Ausgebeulte Turnschuhe schlurfen über den roten Veloursteppich des Friedrichstadtpalastes. Deren Besitzer drängen in den großen Saal, wo man sonst die wohlgeformten Beine von Cabaret-Tänzerinnen durch die Luft wirbeln sieht.
Man kann nicht sagen, die Bloggosphäre, die sich hier zu der dreitägigen Konferenz re:publica'09 trifft, hätte auch nur die Spur des Glamours einer Tanzrevue. Dennoch, es ist erstaunlich: Blogger sehen aus wie normale Menschen. Sie tragen szenekompatible Jeans und Turnschuhe, manch' einer sogar einen Anzug. Die jungen Frauen hier sind auch sehr modern gekleidet! Ich dachte immer, diese Spezies Internet-User seien allesamt blässliche Nerds mit Bürstenhaarschnitt und einer Körperspannung wie Götterspeise.
Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die offline ist, denke ich. Beschämenderweise bin ich im analogen Modus hierher gekommen: ohne Klapprechner, ohne Blackberry, ohne iPhone. Doch dann erblicke ich etwas Versöhnliches, ja sogar Verbindendes, das mich mit den Netzaffinen zusammenschweißt: "You are not connected to the Internet" steht auf einer großen Leinwand im Veranstaltungssaal. Fast muss ich weinen. So schnell so viele Menschen, die das Schicksal mit mir vereint - jetzt gehöre auch ich zur großen Gemeinschaft, pardon, Community. Ganze drei Stunden der Konferenz fällt das Netz aus - ein Kompatibilitätsproblem von Soft- und Hardware, schließlich musste der Friedrichstadtpalast überhaupt erstmal verkabelt werden. Kein geringer Aufwand, wenn man es 1 500 Bloggern möglich machen will, mit mindestens einem Gerät online zu sein.
Für manche der Besucher fühlt sich die gestörte Konnektivität an, als habe man ihnen die Luft zum Atmen genommen. Immer wieder versuchen sie mit ihren Laptops einen Weg ins Netz zu finden. Andere koppeln das Motto der Veranstaltung "Shift happens" (Veränderung passiert) entspannt an seinen Ursprung zurück. "Shit happens" ist der angesagteste Scherz des Tages, Club Mate das Getränk dazu.
In der Lounge, wo sonst bei Schummerlicht Cocktails über den Tresen gereicht werden, schmiert ein IBM-Referent den abgeschnittenen Bloggern Honig um die Bärte. Dass die Unternehmen sich an der Vernetzung der Blogger ein Beispiel nehmen müssten, sagt der angegraute Herr seinem jungen Publikum, nur so könne Schwarmintelligenz entstehen. Die Unternehmen müssten ihre Mitarbeiter in Zukunft als ganzheitliche Wissensquelle verstehen und deren digitale Hinterlassenschaften pflegen. Die Zuhörer blicke ihn ratlos an, vielleicht ist die Wortwahl etwas ungelenk. Dann ist es plötzlich wieder da, das Netz.
Die Blogger strömen in den großen Saal. Nun funktioniert sie also, die berüchtigte Twitter-Wand. Während der Vorträge hat das Publikum die Möglichkeit, per Computer oder Handy das Gesagte zu kommentieren. Vor den über die Leinwand ziehenden Tweets, Kurznachrichten unter 140 Zeichen, sitzen unter anderem die Journalisten Jakob Augstein und Helmut Lehnert. Sie reden mit dem Veranstalter der Konferenz, Johnny Haeusler, über die Medienwelt im Wandel. "Schade, Herr Augstein und Herr Lehnert, dass Sie sich hier so als behäbige Print-Elefanten geben", twittert es hinter ihrem Rücken. "Hab mich gerade verliebt, wer ist die Schöne, die da gerade redet?" schreibt jemand später. Kurz vor Ende des Podiums rügt Radiomann Lehnert die digitale Zuschauerschaft und ihre Mittel. Es sei eine "unfaire Geschichte", dass man hier von hinten in den Rücken gehauen bekäme und sich nicht wehren könne. In den vorderen Reihen der Blogger schaffen es einige, für kurze Zeit die Finger von den Tastaturen zu nehmen und und ihre Zustimmung in analoger Form kundzutun - sie klatschen.
Neben mir twittert eine Bloggerin aus Wien. Sie erklärt mir, dass es beim Bloggen um Kommunikation, aber auch Selbstdarstellung gehe. Deshalb achte sie auf ein gutes Online-Identitätsmanagement auf ihrem Blog. Und überhaupt müsse man sicherstellen, dass keine anzüglichen Bilder ins Netz geraten: "Saufotos stell I deshalb ned na!" Als ich ihr erzähle, dass ich keinen Facebook-Account habe, verrollt sie die Augen. Wie ich denn sonst kommuniziere, fragt sie mich. Telefonieren, treffen, e-mailen, antworte ich ihr. "Aber naaa", sagt sie mit gebührlicher Schmäh, "E-Mail, das ist doch ein Alte-Leute-Medium!" Ich notiere es - auf meinem Block.