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Die Beine eines Boxers

Songwriter, Moderator, Maler, Mysterium - vor allem jedoch ist Bob Dylan Musiker. Seit fünfzig Jahren steht er auf der Bühne, am Mittwoch in Berlin

Frank Junghänel

BERLIN. Es ist nicht leicht, sich Bob Dylan in kurzen Hosen vorzustellen, aber für einen Moment bleibt einem nichts anderes übrig. In seiner Freizeit boxt Bob Dylan gelegentlich und man darf annehmen, dass er dies in legerer Garderobe tut. Der schauspielende Preisboxer Mickey Rourke hat erzählt, dass er manchmal mit Bob Dylan in den Ring steigt. Wer ihn in dem Film "The Wrestler" gesehen hat, wird sich nun ein paar Sorgen machen. Fleischberg gegen Fliegengewicht, das ist eine beunruhigende Konstellation. Zum Glück weiß Rourke, was auf dem Spiel steht."Er ist noch verdammt fit", sagt er über seinen Trainingspartner, "aber ich bin mit ihm trotzdem vorsichtig. Ich will nicht der Typ sein, der Bob Dylan aus Versehen die Lichter auspustet."

Fürs nächste scheint die Gefahr ohnehin gebannt zu sein, denn Bob Dylan hat jetzt wenig Zeit, die er im Boxring verbringen könnte. Wie in jedem Frühjahr befindet er sich auf Frühjahrstournee, die ihn am Mittwoch auch wieder nach Berlin führen wird. Später folgt wie in jedem Sommer die Sommertour und dann wie in jedem Herbst die Herbsttour. So gibt Bob Dylan, der am 24. Mai achtundsechzig Jahre alt wird, bis zu hundert Konzerte im Jahr und das nicht nur in Metropolen. Seine oft unergründlichen Wege reichen auch weit ins Hinterland, bis nach Cuyahoga Falls, Ohio oder Gotha, Thüringen. Und sollte es irgendwo an einer Turnhalle fehlen, spielt er auf Freilichtbühnen, Sportplätzen, Jahrmärkten und Festivals.

Mehr als zweitausend Auftritte hat Bob Dylan in den vergangenen zwanzig Jahren absolviert. Schriftgelehrte, die es in seinem Fall reichlich gibt, lesen seinen Terminplan als: Never Ending Tour.

Ein Begriff, der in der Geschichte der Rockmusik längst zum Mythos geworden ist. Da ist ein Mann auf einer niemals endenden Reise. Er wandert zu den Menschen in jedem Winkel der Welt, verkündet ihnen seine frohe Botschaft von Seelennot und Liebestod und verschwindet wieder. Und noch ehe die Zuhörer zu Hause sind, warten sie auf seine Wiederkehr. Es gibt aber überall auch Leute, die nicht so viel Geduld aufbringen. Sie nehmen sich extra Urlaub, um Dylan von Ort zu Ort zu folgen. So trägt die Begeisterung für ihn bisweilen spinnerte Züge, mit einem Schuss ins Religiöse.

Im Internet ist jeder Schritt, den Bob Dylan auf Erden tut, in Echtzeit zu verfolgen. Noch am Abend eines Konzertes steht die Songauswahl im Netz, durchtelefoniert von lokalen Berichterstattern, die auch erste Expertisen abgeben. Naturgemäß sind diese Kritiken eher unkritisch, denn von der Prophezeiung enttäuscht kann ein Gläubiger nicht sein.

Wie der Name schon vermuten lässt, weiß im Augenblick niemand, wann die endlose Tournee zu Ende sein wird. Aber auch ihr eigentlicher Beginn gibt noch Rätsel auf. Ende 1989 war in dem britischen Musikmagazin "Q" ein Interview erschienen, in dem Bob Dylan darauf angesprochen wurde, dass bei ihm offenbar in rascher Folge eine Tournee auf die andere folgt. "Oh, it's all the same tour", hatte Dylan geantwortet. Das ist alles eins. Darauf der Interviewer: "It's the Never Ending Tour?" Bob Dylan: "Yeah, yeah."

Nun musste allerdings nicht viel Zeit vergehen, ehe sich Bob Dylan dementierte. In den Notizen zu seiner Platte"World Gone Wrong" von 1993 macht er sich über das Never-Ending-Tour-Geschnatter lustig. Es habe da mal eine niemals endende Tournee gegeben, die aber nach zwei Jahren zu Ende gewesen sei. An dieser Logik hatten die Exegeten ein bisschen zu knabbern, ehe sie sich entschieden, auf ihrer eigenen Interpretation zu beharren. Es gilt das Wort von der ewigen Tour.

Vielleicht ist Bob Dylan wirklich "einer der interessantesten Menschen der Welt", wie Sportsfreund Mickey Rourke findet. Mit seinem Alterswerk als Songwriter, Autobiograf, Maler und Moderator einer eigenen Radiosendung, ist er populärer denn je seit den Sechzigerjahren, mit denen sein Name für immer verbunden sein wird. Vielleicht hat Dylan nach dem Oscar, dem Grammy und dem Pulitzerpreis nun tatsächlich den Nobelpreis für alles Mögliche verdient. Vielleicht ist er ein Mysterium. Zuerst jedoch ist er ein fahrender Sänger - und Musiker. "Song and Dance Man" eben, wie er sich selbst nennt. Auf seine rastlose Existenz angesprochen, sagt Dylan: "Ich verdiene mein Geld, indem ich meine Gewerbe ausübe."

Und das seit einem halben Jahrhundert. Es war am 31. Januar 1959, einem Sonnabend, als er blitzartig erkannte, was sein Gewerbe sein würde. Er war noch keine achtzehn, pausbäckig und sehr bemüht, seine krausen Haare zur Tolle zu föhnen. Von allen wurde er nur Bobby genannt. An jenem Tag spielte Buddy Holly an Bobbys Geburtsort Duluth, einer Hafenstadt am Lake Superior nahe der kanadischen Grenze. Buddy Holly war in diesen Tagen das heißeste Ticket, nicht nur in dieser kalten Gegend. Der Popstar mit der klugen Brille war ein Versprechen auf die Zukunft des Rock'n'Roll, der schon wieder eine Zukunft nötig hatte, seit Elvis im Jahr zuvor zur Armee eingezogen worden war. Bob Dylan will sich daran erinnern, dass sich sein Blick für eine Sekunde mit dem von Buddy Holly traf. Zwei Tage später kam der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Es war der Tag, an dem die Musik starb, wie es in dem Song "American Pie" heißt. Das Versprechen auf Morgen mussten jetzt andere einlösen.

Gemeinhin herrscht die Vorstellung, Bob Dylan sei mit der Mundharmonika auf den Lippen groß geworden und die ersten Worte, die er sprechen konnte, waren "Blowing in the Wind". Aber das stimmt ja nicht. In seiner Schulzeit war Dylan, der da freilich noch Robert Zimmerman hieß, ein gefürchteter Rock'n'Roller. Einer seiner Lehrer äußerte später, er habe bei einer Aufführung von Dylans Schulband regelrecht Angst vor ihm bekommen. Im Jahrbuch seiner Highschool, die Dylan im Frühjahr 1959 beendete, äußerte er als Zukunftswunsch: "To join Little Richard". Die Vorstellung, ihr Sohn würde sich dem schwarzen Boogie-Man anschließen, der sich die Frisur einen halben Meter hoch sprayte und bevorzugt in Damenkleidern auftrat, könnte die Eltern etwas irritiert haben. Sicherlich wussten sie, dass seine beruflichen Pläne noch recht unbestimmt waren. Er dachte auch kurz daran, die Militärakademie in West Point zu besuchen.

Little Richard spielte Klavier und Bob Dylan hielt sich selbst für einen großen Pianisten. In den Ferien des Jahres 1959, bevor er zum Studium ging, heuerte er in einer Band an, die The Shadows hieß und auf einer Tour durch den Mittleren Westen für den verunglückten Buddy Holly eingesprungen war. Dylan überredete den Bandleader, ihn als Instrumentalisten einzustellen. "Ich trat ein paarmal mit ihm auf", schreibt Bob Dylan in seinen Erinnerungen, "aber eigentlich brauchte er gar keinen Pianisten, und außerdem gab es in den Sälen, in denen er spielte, nur selten ein gestimmtes Klavier." Deshalb lernte er dann Gitarre.

So ging seine Karriere als Tastenteufel rasch zu Ende, aber seine erste Gage als "Performing Artist", als aufführender Künstler, wie er sich bis heute versteht, hat er im Sommer vor fünfzig Jahren verdient.

Ungefähr tausend Konzerte später, im Jahr 1987, schien alles zu Ende zu sein. Bei einem Unfall, den Dylan idiotisch nennt, hatte er sich die Hand so schwer verletzt, dass sie bis auf den Knochen zerfleischt war. Sein Arm steckte komplett im Gips. Die nächsten hundert Auftritte waren schon gebucht, aber an Konzerte war überhaupt nicht zu denken. "Mir ging auf, dass meine Tage als Gitarrist gezählt sein konnten", erzählt Dylan in seinem autobiografischen Bericht "Chronicles".

Nicht nur das, damals schienen seine Tage als Künstler schlechthin gezählt zu sein. Nach einer Reihe desolater Alben, hatte er die Orientierung verloren. Das ging soweit, dass Bob Dylan mit dem Gedanken spielte, Geschäftsmann zu werden. Traktoren, Möbel, Zuckerrohr; irgend etwas, nur nichts mit Musik. "Ich war ein ausgebranntes Wrack", schreibt er. Wenn er in die Zukunft sah, habe er einen alten Schauspieler erblickt, "der die Mülltonnen hinter dem Theater nach vergangenen Triumphen durchwühlt."

Nun genug der Selbstgeißelung, nur das hier noch. An seine Tour mit Tom Petty & The Heartbreakers denkt er so zurück: "Ich war von jeglicher Inspiration abgeschnitten. Das bisschen, über das ich vielleicht noch verfügt hatte, war zusammengeschrumpft und verschwunden." In dieser Verfassung erlebten ihn 1987 einige Tausend ahnungslose Menschen in Ostberlin.

Aus seinem riesigen Repertoire, das neben eigenen Songs praktisch den ganzen Kanon der amerikanischen Populärmusik umfasst, spielte Bob Dylan zu jener Zeit höchstens noch zwanzig Lieder. Mit dem Rest konnte er nichts anfangen. Er war sich selbst ein Rätsel geworden.

Als er eines Tages bei den Proben für ein Gastspiel bei Grateful Dead seine eigenen Lieder wieder nicht mehr kannte, stahl er sich fort. Den Musikern erzählte er, er habe was im Hotel vergessen. Auf dem Weg durch den Nieselregen hörte er eine Jazzcombo. Er betrat die Kneipe, ging an die Bar und bestellte sich einen Gin Tonic. Dann schaute er sich um. Als er den Sänger sah, erfuhr er zum zweiten Mal im Leben eine Offenbarung. Buddy Holly hatte ihm seine Jugend geschenkt, jetzt ging es um die Jahre nach dem Jungsein. Da stand ein Herr im Mohairanzug, wie Dylan sich erinnert, und sang die alten amerikanischen Lieder mit einer selbstverständlichen Sicherheit. So könnte es gehen.

Es sollte dann nur noch ein paar Tage, Wochen und Jahre dauern, bis Bob Dylan tatsächlich wieder ganz bei sich war. Am 8. Juni 1988 startete er in der Nähe von San Francisco eine Tournee mit der kleinsten Begleitband, die er je hatte. Gitarre, Bass, Schlagzeug. Bei 71 Konzerten spielten sie insgesamt 92 verschiedene Songs. (In Statistik ist die Dylan-Forschung groß.) Die Blockade war gebrochen. Für Dylanologen beginnt hier die Never Ending Tour.

Seitdem hat sich der Charakter der Konzerte immer wieder verändert, wie auch die Besetzung seiner Band. Zu Beginn der Neunzigerjahre gab es Auftritte, in denen nicht nur Bob Dylan, sondern auch sein Werk kaum zu erkennen waren. Da streunte ein Coyote in Seidenbluse auf die Bühne und bellte seine Worte neben das Mikrofon. Vor der Erweckung stand bei Dylan die Zerstörung. Es sieht so aus, als habe er das Puzzle seiner Person an jedem Abend neu zusammensetzen müssen, um endlich jenes Bild von sich zu finden, das er in dem alten Jazzsänger sah. Mittlerweile sind Totalausfälle bei Bob Dylan kaum noch zu befürchten, was manchen schon an die guten alten schlechten Tage denken lässt, an denen alles möglich war. Heute ist ein Konzert von Bob Dylan ein kontrolliertes Risiko.

Meistens wird es gut, manchmal großartig. Der Sing- und Tanzmann versteht sein Gewerbe besser denn je. Oben der Predigerhut, unten die Beine eines Boxers. Erst drehen sich seine Fußspitzen nach innen, dann beginnt er sich leicht in den Knien zu wiegen und verfällt so in den berühmten Dylan-Twist, bei dem man nicht weiß, ob das noch Lockerung ist oder schon Ekstase. Inzwischen steht er auch wieder an den Tasten, wie vor einem halben Jahrhundert, als er davon träumte, Little Richard zu sein. Es wird der Tag kommen, da spielen sie alle in einer Band.

Als Bob Dylan 1997 ernsthaft am Herzen erkrankt war, sagte er, "ich dachte schon, ich würde Elvis bald sehen". Damals setzte er für sieben Monate aus. Es war die bisher längste Pause seiner ewigen Tournee.

Aber einmal muss Schluss sein. Bob Dylan hat die Frage nach dem Ende bereits ganz am Anfang beantwortet. "Tomorrow Is A Long Time", singt er in einem Lied von 1962, da ist er einundzwanzig und schon so schlau wie heute. Bis morgen ist es noch ein Weilchen hin. Es klingt so, als sei nichts entschieden.

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"Nimm immer das Beste aus der Vergangenheit, lass das Schlimmste liegen und geh voran in die Zukunft." Bob Dylan

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Foto: Bob Dylan, 67, gibt mehr als hundert Konzerte pro Jahr. Seine "Never Ending Tour" führt ihn regelmäßig um die Welt.