Beide Männer haben eine Vorliebe für Süßes. Jedenfalls hat sich jeder von ihnen im Schöneberger Café Inside Out ein großes Stück Mokka-Eiskonfekttorte bestellt. Für Vater und Sohn würde man die beiden nicht halten, obwohl es vom Alter her hinkäme. Doch dafür wirken sie zu verschieden. Klaus J. trägt eine Strickjacke aus gekämmter, grauer Wolle. Sie sieht vornehm und zugleich gemütlich aus und passt gut zu dem älteren Herrn mit dem kurzen Schnauzer und der runden Brille. Mit ihm am Tisch sitzt Alex K., 34 Jahre, in Jeans und einem bedruckten T-Shirt. Er trägt zwei silberne Creolen im Ohr und hat die Nägel an den kleinen Fingern schwarz lackiert.
Klaus J. und Alex K. sind homosexuell. Sie verbindet seit anderthalb Jahren ein besonderes Ehrenamt, das den Namen "Mobiler Salon" trägt. Es ist ein Angebot der Schwulenberatung Berlin. Die Idee dahinter ist, dass ein Ehrenamtlicher die Patenschaft für einen Senioren übernimmt und ihn dabei unterstützt, auch im Alter aktiv am Leben teilzunehmen. "Es geht darum, zuzuhören und sich auszutauschen, aber auch darum, ältere Menschen zum Rausgehen zu motivieren", erklärt Alex K., der Diplom-Pädagogik studiert hat.
Isolation im Alter
Der "Mobile Salon" gehört zum "Netzwerk Anders Altern" der Schwulenberatung, mit dem man ältere homo- und bisexuelle Männer vor der Vereinsamung schützen will. Derzeit besuchen 34 Ehrenamtliche regelmäßig 22 Senioren.
"Schwule geraten im Alter leicht in die Isolation, wenn sie in ihrem Leben kein soziales Netzwerk zu anderen Schwulen aufgebaut haben", erklärt Frank Hartung von der Schwulenberatung. Gleichgeschlechtliche Liebe war in der Generation der heute mehr als 60-Jährigen noch ein großes Tabu. Aus Angst vor der Reaktion des Umfeldes haben viele schwule Männer ihre Neigung verschwiegen. Sie gründeten einfach keine Familie und blieben allein. Andere mussten die Erfahrung machen, dass sich ihre Familien und frühere Freunde nach einem offenen Gespräch von ihnen losgesagt haben.
So erging es auch Klaus J. Als er mit Mitte zwanzig kurz vor einer Hochzeit stand, hatte er das Gefühl, in seinem schwäbischen Heimatstädtchen keine Luft mehr zu bekommen. Er sagte die Hochzeit ab, packte kurz entschlossen seine Koffer und zog nach Berlin. Dort erst wurde ihm bewusst, dass er schwul ist.
Klaus J. beschloss, sich auch für andere Schwule zu engagieren und gründete Ende der 60er-Jahre eine der ersten Schwulengruppen der Hauptstadt mit. Einmal gab er dem Rias Berlin zu seiner Arbeit ein Radiointerview. "Davon habe ich eine Kopie gemacht und sie meinen Eltern mit der Post nach Hause geschickt. Danach herrschte erst einmal Schweigen im Walde", sagt er. Als er ein paar Tage später anrief, reagierten seine Eltern abweisend. "Denk bitte immer daran, dass Dein Vater Oberstudiendirektor ist", sagte meine Mutter. Das wurde zu ihrem Standardsatz, erinnert sich Klaus J. an die Auseinandersetzung. Das Ansehen der Familie stand für die Eltern an erster Stelle, das Glück des Sohnes wurde dem untergeordnet. Erst auf dem Sterbebett mit 90 Jahren sagte ihm seine Mutter, dass es ganz in Ordnung sei, wie er sein Leben lebe. "Das kam für mich aber reichlich spät", sagt der Sohn.
Zu seinen beiden Brüdern hat er da schon keinen Kontakt mehr. "Sie schämen sich bis heute für mich", sagt Klaus J. "Dabei sind deren Frauen, also meine Schwägerinnen, sehr nett. Aber meine Brüder können mich leider nicht so akzeptieren, wie ich bin." Er zuckt mit den Schultern. "Ich kann es nicht ändern und lebe damit."
Klaus J. ist mit seinen 68 Jahren gut in Form, aber er tut auch etwas dafür. "Egal, was wir unternehmen, ein ordentlicher Spaziergang muss dabei sein", sagt er. Vor einiger Zeit hatte er einen ernsten Arterienverschluss im Bein, seitdem bleibt er möglichst viel in Bewegung. "Vor Kurzem waren Alex und ich bei einer Foto-Ausstellung über die Arbeit von Helmut Newton. Und es ist auch noch nicht lange her, da haben wir uns den ,Hamlet' in der Schaubühne angesehen", erzählt er. "Manchmal gehen wir aber auch ,shoppen ohne Geld' - so nennen wir unsere Schaufensterbummel."
Heute haben sie schon einen Spaziergang um den Winterfeldtplatz in Schöneberg gemacht und waren in der schwulen Buchhandlung Prinz Eisenherz, die es seit 30 Jahren in Berlin gibt. Klaus J. hat etliche Jahre in einem Verlag gearbeitet. Bücher sind bis heute seine Leidenschaft. Alex K. lässt sich gern ein paar Lesetipps von ihm geben.
Auf Hilfe angewiesen
"So lange ich jung war, habe ich mich nie einsam gefühlt", sagt Klaus J. "Ich war immer jemand, der sein Leben selbst in die Hand nimmt." Ende der 60er-Jahre hat er in Berlin die erste Schwulengruppe mitgegründet. "Erst als vor ein paar Jahren die Geschichte mit meinem Bein passierte, hatte ich eine echte Krise." Zum ersten Mal im Leben habe er die Erfahrung machen müssen, wie es ist, auf Hilfe angewiesen zu sein und eigentlich niemanden zu haben. "In meiner Verzweiflung habe ich zum Telefonhörer gegriffen und die Schwulenberatung angerufen. Heute denke ich, das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens."
Bis jetzt haben sich Klaus J. und Alex K. bei ihren Unternehmungen immer gut verstanden. Trotzdem finden es beide gut, dass die Schwulenberatung den "Mobilen Salon" betreut und als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Das erste Treffen zwischen einem Ehrenamtlichen und einem Senioren findet immer begleitet statt. Und einmal im Monat treffen sich die Ehrenamtlichen und tauschen sich dann über ihre Arbeit mit den Senioren aus.
"Junge Schwule haben oft das Image, oberflächlich zu sein, nur interessiert an Partys und Mode", sagt Alex K. "Das ist aber ein Vorurteil. Ich bin sehr gerne für andere da, und es bringt mir sehr wohl auch etwas. Aus unseren Gesprächen nehme ich viel mit." Diese Gegenseitigkeit ist Klaus J. sehr wichtig. "Wenn Alex sich nur aus Nächstenliebe mit mir treffen würde, käme es für mich nicht infrage."
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"Es geht darum, zuzuhören und sich auszu- tauschen, aber auch darum, ältere Menschen zum Rausgehen zu motivieren." Alex K., Pate
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Foto: Der Diplom-Pädagoge Alex K. (l.) und der Veteran der Schwulenbewegung, Klaus J., treffen sich regelmäßig. Ihre Familiennamen sollen nicht in der Zeitung stehen, weil noch nicht alle Berliner tolerant gegenüber Homosexuellen seien und sie deshalb Attacken befürchten.