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"Ein riesiges Potenzial"

Zuwandererkinder sind oft Spitzenschüler. Doch der Erfolg ist gefährdet

Andrea Beyerlein

POTSDAM. Wenn in Berlin über das Thema Schule und Ausländerkinder debattiert wird, dann geht es um Probleme. In Brandenburg gehören Zuwandererkinder oft zu den Spitzenschülern: 44 Prozent von ihnen beendeten 2007 ihre Schullaufbahn mit dem Abitur. Das schafften von den deutschen Schülern nur 36 Prozent. Doch die Erfolgsbilanz, warnt Brandenburgs Integrationsbeauftragte Karin Weiss, gerät in Gefahr.

"Die migrationspolitische Debatte ist beherrscht von der Situation in den westdeutschen Ländern und oft negativ besetzt", sagt Weiss. "Aber die Zuwanderung im Osten ist etwas ganz anderes. Das hohe Bildungsniveau der hier lebenden Ausländer ist ein riesiges Potenzial, mit dem wir viel zu wenig machen."

50 Prozent Realschulabschluss

In ihrem gerade veröffentlichten Bericht über Zuwanderung und Integration in Brandenburg legt Weiss eine Analyse vor, die es so noch nicht gibt: Einen Vergleich zwischen Deutschland Ost und West. Während im Westen die größte Zuwanderergruppe infolge der Arbeitsimmigration der 70er Jahre nach wie vor türkischstämmig ist, kommen die meisten im Osten lebenden Ausländer aus Russland und Vietnam. Auch der Ost-West-Vergleich zum Schulerfolg von Kindern, die im Alter unter sechs Jahren nach Deutschland kamen, zeigt gravierende Unterschiede. Knapp 45 Prozent schaffen im Osten die Hoch- oder Fachhochschulreife, knapp 50 Prozent den Realschulabschluss. Im Westen sind es jeweils nur 28 Prozent der Migrantenkinder.

Zum Teil, sagt Weiss, lasse sich das mit dem im Osten noch immer ungleich niedrigeren Ausländeranteil begründen. "Bisher gab es an den Schulen kaum Integrationsprobleme, weil es so wenige sind." In Brandenburg liegt der offizielle Ausländeranteil bei zwei, in Berlin bei knapp 14 Prozent der Bevölkerung. Zudem genieße Bildung in vietnamesischen Familien traditionell einen hohen Stellenwert. Auch unter Zuwanderern aus Osteuropa gebe es sehr viele hochgebildete Eltern.

Dennoch fordert die Integrationsbeauftragte mehr Aufmerksamkeit für die Belange der zweiten Generation der Zuwanderer. Legt man bei der Zählung nicht die Staatsangehörigkeit zugrunde, sondern zähle auch die Spätaussiedler dazu, dann haben sechs Prozent der Brandenburger einen Migrationshintergrund. Da die Einwanderer oft auch mehr Kinder haben als deutsche Familien, stammen elf Prozent der Kinder bis sechs Jahre aus Zuwandererfamilien.

"Das ist eine Gruppe, die wir bisher übersehen haben", sagt die Integrationsbeauftragte. Sie nennt ein Beispiel aus einer Potsdamer Kita: "Bisher waren da zwei vietnamesische Kinder. Auf einmal sind es acht. Wenn die alle in eine Gruppe kommen, ist es vorbei mit dem Deutsch lernen." In Eisenhüttenstadt kommen bereits zehn, in Fürstenwalde 15 Prozent der Kita-Kinder aus Zuwandererfamilien. Doch weder in den Kindertagesstätten noch an den Schulen seien die Pädagogen auf die sich ändernde Lage vorbereitet.

Zu viele Arbeitslose

Ein weiteres, neues Problem: Weniger als die Hälfte der Zuwanderer-Kinder besuchen überhaupt noch eine Kita, sondern werden von den Familien betreut. Denn finden oft keine Arbeit wegen ihrer Sprachprobleme und weil ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden. Die Arbeitslosenquote der Migranten ist mit 30 Prozent doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. Und Arbeitslose haben keinen Rechtsanspruch auf Kita-Betreuung.

Als erstes Alarmsignal wertet Karin Weiss die Befunde der Brandenburger Schuleingangsuntersuchungen, bei der 2007 erstmals zwischen Kindern mit deutscher und nicht deutscher Muttersprache unterschieden wurde. Zwar sind Zuwandererkinder deutlich gesünder als die gleichaltrigen Deutschen. Aber bei etwa einem Drittel wurden "Sprach- und Sprechstörungen" festgestellt. Bei den deutschsprachigen Kindern lag dieser Anteil bei knapp 20 Prozent. "Wir müssen sehr aufpassen, dass wir das hohe Bildungsniveau halten", sagte die Integrationsbeauftragte.

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Grafik: Schulabschluss in Brandenbirg nach Staatsangehörigkeit. Erfolg: Deutlich mehr Einwandererkinder machen Abitur.

Grafik: Ausgewählte medizinische Befunde bei Schulanfängern. Defizit: Migrantenkinder sind gesünder, haben aber Sprachprobleme.

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Foto: Exotisch: indische Volkskünstler beim alljährlichen Festumzug der "Internationalen Folklorelawine" in Lübbenau. Der Anteil der Ausländer in Brandenburg liegt bei zwei Prozent. Doch bei den Kindern sind es elf Prozent.