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Komm wieder, wenn du eine Melodie hast

Beyoncé Knowles fuchtelte in Berlin mit den Armen herum und machte "Huch", "Ach" und "Uff"

Jens Balzer

Am Freitag hat der US-amerikanische Superpopstar Beyoncé Knowles in der Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof ein Konzert mit zahlreichen Tanzeinlagen gegeben; es handelte sich hierbei um einen Teil der "Beyoncé's: I am."-Welttournee, die nach Ansicht von US-amerikanischen Entertainment-Experten das Beste, Glanzvollste und Professionellste ist, was die Entertainment-Industrie ihres Heimatlandes gegenwärtig zu bieten hat. Was gibt es von dieser nationalen künstlerischen Spitzenleistung zu melden? Während ihres zweistündigen Auftritts zog sich Beyoncé Knowles insgesamt acht Mal um. Zu Beginn betrat sie die Bühne in einem glitzernden Kleidchen mit einer Schleife am Hintern, um in diesem ihren ersten Single-Erfolg "Crazy in Love" als Karaoke-Duett mit ihrem vom Band zugespielten Ehemann Jay-Z zu singen; unter den weiteren Kostümen stach ein aus sechs Teilen zusammensteckbares Hochzeitskleid heraus, das ihr von muskulösen Lakaien vor dem Stück "Ave Maria" in Windeseile an den Leib geknüpft wurde.

Auf der Bühne befanden sich neben Beyoncé, ihren Lakaien und Tänzerinnen zwei Schlagzeugerinnen und eine Percussionistin, zwei Keyboarderinnen, eine Gitarristin und eine Bassistin, drei Chorsängerinnen und eine dreiköpfige Bläserinnensektion. Personalmangel herrschte also nicht. Musikalisch hatte man allerdings wenig davon: Die Schlagzeugerinnen taten nichts anderes, als sich im synchronen Aufführen einfacher Viervierteltakte zu versuchen; weil es aber selbst damit haperte, kam es fortwährend zu unschönen Echo- und Stolpereffekten. Die Gitarristin war mit Afrofrisur und bunt tätowierten Oberarmen immerhin gut gecastet, sie sah nämlich aus wie der alte Guns N' Roses-Gitarrist Slash. Warum die Bassistin zwischen zwei Stücken unvermittelt "Seven Nations Army" von den White Stripes anstimmte und danach ihr Instrument ableckte, blieb allerdings ihr Geheimnis.

Ähnlich rätselhaft wirkten manche Choreografien: Zu "Get Me Bodied" führte Beyoncé mit ihren Tänzern eine Polonäse auf, bei der sich alle in einer Reihe auf den Bühnenboden setzen mussten, um dann mit einem abgewinkelten Bein und einem heruntergedrückten Knie geradeaus zu rutschen, was einerseits an den Kosaken- und andererseits an den Ententanz erinnerte.

Tiere spielten auch im weiteren Verlauf des Abends eine Rolle. So wurde das Stück "Diva" von einer Videoeinspielung eingeleitet, in der man Beyoncé als einen von transparentem Hartplastik umhüllten Roboter mit Leopardenfell sah; leider war der Beyoncé-Leoparden-Roboter motorisch nicht ausgereift und konnte sich daher nur ruckartig und mit schnarrenden Geräuschen bewegen, ähnlich wie Roboter Robbi in der Serie "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt". Bevor Beyoncé ihr persönliches Fliewatüüt fand, musste sie ein dichtes Schneetreiben durchruckeln und mit einem drohenden Blick einen Leoparden in die Flucht schlagen; danach zoomte die Kamera auf ihre Pupillen und fand in dem drohenden Blick einen herrlichen Sternenhimmel.

Der drohende Blick war auch das wichtigste wiederkehrende dramaturgische Mittel, das Beyoncé bei ihrem Konzert einsetzte; wobei nicht ganz klar war, wem sie - abgesehen von dem Leoparden - eigentlich aus welchem Grund drohen wollte. Vielleicht all jenen, die Beyoncé nicht genauso schön finden, wie sie sich selbst? Man war jedenfalls froh, dass ihr mit dem Blicken überhaupt etwas gelang: Alle körperlichen Äußerungen, die darüber hinausgingen, wirkten weit weniger souverän.

Als Tänzerin erweckte Beyoncé einen verspannten Eindruck; als Sängerin ist sie bestenfalls mittelmäßig, was sich insbesondere in den "Balladen" bemerkbar machte, in denen sie ihre Motive erfolglos nach Mariah-Carey-Art mit Blue Notes und Trillern auszuschmücken versuchte. Überaus unbegabt ist Beyoncé überdies beim Verfassen von Songs, was sie leider nicht davon abhält, dies zu tun; im Singen eigener Lieder sieht sie nämlich ein Zeichen weiblicher Autonomie. In diesem Fall führte diese Autonomie lediglich dazu, dass es während des gesamten Konzerts keine einzige interessante oder auch nur wiedererkennbare Melodie zu hören gegeben hätte. Wobei viele von den Songs, an die man sich sogleich nicht mehr erinnern konnte, von Beyoncé auch gar nicht gesungen, sondern aus der Konserve dazu gespielt wurden; zu ihrer eigenen Karaoke-Vorlage steuerte die Künstlerin lediglich einige langgezogene "Huch"-, "Ach"- und "Uff"-Laute bei. Um gesanglich mehr zu leisten, war sie auch viel zu beschäftigt damit, mit drohendem Blick unentwegt im Kreis herumzustolzieren und ihre Haare in den überall angebrachten Windmaschinen wehen zu lassen.

Vom Genre des glamourösen Pop-Großkonzerts, in dem schöne Menschen in teuren Gewändern beeindruckend tanzen und perfekte Melodien singen, ist bei Beyoncé lediglich das Skelett übrig geblieben: Auftreten, gucken, herumstolzieren, "Huch" und "Ach" machen, sich bewundern lassen und wieder abtreten. In sonderbarer Weise paart sich hier das ausgiebige Ausstellen materiellen Reichtums mit dem arbeitsverweigernden Minimalismus der Diva, die sich für alles, aber auch wirklich für alles zu schade ist: "Arbeiten, tanzen, schöne Melodien singen sollen gefälligst andere. In meinem Fall muss es reichen, dass ich überhaupt da bin."

Man könnte Beyoncé also als die Strukturalistin unter den Diven bezeichnen: Sie reduziert das Genre aufs Nötigste und tilgt dabei alles, was über bloße Strukturen hinausgeht, insbesondere: Subjektivität. Beyoncé kann nicht nur nicht singen und nicht komponieren, sie hat auch kein Charisma und keine Bühnenpräsenz. Ihren universellen Mangel verwaltet sie jedoch, wie man sieht, mit größtmöglicher Effizienz, was in Krisenzeiten ja ein wichtiges Talent darstellt. So blieb der Besuch des "Beyoncé's: I am."-Konzerts nicht ohne Erkenntnisgewinn: Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie weit man heute kommen kann, ohne ein "Ich" besitzen. Gleichwohl: Wenn das der Stand der Kunst in der US-amerikanischen Entertainment-Industrie ist, dann geht es der dortigen Auto-Industrie eigentlich noch ganz gut.

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Auftreten, gucken, herumstolzieren, sich bewundern lassen und wieder verschwinden.

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Foto: Beyoncé führte auch den Kosaken- und den Ententanz auf.