Niemand kehrt seinem Publikum so elegant den Rücken zu wie der große englische Sänger und Dichter Steven Patrick Morrissey. Beim Finale von "How Soon Is Now", seiner Hymne auf die Leiden scheuer Großstadtsingles, wendet er sich vom Licht der Scheinwerfer ab und sinkt auf die Knie, während das Tremolo der Lead-Gitarre wie ein schwerer Seufzer durch die ausverkaufte Columbiahalle echot. Der Song endet mit einem heftigen Paukenwirbel - eine eindrucksvolle Vergegenwärtigung der Geschichte von jemandem, der ausgeht, alleine herumsteht, nach Hause geht und sterben will, weil er so einsam ist und jede Hoffnung verloren hat.
Beim Konzert, das Morrissey am Freitagabend in Berlin gab, ist "How Soon is Now" bereits der dritte Song aus dem mythischen Frühwerk des Künstlers. Zwischen 1982 und 1987 war er der Sänger von The Smiths, der vermutlich charismatischsten und einflussreichsten Popgruppe seit den Sex Pistols, vielleicht seit den Beatles. Ihre Songs schrieben sich in Biografien Millionen schüchterner Teenager ein, weil sie nicht von Aufbruch und Rebellion, sondern von Rückzug und Selbstzweifeln handelten.
Ein Frühwerk von Gewicht
Lange musste Morrissey sich am Gewicht seines Frühwerks messen lassen. Inzwischen währt seine Solo-Laufbahn viermal so lange wie seine Bandkarriere, zudem hat er zuletzt gleich drei fabelhafte Alben aufgenommen, darunter das vor Kraft nur so strotzende "Years Of Refusal". Er kann die alten Sachen also wieder spielen, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, nur vom Ruhm seiner frühen Jahre zu zehren. Nun zelebriert er Hits wie "Ask", "Girlfriend in A Coma" und "Some Girls Are Bigger Than Others" mit der Selbstsicherheit und der Übung eines Charakterdarstellers, der seine Rolle als Popdiva bis in die kleinste Handbewegung auszufüllen weiß.
Die neuen Songs stehen den alten an Aussagekraft in nichts nach: So gewinnt das patriotische Bekenntnis "Irish Blood, Englisch Heart" als zornige Abrechnung mit dem korrupten Labour-Kabinett eine unerwartete Aktualität. Morrissey träumt von einer Zeit, in der Engländer von ihrer Regierung und von ihrer Königin die Nase voll haben, und mit einem Mal wird er zum muskulösen Agitator eines Englands, das sich vom Filz und von der Durchschnittlichkeit befreit.
Pünktlich zum 50. Geburtstag, den Morrissey Ende Mai in seiner Heimatstadt Manchester feierte, hat eine literaturwissenschaftliche Abhandlung mit dem Titel "Morrissey: The Pageant of his Bleeding Heart" ihn endgültig zum Nationalpoeten erhoben, indem sie ihn in eine Reihe mit Dichtern wie Philip Larkin oder John Betjeman stellt. Zudem erkennt der Autor Dr. Gavin Hobbs in Morrisseys Weltenwurf Parallelen zum absurden Theater von Beckett. Doch anders als die romantischen Dichter des 19. und die existenzialistischen Dramatiker des 20. Jahrhunderts ist Morrissey sehr lebendig. "Ich bin hier", ruft er den Zuschauern zu. "Ich lebe."
Als er die Bühne mit den Worten "Ich bin euer untertäniger Gast" betritt, sieht er mit seiner dunkelbraunen Strickjacke und Bootcut-Jeans noch wie ein modebewussten Frührentner beim Sonntagsspaziergang aus. Doch schnell wirft er das Jäckchen ab, und auf der Brust und unter den Ärmeln seines Hemdes bildet der Schweiß dunkle Flächen. Aus dem schmalbrüstigen Bücherwurm der 80er-Jahre ist ein gestandenes Mannsbild geworden, das eine erstaunliche physische Präsenz an den Tag legt und dabei in seinen Gesten stets zweideutig bleibt. Der gereifte Morrissey verkörpert Androgynität in ihrer maskulinsten Ausprägung: Man stelle sich einen schwitzenden Hybriden aus Carry Grant und Freddie Mercury vor - einen schöneren Mann kann man sich kaum denken. Mit der ihm eigenen hyperreflektierten Theatralik gelingt es Morrissey, die Dramen, die in seinen Liedern stecken, gleichzeitig zu überhöhen und zu karikieren. So wird sein Auftritt zu einer doppelbödigen Revue der großen Gefühle, die mitunter geradezu musicalartige Züge annimmt. Als gegen Ende der rund 70-minütigen Show das Instrumentalstück "The Loop" in den programmatischen Song "I'm OK By Myself" übergeht, erinnert das Bühnenaufgebot an eine Tanzszene aus dem Elvis-Film "Jailhouse Rock": Die Mitglieder der fünfköpfigen Bands wirbeln in einheitlichen Jeanshemden mit hochgeschlagenen Ärmeln über die Bühne, ein Kontrabass dreht sich wild um die eigene Achse, und Morrissey peitscht mit weit ausholenden Bewegungen auf sein Tambourin ein wie ein Cowboy auf den Hintern seines Pferdes. Das macht ihm so schnell keiner nach.
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Foto: Morrissey: Androgynität in ihrer männlichsten Ausprägung.