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Fahrendes Volk

Warum kamen die Roma nach Berlin? Ursachensuche in ihrem rumänischen Heimatort Rosiorii de Vede

Annett Müller

ROSIORII DE VEDE. Daniela Tanase sitzt vor ihrem Wohnhaus und knabbert Sonnenblumenkerne. Sie reibt sich den Bauch, um Hunger zu signalisieren und sagt: "Entschuldigen Sie - pampers for baby". Die 37-jährige Roma ahmt nach, wie sie Ende Mai in Berlin gebettelt hat. Mit zwei ihrer sieben Kinder hat sie in einem Park in Kreuzberg übernachtet. Mitgebracht von der Tour hat sie nur ein paar Kleinigkeiten: "Ein paar gebrauchte Kleidungsstücke, etwas Essen." Die insgesamt 80 Euro für die Rückreise hätten ihr Franzosen und Deutsche gegeben, die sie im Busbahnhof angefleht habe, erzählt Daniela Tanase. Sie musste zurück nach Rumänien, eines ihrer daheim gebliebenen Kinder war erkrankt.

Seit Anfang Juni sind die Tanases wieder im südrumänischen Rosiorii de Vede, einer Stadt mit 35 000 Einwohnern; etwa 1 000 von ihnen sind Roma. Von der Rückkehrhilfe, die der Berliner Senat gezahlt hat, wissen sie nichts, und auch nicht, wann die anderen nach Hause kommen. Sie hatten sie zufällig in Berlin getroffen. 400 Euro! Die Tanaseses horchen auf. Das hätten sie in Berlin erhalten können? So viel Geld bekommt die Familie in Rumänien als Sozialhilfe für ein gesamtes Jahr. Ein Vermögen also. "Haben Sie nicht Geld für mich, damit ich wieder nach Berlin reisen kann, um meine Summe abzuholen?", fragt Daniela Tanase.

Der Senat lädt ein

Seit Jahren ist gut ein Fünftel der Einwohner von Rosirorii de Vede im westlichen Ausland, weil die eigene Stadt wenig zu bieten hat. Es gibt eine Waggon- und eine Ölfabrik, eine Brauerei und Textilunternehmen, die Griechen nach der Wende eröffnet haben. Seit Monaten melden alle Entlassungen. Mit über neun Prozent hat die Kleinstadt eine der höchsten Arbeitslosenraten im Land. Und sie steigt.

Da fährt man lieber weit weg, mit einem der Busse, die immer dienstags starten. In alle Richtungen: Spanien, Italien, Großbritannien, Deutschland. Dass jetzt rund 40 Roma aus dem Ort in Berlin gebettelt haben, wundert im Bürgermeisteramt niemanden, die Nachricht über die Rückkehrhilfe des Berliner Senats aber schon. Eine Mitarbeiterin der rumänischen Stadtverwaltung nennt es "leicht verdientes" Geld, wenn es nicht an Arbeitsstunden, sondern nur an eine Ausreise gekoppelt war. Auch Bürgermeister Ion Nutu glaubt, dass die Berliner Verwaltung mit der Summe förmlich eine "Einladung zur Rückkehr" ausgesprochen habe. "Die Roma unserer Stadt waren öfter im Westen als ich", sagt Nutu. Der hagere Mann wirkt im Gespräch unentschlossen, das Roma-Thema ist heikel, er will keine falschen Worte benutzen. Vorsichtig spricht er darüber, dass "sich ein Teil unserer Roma nicht um Arbeit bemüht". So habe das Bürgermeisteramt in der Lokalzeitung 20 Stellen für Straßenkehrer ausgeschrieben. Speziell für Roma sind die Jobs nicht vorgesehen. "Wir wollen niemanden in unserer Stadt diskriminieren, auch nicht die Rumänen", argumentiert Bürgermeister Nutu. Ob nun auch Roma die Straßen fegen, weiß Nutu nicht, bei der Einstellung wird nach der Zugehörigkeit nicht gefragt.

Die Roma-Frau Daniela Tanase hat von den neuen Stellen nichts gehört. Eine Lokalzeitung kann sie nicht lesen, sie könnte auch keine Bewerbung für den Job schreiben - sie ist Analphabetin. Dass sie, wie andere Roma nach Berlin gereist sei, weil sie sich in ihrer Stadt ausgeschlossen fühle, will der Bürgermeister nicht glauben. Schließlich beschäftige er seit zwei Jahren einen prominenten Roma der Stadt als Berater. "Ich kann mich damit den Problemen der Minderheit besser widmen", sagt Nutu. Doch der Roma-Experte macht gerade unbezahlten Urlaub, wie es häufig passiert, um zum Rathausposten etwas hinzuzuverdienen. In Großbritannien. Mit welchem Job, weiß der Bürgermeister nicht. Dass es sich um ehrliche Arbeit handelt, kann er sich nicht vorstellen. Vielmehr sagt Nutu: "Vielleicht unterhält er ja einen Bettlerring, denn er kehrt jedes Mal mit einem anderen Fahrzeugtyp zurück."

Vorurteile, Roma machten nur krumme Geschäfte oder könnten lediglich stehlen, gibt es in Rumänien viele. "Krähengesocks", so werden Roma in allen Schichten der rumänischen Gesellschaft genannt - ein verinnerlichtes Schimpfwort, das vor Jahrhunderten entstand, als rumänische Fürsten als einzige in Europa die umherziehenden Roma zu Sklaven und damit sesshaft machten. Die spätere Aufhebung des Sklaventums war für die Roma paradoxerweise keine Befreiung: Nun waren sie endgültig mittellos. Ihre Handwerkerkenntnisse waren vergessen, ohne Arbeit landeten sie in Gettos am Rande rumänischer Städte oder Dörfer. Sie schicken ihre Kinder nicht zur Schule, weil sie kein Geld haben für Kleidung oder Bücher. Aber auch, weil die Tradition besagt, dass eine Roma-Frau nicht viele Bücher kennen muss. Doch ohne Bildung kein Job, sondern Armut und Ausgrenzung. So geht es auch den Tanases, die am Rand von Rosiorii de Vede zur Miete wohnen. Es gibt eine Küche und ein Zimmer. Darin steht lediglich ein Bett für die gesamte Familie. Die kleine Sozialhilfe reicht nicht, sie gehen betteln. "Was ist schlecht daran?", fragt Daniela Tanase, "das machen doch selbst die Deutschen in Berlin. Sie sitzen da mit ihren Hunden."

Die EU-Beitrittsverhandlungen haben der Roma-Minderheit zu neuer Aufmerksamkeit verholfen. Die EU fordert Integration, statt Diskriminierung. Rund 65 Millionen Euro EU-Gelder sind in den vergangenen zehn Jahren in Roma-Projekte geflossen, rund drei Euro pro Person. Die Resultate sind deprimierend. Wie im Fall von Gradistea - einem 3 000 Einwohner zählenden Ort in Südrumänien. Eine Bäckerei sollte dort arbeitslosen Roma eine Ausbildung, einen Job und eine Zukunft geben. Die EU gab 50 000 Euro als Anschubfinanzierung, nach einem Jahr sollte die Bäckerei auf eigenen Füßen stehen. Sie hat es nicht so weit gebracht, zumindest nicht als Roma-Projekt. Denn in der Gemeinde hieß es: "Wenn Zigeuner das Brot backen, kann es nur schmutzig sein." Inzwischen floriert die Bäckerei, weil sie keinen einzigen Roma mehr beschäftigt. Der Bukarester Soziologe George Radulescu hat solche Beispiele wie das von Gradistea untersucht und wundert sich, dass die EU nach zehn Jahren Förderung nicht einen neutralen Abschlussbericht verlangt, der alles offenlegt: Erfolge und Misserfolge. "Ohne Druck der EU wird Rumänien das nicht analysieren. Damit wird es auch keine Fehlersuche geben", sagt Radulescu.

Hier Hass, da Illegalität

Unter einem Pflaumenbaum in Rosiorii de Vede sitzt Gheorghe Bascu* mit seinen vier erwachsenen Söhnen. Der 52-Jährige wartet auf einen Anruf aus Spanien. Ein Rumäne heuert sie dort saisonweise als Billigkräfte an, für den Bau oder die Landwirtschaft. Gezahlt werden knapp 300 Euro im Monat - kein offizieller Lohn, sondern am Fiskus vorbei. Gibt es Arbeit, ziehen nicht nur die Bascus los, sondern bis zu hundert andere Roma aus dem Ort und der Umgebung.

"Denken Sie, wir würden unser Land verlassen, wenn wir hier eine ähnliche Arbeit finden würden? Doch zu Hause schlägt uns nur Hass entgegen", sagt Bascu. Im Westen bleibt er nicht, weil er durch die illegalen Jobs nie eine sichere Unterkunft gefunden hat: "Dort integriert uns auch keiner." Dass Berlin jetzt mindestens 250 Euro für die Rückkehrer gezahlt hat, ist für Gheorghe Bascu keine ungewöhnliche Idee. Schon Frankreich hat sie im vorigen Jahr praktiziert. Vergeblich. Schließlich herrscht in der EU Reisefreiheit.

Ob seine Landsleute aus Berlin inzwischen zurückgekommen sind, weiß Bascu nicht. "Ich kann ihnen zig andere nennen, die dort schon seit Jahren leben." Wer zurückkommt, bleibt nur kurz, um sein Glück dann wieder andernorts zu suchen. "Die Deutschen", sagt Bascu, "sind die Roma nur einmal in der Geschichte losgeworden. Mit den Holocaust-Lagern im Zweiten Weltkrieg."

* Name geändert

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Die Mehrheit verschweigt die Herkunft

Karte: In Rumänien lebt die osteuropaweit stärkste Roma-Gemeinschaft. Offiziell sind es rund 500 000 Roma, inoffiziell sollen es viermal mehr sein. Doch die Mehrheit deklariert sich bei der Volkszählung lieber einfach als rumänisch - aus Angst vor Diskriminierung, ob in Schulen, Jobs oder im Viertel.

Als Noterwerb betreiben viele Roma kleinen Handel, Sammeln und Aufarbeiten von Resten, Gelegenheitstätigkeiten, kleine Delinquenz.

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Foto: Daniela Tanase, (4. v. l.) war mit zweien ihrer Kinder unlängst in Berlin. Jetzt ist sie wieder bei ihrem Mann und den anderen Kindern. Das Rückkehrgeld des Berliner Senats hat sie verpasst.