Das Beste am Bachmannwettbewerb, sagen die, die dort gelesen, aber keinen Preis gewonnen haben, sei der Anruf gewesen; dieses Glücksgefühl, wenn dir ein Jurymitglied drei Monate vorher Bescheid gibt. Dass man sich bei den "Tagen der deutschsprachigen Literatur" womöglich blamieren werde, und dies sogar vor laufender Kamera, dieser Gedanke werde verdrängt, denn jetzt werde doch alles besser: Mit diesem einen Anruf sei man fürs Feuilleton satisfaktionsfähig. Und auch die Verlagsvertreter bekämen nun eine gute Chance, das nächste Buch in die Läden zu bringen, immerhin sei man in Klagenfurt gewesen! - Dieses eine Telefonat hat es in meinem Fall so nicht gegeben, obwohl ich angerufen worden bin.
An einem Sonntagabend im März war es, ich führte gerade in der Baiz, einer Berliner Schankwirtschaft nahe dem Rosa-Luxemburg-Platz, einen kleinen Disput mit dem Schriftsteller Robert Weber (einen Streit, den ich gerne vergessen will und er hoffentlich auch), als auf einmal mein Handy dudelte. Wobei ich hinzufügen möchte, dass ich den Kollegen Weber als Menschen und Autor sehr schätze. Mit seinen Hörspielen feiert er große Erfolge. Außerdem hat er seinem Erstgeborenen den Namen Roman gegeben, von wegen: "Ich wollte auch mal einen Roman machen." Das hat Stil. Doch zurück zum Anruf:
Eine mir unbekannte, sehr freundliche Stimme war zu hören. Nur war die Kneipe ein wenig zu laut, ein gewisses Schlüsselwort aber hatte ich verstanden: "Klagenfurt". Ich dachte nur: Was? Und: Ich?! Für Dichter, deren Bücher sich nicht mal in der eigenen Familie verkauft haben, ist Klagenfurt der Olymp, und einen solchen Adrenalinschub können sich Sterbliche gar nicht vorstellen! Robert Weber fragte noch: "Was'n los?" Innerhalb von Sekunden stand ich draußen vor der Tür. Am Apparat war Hildegard Keller, eine Schweizer Jurorin. Traditionell neigen die Jury-Mitglieder dazu, Autoren ihrer Heimatländer vorzuschlagen, folglich hatte ich auf die drei deutschen Juroren gehofft. Aber Schweiz war auch gut. Hildegard Keller sagte, sie habe meine Arbeit gelesen und ob wir uns nicht in zwei Stunden auf dem Festnetz unterhalten könnten. "Das sollten wir unbedingt", sagte ich.
Als ich nun zwecks Rechnung wieder zurück in die Baiz kam, wollte ich vor Freude fast losschreien, konnte mich aber beherrschen. Der Kollege Weber sagte nur: "Was????" Und: "Du????"
Daheim angekommen, trank ich erst mal zwei Tassen Kaffee; ich wollte unbedingt wach und konzentriert sein. Dass die Jurorin und ich an diesem Abend noch so spät telefonierten, war der Zeitverschiebung geschuldet - Hildegard Keller hat in den USA eine Professur inne für Deutsche Literatur.
Wir redeten über den Text. Mein Agent hatte den Anfang meiner Novelle eingereicht, für die er irgendwann auch einen Verlag gefunden hatte. Ich war immer noch überglücklich, obwohl die Jurorin ja bereits zuvor gesagt hatte, ich sei erst mal lediglich in der engeren Wahl. Für einen Moment überlegte ich sogar, ihr zu erzählen, dass ich von der Schweiz eigentlich nur die "Gewalthaufen" kenne. Während des Studiums hatte ich mich vor allem mit der Schlacht bei Murten 1476 beschäftigt; die Eidgenossen hatten es ja damals gegen Karl den Kühnen richtig krachen lassen. - Besser nicht, dachte ich, solche Schnurren können auch falsch verstanden werden. Jedenfalls versprach Hildegard Keller, sich in den nächsten zehn Tagen zu entscheiden.
Ich sag mal: Das war keine schöne Zeit. Im Bekanntenkreis musste ich dauern irgendwelche Glückwünsche dementieren - Kollege Weber hatte ja alles herausposaunt. Und dann erst die vielen Ratschläge! Wenn ich in Klagenfurt sei, soll ich mir zuerst ein Fahrrad mieten, "die sind dann immer ganz schnelle vergriffen". Ein älterer Schriftsteller schrieb mir in Erinnerung an seinen eigenes Desaster: "Halt bloß die Fresse! Keine Witze während der Lesung! Davor nicht und danach nicht! Und saufe nur im Hotel! Junge, ich bin bei dir." Höhepunkt der von Robert Weber losgetretenen Kampagne war dann der Internetblog, wo ich zum "Bachmannpreisträger der Herzen" ausgerufen wurde; dabei hatte ich den Wettbewerb noch gar nicht verloren, ja, ich war noch nicht einmal nominiert!
Wenn das nicht klappt, dachte ich mir, dann stehe ich da wie der letzte Spinner. Als endlich der erlösende dritte Anruf kam, dachte ich nur: Gott sei Dank.
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Unser nominierter Autor wird in den nächsten Tagen weiter vom Bachmann-Wettbewerb berichten.