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UNTERM STRICH: KLEINGARTEN

Rabatten im Hundeklo

Sabine Rohlf

Nicht alle Menschen, die gerne etwas wachsen sehen, sind Mitglied in einem Kleingartenverein. Manche haben keine Geduld für Wartelisten, kein Geld für Abstand und Pacht und widmen sich lieber subversiven Formen des Gärtnerns im öffentlichen Stadtraum oder auf vernachlässigtem Privateigentum, das sie in blühende Verkehrsinseln und üppige Gemüsefelder verwandeln. Das schöne Hobby ist inzwischen so angesagt, dass nicht nur Adidas damit Werbung macht.

Der Blogger Richard Reynolds (www.guerrillagardening.org) zeigt in seinem frischübersetzten Buch "Guerilla Gardening. Ein botanisches Manifest", warum das so ist: Es strotzt von Enthusiasmus und inspirierenden Geschichten über Riesenkürbisse in Tokio, Narzissen auf Mailänder Mittelstreifen und Ginko-Bäume in New York, gepflanzt gemäß der Maxime: "Guerilla Gardening ist: Die unerlaubte Kultivierung von Land, das jemand anderem gehört."

Die Illegalität verleiht dem Gärtnern offenbar besonderen Reiz. Reynolds schreibt über den Spaß, im Dunkeln durchs Gebüsch zu schleichen oder als Straßenarbeiter verkleidet Guerilla-Rabatten zu harken. Vor allem aber ist die heimliche Aktion Teil einer vernünftigen Strategie. Denn wer fragt, ob er ein zugekacktes Park-Beet wiederbeleben dürfe, so Reynolds, werde von den zuständigen Behörden zumeist ein Nein hören. Da sei es schon besser, Tatsachen zu schaffen und mit Blüten oder reicher Ernte zu überzeugen.

Reynolds, der mit einem vernachlässigten Stückchen Erde vor einem Hochhaus begann, ist ein Pflanzenfreund, der Leidenschaft mit Pragmatismus vereint. So finden sich in seinem Buch nicht nur Erfolgsstorys aus London oder Buenos Aires, sondern auch Tipps zur Bewässerung mit Plastikflaschen, der Herstellung von Samenbomben, dazu Werkzeugempfehlungen und Kommunikationsstrategien mit Passanten und Ordnungshütern. Einige Zeilen widmen sich sogar der Auswahl geeigneter Kleidung. Reynolds rät von der Arbeit ohne Handschuhe und von Extravaganzen ab - "ein Superheldentrikot aus Latex würde im Gebüsch nur zerreißen". Ein bisschen heroisch ist das Ganze natürlich trotzdem, vor allem, wenn sich Gärtner beim Bulldozer-Alarm an Bäume ketten oder aber geduldig ein immer wieder zertrampeltes Stück Grün reanimieren.

Dass Reynolds aus der Werbung kommt, schadet weder dem Buch noch der Sache. Sein Manifest macht fröhlich und mutig - nach der Lektüre betrachte ich das Hundeklo vor meiner Haustür mit anderen Augen; vielleicht sollte ich ihm meine überzähligen Ringelblumen anvertrauen? Zudem rät er von Kooperationen mit gewinnorientierten Partnern ab, die Adidas-Werbung wird als besonders abschreckendes Beispiel beschrieben.

Auch ohne Vereinnahmung aus der Welt des großen Geldes gibt es genug zu diskutieren: Ist es eigentlich richtig, den Gartenbauämtern ihre Arbeit abzunehmen? Was bedeutet es, Nachbarschaftsgärten einzuzäunen? Was passiert, wenn man es lässt? Ist eine Margerite besser als ein mit Schwermetallen verseuchtes Radieschen? Was ist mit der Bearbeitung eines Geländes, das ortsansässige Pflanzen, Tiere und Menschen, etwa Junkies verdrängt? All diese Probleme haben Platz in diesem Buch, das dabei nie aus dem Blick verliert, worum es eigentlich geht: Nämlich den Unwillen, sich mit einer hässlichen, vernachlässigten Umgebung abzufinden und damit, dass man sie eigentlich nicht mitgestalten darf.

Das klingt gut und ist es auch, im Kleinen (verwaister Pflanzbottich) oder im Großen, etwa den Nachbarschaftsgärten, die es ja auch in Berlin gibt, etabliert, geduldet oder akut bedroht - wie der von Reynolds hochgelobte Rosa Rose Garten in Friedrichshain, (www.rosarose-garten.net) - der teilweise schon verwüstet wurde und dringend Unterstützung braucht. Und da wäre ja noch die ganz große Grünfläche Berlins, die Guerilla-Gärtner und Noch-Nicht-Gärtner zu menschen- und pflanzenfreundlichen Visionen anregt. Am 20. Juni soll eine öffentliche Besetzung des Flugfeldes Tempelhof (www.tempelhof.blogsport.de) demonstrieren, wie vielfältig die Nutzungsmöglichkeiten jenseits schicker Architekten-Entwürfe sind. Da könnte man sich sicher auch für ein paar hundert neue Kleingärten stark machen.

Richard Reynolds: Guerilla Gardening. Ein botanisches Manifest. Orange Press, Freiburg 2009, 269 S. 18,60 Euro.