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Finstere Mächte

In der Prignitz haben Aussteiger das "Fürstentum Germania" gegründet. Die Hintermänner sind rechtsextreme Sektierer

Frank Nordhausen

KRAMPFER/BAD SAAROW. "Am Morgen geh' ich nach den Schafen gucken, da waren's nicht mehr zwei, sondern drei", schildert Jens Wilmann seine erste Begegnung mit dem Nachwuchs auf Schloss Krampfer. Tom heißt das neu geborene Lämmchen, und über sein Erscheinen waren die Schlossbewohner offenbar erstaunt. So wie sie sich auch noch immer über Journalisten wundern, die im "Fürstentum Germania" aufkreuzen.

Jens Wilmann nennt Germania den "ersten souveränen Staat auf deutschem Gebiet seit dem Ersten Weltkrieg". Ungewöhnlich findet Wilmann daran nichts. Wie nach einem Krieg sieht zumindest nicht nur das Haus, sondern auch der schiefe Zaun aus, der das Fürstentum von der "BRD" abgrenzt. "Postbote zweimal klingeln", bittet ein handgemaltes Schild.

Das ominöse Fürstentum in der Prignitz hat seit seiner Gründung und dem Erlass einer Verfassung Mitte Februar einiges Aufsehen erregt. Eine polizeiliche Razzia fand statt, Zivilfahnder sind gesehen worden. "Harmlose Alternative oder Rechtsextreme?", fragte die Lokalpresse besorgt. Jens Wilmann winkt ab. "Alles Medienhetze." Der dünne Mann mit dem Zottelbart und dem Poncho hat wenig Zeit für Erklärungen. Er muss neue Bewohner begrüßen und ihre Umzugskisten ins Schloss bringen.

Das Fürstenvolk wächst täglich. Junge Leute aus ganz Deutschland ziehen nach Krampfer in der Prignitz. Das Dorf liegt zwischen Perleberg und Havelberg, ein Ort mit Backsteinkaten, Kopfsteinpflaster und einem einstigen Herrenhaus, das in der DDR eine Schule war. Die neuen Bewohner haben es zum Schloss erklärt und zum Sitz ihres "basisdemokratischen Kirchenstaats". Eine Kirche haben sie zwar nicht, aber einen Fürsten. Er ist ein verarmter Adeliger, Michael Freiherr von Pallandt.

Noch muss er als Taxifahrer in Augsburg arbeiten, doch das soll sich bald ändern. "Der Fürst zieht ein, sobald es hier wohnlich ist", gibt Manuel Opitz bekannt, einer der Gründer des Fürstentums. Opitz ist 29 Jahre alt, drei Jahre jünger als Wilmann, wie dieser gelernter Schlosser und enttäuscht vom Leben im "BRD-System". Er hat vom Fürstentum Germania im Internet gelesen und ist kurzerhand hergezogen. Auch die anderen Neusiedler - Arbeitslose, Aussteiger, ein Ex-Junkie - hat das Netz hierher geführt. Genauer: Webseiten, die "Autarkes Leben", "Auf zur Wahrheit" oder "Secret TV" heißen. Zwölf Bewohner, genannt "Reichsritter", kampieren jetzt im Schloss. Das Fürstentum Germania ist eine Realität gewordene Netzcommunity.

Die jungen Leute führen ihre Besucher gern durch das bröckelnde Gemäuer. Schlafsäcke liegen herum. Eine Dusche haben sie schon eingebaut und ein Klo. Einiges erinnert an frühere Landkommunen. Die Sprüche auch. "Wir haben der BRD den Frieden erklärt", sagt Wilmann. Er erzählt von einem geplanten Ökomarkt, von "Permakultur" und von Spiritualität. Er sagt, dass man Hanfplantagen anlegen und damit fünftausend Arbeitsplätze schaffen wolle. "Hier geht's um Frieden, Freiheit, Liebe, Autarkie - rechtes Gedankengut werden Sie hier nicht finden." Auf die Frage danach hat der Schlossbewohner einen Slogan parat: "Wir sind nicht rechts, wir sind nicht links, wir sind vorne."

Solche Sätze könnten als witzig und ein wenig versponnen durchgehen, wenn nicht jedes Gespräch mit den Bewohnern des Fürstentums irgendwann ins Unverständliche abdriften würde. "Die BRD ist gar kein Staat, sondern nur eine GmbH", ist so ein Satz, der im Schloss oft zu hören ist. "Die BRD ist nie souverän geworden. Der Staat ist privatisiert, das Volk Freiwild", sagt etwa Manuel Opitz. Eine Firma könne weder Steuern erheben noch Personalausweise ausstellen. "Das lehnen wir ab", sagt Jens Wilmann. Auch aus spirituellen Gründen. "Wenn du den Ausweis umdrehst, siehst du einen Baphometen. Eindeutig ein satanisches Zeichen." Zudem sei ein Überwachungschip eingeschweißt. Den könne man zwar in der Mikrowelle neutralisieren, aber das böse Karma bleibe.

Spinner? Verschwörungstheoretiker? Oder steckt mehr dahinter? Solche Fragen bewegen die Leute in Krampfer. Sie haben Angst, dass die Schlossbewohner das ganze Dorf aufkaufen und ihre Kinder manipulieren. Zu einer Informationsveranstaltung kamen Ende Februar mehr als zweihundert Bürger.

Gabriele Treutler hat die Veranstaltung damals mitorganisiert. "Wenn es nicht so ernst wäre, müsste man sagen: Alle in die geschlossene Anstalt", sagt die resolute Küsterin, Mitglied der Grünen und im Kreistag. Auf dem Tisch hat sie ein zwei Meter langes Papier ausgerollt. Darauf stehen Dutzende Namen, verbunden mit Pfeilen und Linien. "Wenn man recherchiert, stößt man auf die irrsinnigsten Kontakte", sagt sie. "Von Verschwörungstheoretikern zu Holocaustleugnern, Scientologen, braunen Esoterikern. Wo man auch landet, es ist immer rechtsextrem und antisemitisch. Immer das gleiche Vokabular."

In der Mitte des Papiers hat Frau Treutler die Gründer des Fürstentums Germania eingetragen, den Fürsten und einen gewissen Byron Jessie Marsson-Duchamp. Der 30-jährige Bayer behauptet, ein genetischer Klon zu sein. Er soll das Geld für den Erwerb des Anwesens beschafft haben, indem er vier Oldtimer verkaufte. Fest steht, dass Marsson ein Verschwörungstheoretiker, Impfgegner und "ausgebildeter Druide" ist. Sein bester Kumpel ist der dritte Mann im Bunde: Jo Conrad aus Worpswede.

Der 50-jährige ehemalige Taxifahrer sendet täglich dreißig Minuten Internet-Fernsehen, Nachrichten aus dem Fürstentum. Conrad ist ein bekannter Esoteriker und Autor antisemitischer Bücher, der wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. "Wir befürchten, dass in Krampfer ein rechter Brennpunkt entsteht", sagt Treutler. "Wir haben Angst, dass das eine braune Sekte ist."

Alarm geschlagen hat wegen der Vorgänge in der Prignitz als erster ein Mann aus Anklam, der Rechtsextremismusexperte Günther Hoffmann. Er befasst sich seit Jahren mit einer eigenartigen rechten Szene, die sich im Internet rasant entwickelt - den "Reichsbürgern". "Das sind Verschwörungstheoretiker, die die BRD ablehnen und behaupten, das Deutsche Reich bestehe fort", sagt Hoffmann. Die Bewegung blühe seit den Anschlägen vom 11. September 2001, dem Urknall moderner Verschwörungstheorien. Ihre Gallionsfigur sei der einstige RAF-Terrorist und heutige Neonazi Horst Mahler. Bundesweit fiel sie erstmals im Mai 2008 auf, als Mahlers Reichsbürger-Verein "Collegium Humanum" verboten wurde.

Die Reichsbürger seien tatsächlich eine Sekte, aber mit verschiedenen Gurus, die sich gegenseitig bekämpfen, sagt Günther Hoffmann. "Was sie eint, ist ihr Antisemitismus und die Leugnung des Holocausts." Im Lauf der vergangenen zwanzig Jahre sind mehr als siebzig verschiedene "Reichsregierungen" ausgerufen worden. Viele Reichsbürger seien Hartz-IV-Empfänger, aber es gebe unter ihnen auch paranoide Mittelständler, Goldhändler, Kurpfuscher und Geistheiler, eine Mischung aus Neonazis und politischen Esoterikern, sagt Hoffmann. "Die Reichsbürger sind die am wenigsten erforschte braune Szene."

Sie sind auch die erste echte Internetsekte, weil sie sich vor allem im Netz austauschen. Das Fürstentum Germania ist - nach kleineren Demonstrationen 2007 - ihr erster großer Auftritt in der Realität, das ist das Besondere an der Esoteriker-Kommune. Zur Gründung kamen mehr als hundert Leute aus der gesamten Bundesrepublik in die Prignitz. Darunter ein "Reichskanzler", eine "Reichsministerin", bekannte Holocaustleugner, verurteilte Rechtsextremisten, die von der "Abkoppelung von der verbrecherischen BRD" fantasierten. Der Experte Hoffmann kennt mehr als tausend einschlägige Webseiten; er schätzt die Zahl der aktiven Reichsbürger auf rund 40 000. "Da wächst etwas Gefährliches heran", sagt er. "Die Finanzkrise ist Wasser auf ihre Mühlen. Das Fußvolk ist naiv, aber die Hintermänner sind es nicht."

Einer, der sich freimütig als Hintermann des Fürstentums bekennt, ist Toni Haberschuss aus Bad Saarow am Scharmützelsee, Mitglied im "Volksrath" von Schloss Krampfer. "Ich bin dort der Einflussreichste", behauptet er. In Bad Saarow ist er als Energieheiler und Stammtischschwadroneur bekannt. 2003 kandidierte er für den Bürgermeisterposten und holte 7,5 Prozent. Der zugewanderte Westfale vertreibt mit seiner Familienfirma "energetische" Badewannen, die gegen alle möglichen Krankheiten helfen sollen. Vor einem Jahr wehte vor seinem Haus noch eine deutsche Fahne mit aufgenähter Banane. Die Fahne hat ihm Ärger wegen der Verunglimpfung staatlicher Symbole eingebracht. "Ich provoziere eben gern", sagt er.

Toni Haberschuss ist ein kleiner Mann, 59 Jahre alt, der viel raucht und viel redet. Ein Thema will er aber auf keinen Fall besprechen: den Holocaust. Warum nicht? "Das können Sie sich doch denken", sagt Haberschuss. Politisch rechts sei er nicht, sagt er und präsentiert den gleichen Spruch wie alle Schlossbewohner: "Nicht rechts, nicht links, sondern vorne." Dann spricht er von finsteren Mächten, die das Geldsystem zerstörten und an einer "neuen Weltordnung" arbeiteten, und empfiehlt die "Protokolle der Weisen von Zion", da sei alles erklärt. Diese "Protokolle" sind eine üble antisemitische Hetzschrift.

Das Fürstentum Germania betrachtet Toni Haberschuss als ein Experiment, eine Provokation, wie seine Bananenfahne. Er prahlt damit, dass neunzig Prozent der 250 Mitglieder des Fürstentums aus dem "Autarken Leben" stammen, einer Organisation, deren Gründer und Chef er ist. "Eine Vereinigung zum Selbstschutz der Deutschen", wie er sagt. Um für die Anerkennung des Fürstentums zu werben, hat Haberschuss alle ausländischen Botschaften in Deutschland angeschrieben. "Wenn nur ein Staat uns anerkennt, kann die BRD ihre Ansprüche vergessen", behauptet er.

Dann beugt sich Haberschuss verschwörerisch nach vorne, er hat noch weitere Theorien parat. Die EU, der Euro und die Nato würden noch dieses Jahr zusammenbrechen. Deshalb sitzt Toni Haberschuss auf gepackten Koffern. Er will sich nach Bolivien "in Sicherheit bringen". Wer seiner Meinung nach hinter der Krise steht, sagt er nicht. Aber er erwähnt die "Hochfinanz" und die "Illuminaten".

Die Illuminaten sind in der Esoterikszene eine Chiffre für die Einflussreichen, den Finanzadel, letztlich die Juden. Toni Haberschuss raunt, es sei doch kein Zufall, dass ausgerechnet in der Pleitebank Hypo Real Estate "der Knobloch" an der Spitze stehe. Bernd Knobloch ist der Sohn der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch. Die antisemitische Internetzeitung "Deutsches Volksblatt", herausgegeben vom Vize-Fürsten Jessie Marsson, belässt es nicht bei Andeutungen: Es seien jüdische Familien wie die Knoblochs, die das deutsche Volk in die Finanzkrise trieben, wird dort nahegelegt.

Auf Schloss Krampfer sieht man die Dinge locker, Antisemitismus sei kein Thema. "Wenn Israelis oder Juden uns besuchen wollen, können sie gern kommen", sagt Manuel Opitz. Zum Beweis kramt er das Foto eines Schwarzen mit Rastalocken hervor, der das Fürstentum kürzlich besucht hat. Und die Illuminaten? "Wer kontrolliert denn die Wall Street?", sagt Opitz. "Die Illuminaten! Das weiß doch jeder."

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"Die sogenannten Reichsbürger sind die am wenigsten erforschte braune Szene." Günther Hoffmann, Rechtsextremismusexperte

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Foto: Schlossgesellschaft: die Fürstentum-Bewohner Jens Wilmann (vorne) und Manuel Opitz (4. v. l.) mit Nachwuchs.