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BERLIN-PLANER: POP: SHORTCUTS

Si tacuisses, philosophus mansisses

Jens Balzer

Neulich an einer Straßenbahnhaltestelle an der Karl-Liebknecht-Straße. Stehen zwei Punks regungslos grübelnd vor einem Plakat, auf dem ein bunt gedrucktes, hübsches Mädchen verkündet: "Ich bin Walkämpferin." Sagt der eine Punk: "Verstehste dis? Walkämpferin? Schreibt man ds'n nich mit ,h'?" Sagt der andere Punk: "Ja, da ham die sich verschrieben. Is ja voll peinlich, ey." Eine Passantin mischt sich ein: "Liebe Punks, es handelt sich hier um ein Sprachspiel. Gemeint ist, dass sich die junge Dame für Wale einsetzt." Die Punks gucken ratlos. Die Passantin erläutert: "Wale. Große Säugetiere im Meer. Blauwale, Buckelwale und so." Jetzt werden die Punks zornig: "Ey, Alle, ich war bis vor'n paar Jahrn aufa Grundschule und ich weiß, wie man Wale schreibt. Mit zwei ,a'. Hiers aber nur eins. Wills mich veraaschen, oder was?" Die Passantin entfernt sich zügig, die Punks bleiben vor dem Plakat und auf ihrem bisherigen Kenntnisstand zurück. Daran sieht man wieder - Marketing-Praktikanten aus Mitte, aufgepasst -: An manchen Jugendkulturen gehen semiotisch komplex angelegte Werbekampagnen vorbei.

Apropos Vorbeigehen. Vielleicht erinnern Sie sich, liebe Leser, dass wir in der vergangenen Woche an dieser Stelle auf ein Konzert des Frankfurter Bluesrocksängers Der W verwiesen und in aufklärerischer Absicht aus einem Lied seiner früheren Band Böhse Onkelz zitierten ("Türken raus"). In der täglichen Feuilletonkonferenz der Berliner Zeitung - stets ein Ort der Inspiration und des Gedankenaustauschs auf hohem Niveau - wurde daraufhin kritisiert, dass man den Auftritt von "so einem Typen" doch nicht mit Datum und Veranstaltungsort auf der Pop-Seite erwähnen dürfe; es sei ja richtig, die Leser darüber zu informieren, um wen es sich bei diesem Musiker handelt, aber Uhrzeit und Adresse sollten dann weggelassen werden. Ein interessanter Vorschlag, den ich gerne aufgreife. Dieses Verfahren eignet sich ja nicht nur in Fällen von aktuellem oder gewesenem Rassismus, von Sexismus oder Homophobie, sondern auch bei musikalischen, lyrischen oder ästhetischen Unzulänglichkeiten aller Art; überdies kann man es dahingehend variieren, dass man auch den Namen des Künstlers verschweigt oder das Publikum durch gezielt gesetzte Fehlinformationen verwirrt. Am nächsten Dienstag tritt zum Beispiel Deutschlands musikalisch unausstehlichster Deutschrocker, eine Art menschgewordenes Symbol für den jahrzehntelangen popkulturellen Rückstand unserer Nation, mit seiner berüchtigten Pudelfrisur, seinem Jeansanzug und seinem überaus ungenießbaren vollregressiven Bahnhofskneipenherumgerocke auf einer Freilichtbühne inmitten einer Grünanlage im Großraum Berlin auf. Schlimm! Deswegen verrate ich Ihnen auf keinen Fall, wie der Mann heißt und um wie viel Uhr er wo genau auftreten wird. Bis nächste Woche.