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Gutmütiger Alleinherrscher

Wissen weltweit: eine Konferenz in Berlin über die Zukunft der Online-Enzyklopädie Wikipedia

Johannes Fischer

Müde und erschöpft sieht er aus. Man merkt Asaf Bartov an, dass die vergangenen Diskussionen nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sind. Er sitzt in der Dachkantine des T-Lab am Ernst-Reuter-Platz, auf die Ellenbogen gestützt mit dem Panorama der ganzen Stadt im Rücken und ruht sich aus. Gerade haben die Teilnehmer der Wikimedia-Konferenz über mögliche Richtlinien für die Verwendung ihrer Warenzeichen diskutiert. Der Puzzleball, das Logo der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia, ist mittlerweile viel Geld wert. Mehr als 300 Millionen Mal wird das Online-Lexikon jeden Monat angeklickt. Also müssen Vereinbarungen getroffen werden, wie und von wem das Logo verwendet werden darf. "Diese Diskussionen können sehr anstrengend sei, weil es einfach Leute gibt, die das gleiche immer und immer wieder sagen müssen", sagt Bartov, der in Berlin die israelische Wikipedia-Sektion vertritt. "Aber es gehört eben dazu."

Es ist erst die zweite Konferenz dieser Art, seit die Online-Enzyklopädie Wikipedia 2001 ins Netz gegangen ist. 60 Mitglieder von 22 regionalen Sektionen aus aller Welt sind dazu für ein Wochenende nach Berlin gekommen, um über die künftige Organisation der freien Internet-Enzyklopädie zu beraten. Es geht unter anderem um das Sammeln von Spenden und darum, wie man noch mehr Menschen an die Wikipedia heranführen kann, aber auch um die Frage, wie sich deren Benutzerfreundlichkeit technisch verbessern lässt. Nicht die Autoren der Lexikon-Einträge stehen dabei im Vordergrund, sondern die Arbeit hinter den Kulissen.

Sieben Millionen Dollar Spenden

Die Sektionen sind Kooperationspartner der Wikimedia Foundation, also der Stiftung, die hinter Wikipedia steht. Diese Stiftung mit Sitz in San Francisco betreibt auch die Server, auf denen die mittlerweile über zehn Millionen Artikel in über 250 Sprachen gespeichert sind. Seit 2003 regelt sie alle rechtlichen und finanziellen Belange, kümmert sich um Lobbyarbeit und treibt Spenden ein. Das waren im Geschäftsjahr 2008/2009 nach eigenen Angaben rund sieben Millionen Dollar. Für das kommende Jahr ist ein leichter Zuwachs geplant. Und das trotz Krise.

Auf der nationalen Ebene unterstützen Organisationen wie Wikimedia Deutschland e.V. diese Arbeit. Ursprünglich sollte der Verein ein lokaler Ansprechpartner für Wikipedia sein, im Falle eines Rechtstreits beispielsweise versuchen, im Vorfeld eine etwaige Klage gegen die Wikimedia Foundation zu vermeiden. Doch mittlerweile entwickeln die deutschen Wikipedianer auch eigene Ideen. Bei einem Schulprojekt ziehen sie durch die Klassenräume und erklären den Schülern, die sich allzu gerne auf das kostenlose Nachschlagewerk verlassen, was neutrale und verlässliche Informationen sind. Sie sollen lernen, sich nicht blindlings auf Informationen im Netz zu verlassen, auch oder gerade wenn sie bei Wikipedia stehen. Oder der Verein kooperiert mit anderen Institutionen wie dem Bundesarchiv oder vor kurzem der Sächsischen Landesbibliothek. Dass ein Staatsarchiv weltweit erstmalig mehr als 100 000 Bilder aus den eigenen Beständen in die Freiheit des Internets entließ, ist zum großen Teil der Verdienst von Mathias Schindler. Als Bibliothekar wusste er, wie wichtig es für das Bundesarchiv ist, dass ihre Fotos jetzt über standardisierte Datensätze beispielsweise mit den Daten in der Deutschen Nationalbibliothek verbunden werden können. Und genau das konnte Wikipedia dafür im Austausch anbieten. Jetzt ziehen andere Einrichtungen nach.

"Man sollte ihn dafür zum Ritter schlagen," meint der australische Wikipedianer Liam Wyatt. Überhaupt ist er voller Bewunderung für die Arbeit der Deutschen und zieht zum Vergleich den Titel eines Songs der englischen Techno-Band Daft Punk heran. Bigger, better, faster, stronger. Sie seien die Messlatte. Eigenes Büro, hauptamtliche Mitarbeiter, Pressesprecherin. Seine australische Sektion gebe es jetzt seit einem halben Jahr. In fünf Jahren könnten sie vielleicht soweit sein wie die Deutschen heute. Damit er und seine Kollegin nach Berlin reisen konnten, haben andere Sektionen Geld zusammengelegt.

Aber auch andere Sektionen gehen den Weg in die Professionalität. Die israelischen Wikipedia-Leute haben zum Beispiel viel Lobbyarbeit gemacht, als es damals um die Neuverhandlung der Urheberrechtsgesetze in Israel ging. Außerdem arbeiten sie mit der israelischen Regierung im Rahmen des "1 Laptop pro Kind"-Projekts zusammen. Jeder Computer soll über eine hebräische Wikipedia-Version verfügen, die auch ohne Internetzugang genutzt werden kann.

Aus dem Internetlexikon wird so langsam eine global agierende Nicht-Regierungsorganisation. "Wir sind wie das Rote Kreuz," sagt Sue Gardner. Seit Dezember ist sie die Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation. Der Vergleich wirkt im ersten Moment anmaßend. Aber bei genauerer Betrachtung ist man geneigt, der Kanadierin Recht zu geben. Das Ziel, das Wissen der Menschheit für alle verfügbar zu machen, formuliert einen altruistischen Anspruch, der dem 21. Jahrhundert angemessen zu sein scheint.

Doch auf der Konferenz wurden auch die globalen Unterschiede deutlich. Unter den Teilnehmern fanden sich weder Vertreter aus arabischen noch aus afrikanischen Ländern. Es könne nicht wundern, sagt Sue Gardner, dass es die ersten Sektionen in Ländern gegeben habe, die wohlhabend sind, über ein gutes Bildungssystem verfügen und bei denen Bildung einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert genießt. Aber auch Indien sei nicht vertreten, was viel mit der Größe des Landes zu tun habe. Die Stiftung will daher in Zukunft die Wikipedianer in solchen Ländern noch aktiver in der Gründung von Sektionen unterstützen.

Und dank immer größerer Nutzerzahlen und immer weniger Marktteilnehmern könnte Wikipedia bald zum Online-Alleinherrscher unter den Enzyklopädien werden. Im Oktober 2005 ließ der Brockhaus-Verlag noch verkünden, er sehe in Wikipedia keine ernsthafte Konkurrenz. Vier Jahre später ist der geschichtsträchtige Verlag selbst Geschichte: Er wurde verkauft. Und vor Kurzem gab Microsoft bekannt, dass es sein renommiertes Enzyklopädie-Projekt Encarta einstellen werde. Selbst die altehrwürdige Encyclopedia Britannica ließ jetzt verlauten, dass Leser des Online-Angebots in Zukunft Artikel einreichen können, die geprüft und dann vielleicht veröffentlich werden sollen. Manchmal sei es schon erschreckend, wie viel Verantwortung das bedeutet, meint einer der Teilnehmer. Wikipedia sei fast schon so eine Art Wissens-Monopolist.

Dann ist die Kaffeepause vorbei. Asaf Bartov steht auf und geht zum nächsten Meeting, um mit Vertretern aus Indonesien, Österreich oder Argentinien über die Zukunft einer Internetseite zu sprechen, die offenbar gerade erst richtig damit anfängt, die Welt zu verändern.

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Foto: Sue Gardner, eine kanadische Journalistin, ist Geschäftsführerin der Wikimedia-Stiftung.

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Foto: Wikipedia erscheint in 250 Sprachen. Die Online-Enzyklopädie umfasst zehn Millionen Beiträge.