bietet sie eine Perspektive, wie die Macher des "Shrinking Cities"-Projektes betonten. Ihrem Prinzip der "Rurbanität" folgend wird in der entvölkerten Downtown Detroits gerade das weltgrößte "urban farming"-Projekt mit einer bewirtschafteten Fläche von 28 Hektar anberaumt.

Die avisierte Rückkehr der Landwirtschaft in die Städte macht vor den Mauern der Häuser nicht halt. Graswurzel-Initiativen wie windowfarms.org propagieren den vertikalen Gemüseanbau für jedermann, der in seinem City-Appartement über etwas Fensterfläche verfügt. In der Tokioter High-Tech-Farm Pasona 02 wird Grünzeug gar unterirdisch unter Zuhilfename von Energiesparlampen angebaut - vorerst nur zu Versuchszwecken und als Anschauungsobjekt für Stadtkinder, die noch nie eine Farm gesehen haben. Noch weiter geht der Ernährungswissenschaftler und Molekularbiologe Dickson Dompier mit seinen Konzepten zum "vertical farming" (verticalfarm.com): In 30-stöckigen Agrarhochhäusern, sogenannten "Farmscrapern", soll ein geschlossenes System aus Obst- und Gemüseanbau, Nutztierhaltung und Aquakulturen entstehen, das 50 000 Städter mit Lebensmitteln versorgen kann. Währenddessen sinnen Designer allerorten darüber nach, wie sich die einzelne Wohneinheit in ein autarkes System verwandeln ließe. Abfall und Ausscheidungen würden dort zum Rohstoff für "Indoor Farming", zu sehen in der Designstudie "Sustainable Habitat 2020" von Philips.

Unabhängig vom Realitätsgehalt solcher Szenarien schillert die Farm derzeit - buchstäblich post-modern - als Sehnsuchtsort. Kompensatorische Tagträumerei würde die enormen Auflagensprünge des Magazins "Landlust" erklären, das ja keineswegs nur von Landwirten gelesen wird. Die Farbtrendforscherin Li Edelkoort sieht im metaphorischen Ausagieren des Traumes vom rustikalen Leben sogar den wichtigsten Trend der Gegenwart, wie sie in ihrem Vortrag "The Farm of the Future" beim diesjährigen Berliner DMY darlegte: Auch Wohnlandschaften lassen sich kultivieren. Ginge es nach diesem symbolischen Morgenthau-Plan, würden sich die industriellen Zentren der westlichen Welt bis 2050 in gefühlte Agrarstaaten verwandelt haben. Und die Städte in Agrarstädte.