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VIDEOCLIPS

Getanzte Ansichtskarten von Berlin

Nicholas Brautlecht

Philipp hatte die Schnauze voll. Es war früh und kalt an einem Februarmorgen in Berlin: Normalerweise hätte der Elfjährige zu dieser Zeit in einem beheizten Klassenzimmer der Peter-Petersen-Grundschule in Neukölln gesessen. Stattdessen muss er schon zum sechsten Mal an der Gedenkstätte Bernauer Straße den ehemaligen Grenzstreifen entlangschreiten und dabei seine rechte Hand über den kalten Beton der Mauer streifen. "Das ist zu viel für mich", sagt Philipp. Doch dann beißt er die Zähne zusammen und zieht den Schal enger. Er kann seine fünf jungen Darstellerkollegen ja nicht hängen lassen. Der Videoclip soll ein Erfolg werden. Doch wie ein echter Profi, der Philipp.

Der Neuköllner Schüler ist einer der Stars von "Postcards from Berlin". Was wie eine neue TV-Soap klingt, ist in Wahrheit ein internationales Tanzfilmprojekt. Am Freitag wurde im Kino Arsenal Premiere gefeiert, seitdem ist "Postcards" im U-Bahn-Fernsehen "Berliner Fenster" zu sehen. Das Fenster hat nach eigenen Angaben täglich 1,5 Millionen Zuschauer - kein schlechter Start für Nachwuchsstar Philipp. Auch im Internet sind die 14 Videos mit Grund- und Oberschülern aus Neukölln, Reinickendorf und Wedding zu sehen. In naher Zukunft sollen filmische Postkarten von Londoner Schülern dazukommen.

Die Idee hatte Jo Parkes von MobileDance. Die Britin lebt seit vier Jahren in Berlin. "Wir wollten die Kinder aus ihrem Kiez locken und ihre Wahrnehmung für die Stadt schärfen, denn einigen ist ihre Stadt total fremd. Sie kennen nicht mal den Fernsehturm oder die Gedächtniskirche." 16 Choreografen, Musiker und Filmemacher probten, diskutierten und filmten fast ein halbes Jahr lang mit den Schülern. "Die Kinder sollten auch erfahren, dass es neben Hollywood-Blockbuster und Musikvideos noch andere Kunstformen gibt."

Während einige Schüler vor dem Brandenburger Tor Breakdance aufführen oder am Kottbusser Damm einen arabischen Volkstanz, geht es am Filmset an der Bernauer Straße ruhiger zu: Langsamen Schrittes und mit ernsthafter Miene gleiten zwei Schülergruppen eng an der Mauer aufeinander zu, bis sie verschmelzen. So wird die Teilung und Vereinigung Berlins dargestellt. "Anfangs wollten die Kinder einen Tanz mit Schüssen und Toten. Doch später einigten wir uns auf einen behutsameren Ansatz", sagt die amerikanische Choreografin Rachel Brooker. Jo Parkes fügt hinzu: "Auffällig war, dass das Thema Mauer für viele Kinder kaum eine Bedeutung hatte, vor allem für die vielen mit Migrationshintergrund."

Nach gut einer Stunde Dreharbeiten ist an der Bernauer Straße die letzte Klappe gefallen. Das Team ist durchgefroren, aber zufrieden. Auch Philipps Gesicht hat sich aufgehellt, und er testet auch schon das Cateringangebot: Kekse, Mandarinen und heißen Tee. Fast wie in Hollywood.

Informationen im Internet unter www.mobiledance.org/postcards

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Foto: Berliner Schüler bei den Dreharbeiten im Februar an der Bernauer Straße