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Ein inoffizieller Staatsakt der DDR?

Der West-Berliner Student Benno Ohnesorg wurde von einem Stasi-Mitarbeiter erschossen

Wolfgang Kraushaar

Die Meldung, die das ZDF am Donnerstag verbreitete, ist von vielen als sensationell aufgenommen worden. Der Polizist, der Benno Ohnesorg erschoss, soll seit 1964 ein Mitglied der SED und bereits seit 1955 ein Spitzeninformant der Staatssicherheit gewesen sein. Ein Zweifel an der Stichhaltigkeit dieser Information scheint nicht angebracht zu sein. Dafür ist die Aktenlage in der Birthler-Behörde offenbar zu gut. Die Frage steht seither im Raum, ob damit auch das Warum der unseligen Tat vom 2. Juni 1967 aufzuklären ist: Warum hat Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras seinerzeit den tödlichen Schuss auf den Demonstranten abgegeben? Denn die in den beiden Prozessen von dem Angeklagten abgegebenen Erklärungen, er habe aus "Notwehr" gehandelt, sind ebenso unglaubwürdig wie die von interessierter Seite aufgestellte Vermutung, der Schuss habe sich im Getümmel versehentlich gelöst. Schließlich war Kurras nicht nur ein Waffennarr, sondern auch in jener Abteilung des Staatsschutzes, für die er offiziell arbeitete, als der beste Schütze bekannt. Im Kern geht es darum zu klären, ob Kurras - wofür vieles spricht - vorsätzlich geschossen hat und wenn ja, ob er das im Auftrag der Staatssicherheit getan hat.

Der Tod Benno Ohnesorgs war der Funke, an dem sich die Studentenbewegung entzündet hat. Zuvor hatte es zwei Jahre lang eine Art Campusrevolte an der Freien Universität gegeben. Doch erst aus der Empörung über die unglaublichen Begleitumstände - prügelnde "Jubelperser", die "Leberwurst"-Taktik der Polizei, die Hetzmeldungen der Springer-Zeitungen und anderes mehr - ist der Funke auf die Bundesrepublik übergesprungen und hat alle Universitäten und Hochschulen erfasst. Ohne dieses Fanal wäre das nicht geschehen. Obwohl die Polizei den Todesfall zunächst zu vertuschen versuchte und der Senat ein generelles Demonstrationsverbot erließ, trafen sich am 3. Juni 6 000 Hochschulangehörige auf dem Gelände der Freien Universität und diskutierten über die Erschießung Ohnesorgs und den "nicht erklärten Notstand" in West-Berlin. Der Tod des unschuldigen Studenten hatte inzwischen eine Welle der Empörung an allen bundesdeutschen Universitäten ausgelöst. Der 2. Juni wurde so zum Startsignal einer Studentenbewegung, die auf die gesamte Bundesrepublik übergriff, sich rasch zu einer außerparlamentarischen Opposition ausbreitete und für die sich inzwischen die Redeweise von der 68er-Bewegung eingebürgert hat.

Dass der Todesschütze am 21. November 1967 vom Landgericht Moabit vom Verdacht der fahrlässigen Tötung freigesprochen und im Gegensatz dazu der Kommunarde Fritz Teufel wegen eines angeblichen, nie nachgewiesenen Steinwurfs monatelang in Untersuchungshaft gehalten worden war, hatte erheblich dazu beigetragen, unter den Studenten den letzten Rest an Vertrauen gegenüber der Justiz und den staatlichen Institutionen zu verspielen. Diese Faktoren zusammen besaßen den Effekt einer grundlegenden misstrauensbildenden Maßnahme.

Der andere wichtige Punkt ist die staatliche Seite, genauer die durch den 2. Juni ausgelöste politische Krise des Berliner Senats. Es wurde ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingerichtet, die für den skandalösen Polizeieinsatz beim Schah-Besuches politisch Verantwortlichen mussten gehen: Der Polizeipräsident, der Innensenator, schließlich der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz.

Die bundesdeutsche Studentenbewegung hatte eine maßgebliche Besonderheit. Sie entstand mit West-Berlin in einer Insel des Ostblocks, war geprägt durch den Ost-West-Konflikt, der ja zugleich ein Systemkonflikt war. Insofern war es naheliegend, dass eine politisch radikale Bewegung dazu tendierte, auch zum Spielball ganz anderer, nur schwer zu durchschauender Kräfte zu werden. Das galt für die westliche ebenso wie für die östliche Seite, wenn auch in einem unterschiedlichen Ausmaß.

Wie stark das Interesse der SED an einer politischen Ausbeutung des Todes von Benno Ohnesorg war, verriet sich durch eine Geste, die damals bereits zu Spekulationen hätte Anlass bieten müssen. Man ließ den Trauerkonvoi mit dem Leichnam des Germanistikstudenten zur Beerdigung nach unkontrolliert von Berlin nach Hannover die DDR-Grenze passieren. Mit schwarzen Fahnen bestückt fuhren mehr als hundert Personenwagen, ohne die üblichen stundenlangen Wartezeiten und Gebühren über die Grenze. Die Soldaten bildeten sogar Spalier und erboten dem Toten die letzte Ehre. Unterwegs waren auf Autobahnbrücken Jugendliche zu sehen, die dem Tross zuwinkten. Das Ganze trug Züge eines inoffiziellen Staatsaktes der DDR. Wer diese Symbolik jedoch als eine wirkliche Unterstützung der Studentenbewegung verstanden hätte, der wäre einem Missverständnis aufgesessen. Es war zwar nicht nur Ausdruck von Propaganda, was sich an diesem 8. Juni den Betrachtern bot, aber auch alles andere als Akte der Solidarität. Es war der dreiste Versuch einer Instrumentalisierung der Studentenbewegung und eine Gelegenheit, den West-Berliner Senat und die Polizeibehörden als mörderisch und faschistisch zu brandmarken.

Der starke Mann der SED, Walter Ulbricht, hatte kurz zuvor auf dem VII. Parteitag im April 1967 die Marschroute vorgegeben. Die für die Staatspartei brauchbaren Teile der sogenannten westdeutschen Intelligenz, erklärte er, sollten integriert, die unbrauchbaren hingegen isoliert und abgedrängt werden. Kurze Zeit später kursierte im SED-Politbüro ein Geheimpapier über "Protest und Widerstand junger Menschen", in dem ein regelrechtes Aktionsprogramm für die APO entwickelt worden war. "Es geht jetzt darum," hieß es darin, "den in Kreisen der Jugend und Studenten in Westdeutschland und Westberlin vorhandenen Widerstand gegen die westdeutsche Regierungspolitik sowie der Forderungen nach einer Veränderung der bisherigen Politik und der Aktionen der progressiven Kräfte in den verschiedenen Jugend- und Studentenverbänden zu einer gelenkten und die Kräfte vereinenden Bewegung der Jugend in Westdeutschland und Westberlin zu entwickeln ... Die Bewegung soll ihrem Charakter und ihrer Zielsetzung nach eine antifaschistische, antimilitaristische, antimonopolistische, demokratische Bewegung sein." Hier ist also verräterischer Weise sogar von einer "gelenkten" Bewegung die Rede.

Es kam zu einer Serie von Sondierungsgesprächen und Verhandlungen zwischen Funktionären des SDS-Bundesvorstandes und des FDJ-Zentralrates in Ost-Berlin. Dabei wurden auch Fotodokumente und Informationen über die "faschistische Vergangenheit" von Polizeiangehörigen überreicht. Ein sich im Lichte der neuesten Erkenntnisse über den Todesschützen Kurras besonders bizarr erscheinender Vorgang.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Aktivitäten eines innerhalb der Westberliner Polizei agierenden Stasi-Spitzels wie Kurras in einem anderen Licht. Er könnte demnach für das MfS in der Tat eine besondere Rolle auch in der Auseinandersetzung mit der Studentenrevolte gespielt haben. Jedoch Vorsicht vor zu weitreichenden Spekulationen - so viel wie jetzt über die Doppelexistenz des Todesschützen bekannt geworden ist, so wenig wissen wir über die Motive des Täters und den genauen Tathergang. Für eine weitreichende Interpretation bleibt dieses Erklärungsvakuum: Hat der Todesschütze aus eigenen Motiven oder im Auftrag gehandelt? Kurras lebt immer noch in West-Berlin und ist inzwischen 81 Jahre alt. Vor laufender Kamera des ZDF hat er widerwillig eingeräumt, dass sein SED-Mitgliedsausweis echt sei. Naheliegend wäre, an ihn zu appellieren, nun nach 42 Jahren die Öffentlichkeit über die Beweggründe und mögliche Hintergründe von SED und MfS sowie eigene Motive aufzuklären. Die Witwe Ohnesorgs ist bereits 2000 gestorben, aber der gemeinsame Sohn lebt. Doch die Erwartung scheint nicht realistisch. Kurras müsste befürchten, erneut auf die Anklagebank zu gelangen, denn Mord verjährt nicht.

Unser Autor ist Politikwissenschaftler und exponierter Chronist der 68er Bewegung.

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Hat der Todesschütze von Benno Ohnesorg aus eigenen Motiven oder im Auftrag gehandelt?

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Foto: Der Trauerkonvoi für Benno Ohnesorg am 8. Juni 1967 in Berlin