Timothy Garton Ash verfügt über einen scharfen Blick, den er auf die jüngere deutsche Geschichte ebenso wirft wie auf Europa, das zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in einer schweren Krise steckt. Sein Wissen ist international gefragt, der Brite ist ein Reisender in Sachen Zeitgeschichte. Es ist früher Morgen, als wir in einem Hotel an der Spree in Berlin einen putzmunteren Garton Ash treffen. Am Vorabend sprach er auf einem Kongress, gleich hat er einen Termin im Kanzleramt. Sein Deutsch ist gewählt und druckreif.
Sie gelten als exzellenter Kenner und Beobachter der europäischen Politik. Warum leben Sie immer noch auf einer verregneten Insel am Rande Europas?
Meine Dissidenten-Freunde in Prag hatten in den 80er-Jahren eine Samisdat-Zeitung, die hieß Zentraleuropa. Jedes Jahr machten sie eine humoristische Karte von Europa, und Großbritannien hieß in der Karte von 1987: The Great Observatory. Ich finde, die europäische Stadt Oxford ist ein idealer Observationsort: in Europa, aber mit ein wenig Distanz. Ich lebe also im großen Observatorium.
Ende der Siebzigerjahre sind Sie nach Berlin gekommen und blieben mehrere Jahre. Was geht in einem gerade einmal 23 Jahre alten Engländer vor, der sich entschließt, in eine geteilte Stadt und nicht etwa nach New York zu gehen?
Gerade jetzt, zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, ist das interessant. Man muss sich erinnern: Berlin war damals das Epizentrum der Welt. Es war die geteilte Mitte einer geteilten Welt, die Frontlinie der großen Konfrontation der Systeme. Das war absolut faszinierend. Ich bin nach Berlin gefahren, um dem größten Rätsel der deutschen Geschichte auf die Spur zu kommen - der Nazi-Zeit. Mich trieb die Frage um, wie so etwas geschehen konnte. Wie kam es dazu, dass der eine ein Stauffenberg wurde und der andere ein Albert Speer. Und ganz schnell stellte ich fest: Das war nicht nur eine Frage von historischem Belang. Nein. Sie war hochaktuell. Hinter der Berliner Mauer waren die Menschen mit ähnlichen - wenn auch nicht so extremen - Dilemmas konfrontiert.
Haben Sie denn eine Antwort auf die Frage gefunden, warum der eine Stauffenberg und der andere Speer wurde?
Eine halbe Antwort. Man kann relativ schnell verstehen, wie jemand zum Kollaborateur der Nazis oder der Stasi wurde. Fast immer ist eine Schwäche in der Biografie zu finden. Die Stasi-Offiziere, die mit meinem Fall beschäftigt waren, hatten oft etwas gemeinsam: Vater im Krieg gefallen oder aus der Kriegsgefangenschaft nicht zurückgekehrt. Wenn aber der Vater fehlt, dann bilden sich oft psychologische und auch moralische Schwächen heraus. Das habe ich hinterher, als ich meine Stasi-Akte untersucht habe, im Gespräch mit den früheren Stasi-Offizieren gemerkt.
Und warum wird jemand zum Dissidenten, zum Widerstandskämpfer?
Das bleibt ein Rätsel. Die Dissidenten in Mittel- und Osteuropa, in Russland, im Iran, in China, in der Nazi-Zeit - jeder hat eine eigene, mit denen der anderen überhaupt nicht vergleichbare Biografie.
Gibt es keinen einzigen gemeinsamen Nenner?
Ich habe keinen gefunden.
Vielleicht geht das gar nicht. Wir sprechen ja im Falle der Nazi-Zeit und der DDR über Diktaturen von sehr unterschiedlicher Qualität.
Selbstverständlich. Allerdings muss ich auch sagen, dass Ende der Siebzigerjahre die westdeutsche Darstellung der DDR sehr beschönigend und verharmlosend war. Das Wort "Diktatur" kam damals selten vor. Von "Stasi" war auch nicht oft die Rede.
Dabei hat die SED die DDR selbst als eine "Diktatur der Arbeiterklasse" bezeichnet.
Mag sein, aber von außen ließen sich die SED-Genossen trotzdem nicht gerne so nennen.
In Ihrem Buch "Akte Romeo" haben Sie verarbeitet, wie die Stasi Ihnen hinterhergeschnüffelt hat. Sind Sie ein Stasi-Opfer?
Selbstverständlich nicht. Mir ist ja nichts Gravierendes passiert. Ich bin ja nur ausgewiesen worden. Das heißt: Es wurde ein Einreiseverbot in die DDR gegen mich verhängt. Aber gerade, weil ich der relativ seltene Fall eines Menschen bin, der eine interessante Stasi-Akte hatte, aber nicht Opfer war, ist es mir möglich gewesen, der Sache ziemlich neutral nachzugehen. Ich habe das Gespräch mit IMs und mit Stasi-Offizieren nicht in einer Opfer-Täter-Rolle führen müssen, nicht in der Rolle des Klägers. Ich habe den Versuch gemacht, wirklich zu verstehen, was die Leute getrieben hat.
Haben Sie den Film "Das Leben der Anderen" mit Ulrich Mühe gesehen?
Ja, ein sehr guter Film. Er ist nicht in jedem Detail wahrheitsgetreu, denn die Wirklichkeit war viel langweiliger. Aber wer will schon einen langweiligen Film sehen? Die Hollywoodisierung der Stasi-Geschichte war in gewisser Weise notwendig und auch legitim. Die große Ironie dabei ist: Vor 30 Jahren sprach fast niemand über die Stasi, jetzt hört man überall nur noch: Stasi, Stasi, Stasi ... Überall in der Welt ist Ostdeutschland gleichgesetzt mit Stasi und nur Stasi. Die Stasi ist zum Synonym für eine schlechte Vergangenheit geworden.
Die Stasi hat Banalitäten über Sie notiert - "er verließ um 16.27 Uhr das Restaurant Ganymed und betrat um 16.52 Uhr das Operncafé, um 21.10 Uhr betrat er wieder das Ganymed." Das sind doch alles nutzlose Informationen, abgesehen davon, dass Sie an diesem Tag offenbar von einer Kneipe in die andere gezogen sind.
Keinesfalls. Da bin ich entschieden anderer Meinung. Ich will es so sagen: Sie benutzen das Wort "banal", da denken wir doch sofort an die "Banalität des Bösen". Und so war es auch. Die Stasi war der Inbegriff der Banalität des Bösen. Als Kontrollmechanismus hat die Stasi bis zum Ende der DDR funktioniert, weil sie Tausende und Abertausende kleiner Fäden zu einem Netz verbunden hat. Deswegen gab es für die Stasi gar keine nutzlosen Informationen, jeder Schnipsel war hilfreich. Wenn Sie 100 harmlose Details zusammenfügen, bekommen Sie ein Bild, das vielleicht nicht mehr harmlos ist. So funktionierte das System.
Verstehen Sie, warum nach zwanzig Jahren intensiver Auseinandersetzung mit der Stasi das Thema in Deutschland auch heute noch eine große Rolle spielt?
Das liegt daran, dass die Stasi ein faszinierendes Phänomen war. Es gab zwar überall in der kommunistisch beherrschten Welt Geheimdienste, aber so viel Orwell'sche Perfektion, so viel Übertreibung gab es nur in Deutschland. Außerdem: Trotz der musterhaften Aufarbeitung der Stasi-Geschichte in der jüngsten Vergangenheit haben wir immer noch das Problem, dass es nur in Deutschland diesen schwierigen Dialog zwischen Ost- und West-Deutschland gibt. Ohne diese Ost-West-Dimension würden wir viel weniger über die Stasi reden.
Es gibt immer wieder Forderungen, einen Schlussstrich zu ziehen. Darf das sein?
Solche Forderungen bringen uns nicht weiter. Ich will Ihnen aber das Idealbild kurz darstellen. Wichtig ist es, eine böse Vergangenheit aufzuarbeiten. Dabei gibt es aber Skylla und Charybdis als entgegensetzte Pole. Skylla ist die Amnesie. Gerade in Deutschland weiß man, wie gefährlich das ist. Charybdis ist das obsessive Erinnern, das einer psychischen Krankheit ähnelt, die ein Arzt behandeln muss. Das Ideal aber ist das, was ich Mesomnesie nenne - also der Mittelweg, der ungefähr so aussieht: Wir kennen die Fakten, wir wissen, was passiert ist, wer dafür verantwortlich ist, wir haben die Lehren daraus gezogen. Aber es beschäftigt uns nicht mehr tagtäglich. Wir sind nicht mehr emotional aufgewühlt. Dieser Idealzustand ist aber sehr schwer zu erreichen. Deutschland ist vielleicht noch nicht so weit, aber es ist auf dem Weg.
Sie haben damals nicht nur in der DDR gelebt, sondern waren auch viel in Osteuropa unterwegs .
. Sie meinen Mitteleuropa .
. also gut, einigen wir uns auf Ostmitteleuropa. Sie waren also gerade in Italien angekommen, haben die ersten Kapitel Ihres Buches über die DDR geschrieben, als Sie sich schon wieder nach Polen aufmachten, um die Ereignisse auf der Lenin-Werft in Danzig zu beobachten. Hat Sie der polnische Geheimdienst auch bespitzelt.
Ja klar.
Ähnlich intensiv wie die Stasi?
Ich weiß es nicht. Aber ich habe genug von diesen Dingen. Ich werde meine Akte in Polen nicht suchen. Es gibt interessantere Themen.
Haben Sie eine Erklärung dafür, dass die Stasi der perfekteste Geheimdienst aller Ostblock-Staaten war?
Das ist eine große Frage. Die meisten Polen und Tschechen würden antworten: Das waren doch die Preußen. Aber so einfach ist die Antwort nicht. Politische Kultur, Geschichte und der bürokratische Perfektionismus haben etwas damit zu tun. Aber auch die Tatsache spielt eine Rolle, dass die DDR ein so einmalig künstliches Gebilde war. Es war ein künstlicher Frontstaat, der aus Sicht der in der DDR herrschenden Partei und aus Sicht der Sowjetunion gefährdeter war als etwa Polen und die Tschechoslowakei. Stefan Heym hat Ende 1990 gesagt: Die DDR wird nur eine Fußnote der Weltgeschichte sein. Das ist sie auch geworden. Polen ist das nicht. Und das gehört auch zur Erklärung, warum die Stasi so wichtig war.
Wann ist Ihnen klar geworden, dass die DDR als Staat nicht überleben würde?
Man soll sich immer vor dem hüten, was der französische Philosoph Henri Bergson die "Illusionen des retrospektiven Determinismus" genannt hat. Uns scheint heute, dass das, was passierte, so geschehen musste. Damals wussten wir das aber nicht. Ich bin zum ersten Mal nach langer Zeit wieder im Juni 1989 nach Ost-Berlin eingereist, habe mich mit Gerd Poppe und seinem Kreis von Dissidenten getroffen. Und die sagten: Ja, ja, Polen vielleicht. Aber hier bei uns wird das nicht passieren. Die wussten es also auch nicht. Und noch am 10. November - da war ich natürlich auch in Berlin - wussten wir nur, dass etwas Großes geschehen ist. Aber dass die deutsche Einheit so schnell kommen würde, wussten wir nicht. Ich wusste es wahrscheinlich erst am 18. März 1990, just an jenem Tag, als wir im Palast der Republik saßen und die Ergebnisse der Volkskammerwahl sahen. Da war es klar.
Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?
Ich war leider zu Hause in Oxford und bin erst am nächsten Tag nach Berlin geflogen. Ich habe diesen Tag persönlich als Befreiung erlebt, denn ich hatte mehr als zehn Jahre lang die Erfahrungen der Ostdeutschen leidenschaftlich geteilt und verfolgt. Wirklich als Befreiung. Es war ein unvergesslicher Augenblick. Willy Brandt sagte einmal, für ihn sei der 9. November viel wichtiger als der 3, Oktober. Mir geht es auch so. Der Tag der Befreiung ist wichtiger als der Tag der Einheit. Womit ich aber nichts gegen die deutsche Einheit gesagt haben will.
Der US-Historiker Fritz Stern, der aus Breslau stammt und Deutschland in der Nazi-Zeit verlassen musste, hat vor Kurzem in Berlin gesagt, das Jahr 1989 sei das glücklichste Jahr in einem ansonsten grausamen Jahrhundert gewesen. Sehen Sie das auch so?
Ja - auch deswegen, weil wir in Europa seit der französischen Revolution im Jahr 1789 das Modell einer mehr oder weniger blutigen Revolution nicht nur immer wieder praktiziert, sondern in die ganze Welt exportiert haben. Und dann 200 Jahre später, 1989, haben wir ein neues Modell geschaffen, das der friedlichen Revolution. Es ist ganz, ganz selten, dass etwas wirklich Neues in der Geschichte passiert. Dieses neue Modell der verhandelten, der sanften Revolution, hat Zukunft. Mit 1989 war das nicht vorbei, denken Sie nur an die Slowakei, an Serbien, an Georgien, an die Ukraine, an Birma, an Südafrika. Es gibt immer wieder gelungene und auch nicht gelungene Versuche, diese Art der friedlichen Revolution zu machen. Ich kann meinem Freund Fritz Stern nur völlig zustimmen.
Sie haben Erich Honecker im Gefängnis besucht?
Ja. Gerade gestern musste ich daran denken, als wir im Auto am Gefängnis in Moabit vorbeigefahren sind. Ich dachte an diesen alten Mann, der dort gesessen hat.
Warum sind Sie zu ihm gegangen?
Ich schrieb damals an einem Buch zur Geschichte der deutschen Ostpolitik. Ich habe praktisch mit allen führenden Persönlichkeiten gesprochen und musste natürlich Honecker dazu befragen.
Wie war das?
Wissen Sie, für einen Historiker ist das der absolute Idealzustand, wenn die Zeitzeugen im Gefängnis sitzen. Die haben dann viel Zeit und müssen alle Fragen beantworten.
Und hat Honecker alle Fragen beantwortet?
Ja, in der Tat. Der alte, kleine Mann saß im Krankentrakt des Gefängnisses. Er hatte einen sehr direkten Blick und antwortete auf seine Weise. Ich werde nie vergessen, wie er mir sagte, dass er viele Briefe von ehemaligen DDR-Bürgern bekomme.
Sagte er tatsächlich ehemalige DDR-Bürger?
Ach, so. Sie haben recht, wahrscheinlich sagte er nur DDR-Bürger. Jedenfalls sollen die geschrieben haben: Wir haben damals ruhiger gelebt. Das hat einen starken Eindruck auf mich gemacht. Ich glaube, in diesem Satz liegt ein kleines Körnchen Wahrheit. Denn die Freiheit ist anstrengend und unsicher.
Mit der Wende wurde in Europa auch die Hoffnung auf eine Friedensdividende verbunden. Haben Sie damals diese Idee geteilt?
Ja, obwohl ich nie die utopische Vorstellung geteilt habe, wir bräuchten jetzt überhaupt keine Armee, keine Waffen, keine legitime Gewalt mehr, keine politischen Parteien mehr, sondern nur noch Bewegungen und Foren - alle Menschen werden Brüder, Sie wissen schon. Aber wir haben diese Friedensdividende in Europa tatsächlich genossen. Für Europa waren die vergangenen zwanzig Jahre alles in allem eine glückliche Periode.
Moment: Zu Europa gehört auch der Balkan. Und der hatte von 1990 bis zum Jahr 2000 eine alles andere als glückliche Zeit.
Sie haben völlig recht. Das war nicht nur eine Tragödie, sondern auch eine Schande und ein großes Versagen. Wir haben in Maastricht gebastelt, während Sarajevo brannte. Noch einmal mussten die Amerikaner nach Europa kommen, um das zu tun, was wir Europäer selbst hätten machen müssen. Dennoch sind die Serben Slobodan Milosevic, diesen großen Verbrecher, in einer friedlichen Revolution losgeworden.
Wie sehen Sie die Zukunft Europas?
Die nächsten zwanzig Jahre werden nicht so einfach und nicht so glücklich. Wir stehen vor unglaublich schwierigen Herausforderungen. Es hat sich aber etwas geändert. 1989 war Berlin noch das Epizentrum der Weltgeschichte, der Weltgeist war hier. Heute ist der Weltgeist woanders - in China vielleicht oder irgendwo sonst in Asien, aber nicht mehr in Europa. Wir Europäer müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir nicht mehr die Mitte der Welt sind.
1989 war der Kommunismus am Ende. Muss man jetzt, 20 Jahre danach und inmitten einer schweren Wirtschaftskrise, sagen: Der Kapitalismus hat sich zu Tode gesiegt?
Nein. Man kann einen Zusammenhang sehen zwischen dem Triumph von 1989 und der Krise von 2009. Es gab einen Triumphalismus der Vereinigten Staaten insbesondere und des Neoliberalismus, es gab eine amerikanische Hybris, die ihren Ausdruck im Irak fand. Und das hat, wie seit vielen tausend Jahren in solchen Fällen, zu einer Nemesis geführt. Das ist richtig. Aber zu sagen, dass der Kapitalismus tot sei wie der Kommunismus, das ist doch ein sehr vorschnelles Urteil.
Ist die Idee des Kommunismus seit 1989 so diskreditiert, dass eine Renaissance der Linken in Europa kaum noch denkbar ist?
Der Tod des Kommunismus bedeutet nicht den Tod der Linken. Lassen Sie es mich so sagen: Mein Freund, der britische Philosoph Steven Lukes hat nach 1989 gefragt: What's left? Das ist ein Wortspiel. Es ist die Verbindung zwischen "Was bleibt?" und "Was ist links?" Eine Antwort: Links ist es, im Zweifel für den Schwächeren, für den Unterdrückten, für den Armen zu sein.
Wird 2009 zu einem Revolutionsjahr?
Die Frage finde ich sehr interessant. In Europa gibt es Hunderttausende, wahrscheinlich Millionen junger Menschen, die eine Hochschulbildung haben und trotzdem keine Jobs finden. Das ist wie Sprengstoff. Ich vermute, das Jahr 2009 wird das Jahr der "roten Erika".
"Rote Erika"?
Das ist eine Studentenführerin, die eine stark radikale anti-kapitalistische Ideologie vertritt und den Protest organisieren und auf die Straße tragen wird. Ich sage nicht, dass das gut ist, aber es könnte in diesem Jahr geschehen. Es wird unruhig werden. Eric Hobsbawm, der große marxistische Historiker, hat gesagt: Wenn der Kapitalismus in die Krise gerät, dann gibt es wieder die Faschismus-Gefahr, den Feind, der rechts steht. Ich sehe das im Moment nicht. Ich vermute, es wird eher eine links-populistische als eine rechts-faschistische Bewegung geben.
Bisher profitiert die Linke in Europa aber nicht von diesen Krisenerscheinungen.
Nehmen wir die "rote Erika". Sie ist 22 Jahre alt, hat Hochschulbildung, aber keinen Job. Sie möchte eine radikale Lösung, sie möchte eine Utopie verwirklichen, die es seit 1989 aber nicht mehr gibt. Es ist für sie keine Lösung innerhalb des Systems vorstellbar. Wenn also jetzt die Linkspartei in Deutschland sagt, wir sind wahnsinnig betroffen vom Leiden der "roten Erika" und wir schlagen deswegen hier eine kleine Steuererhöhung und da ein kleines nationales Arbeitsbeschaffungsprogramm vor, wird das die "rote Erika" nicht befriedigen. Das wird sie nicht überzeugen.
Glauben Sie, dass Barack Obama der "roten Erika" auf der Suche nach Perspektiven helfen kann?
Obama spielt eine ungeheuer wichtige Rolle. Ich war im letzten Herbst einige Monate an der Universität Stanford. In der Wahlnacht war ich in Washington und habe tatsächlich einen Hauch von 1989 verspürt. Das war ein fantastisches Erlebnis. Obama ist ein würdiger Hoffnungsträger, der nicht in der Form, aber im Inhalt gewissermaßen ein Europäer ist. Er schlägt den Amerikanern mit seinen Worten die soziale Marktwirtschaft vor, wie wir sie aus Europa kennen.
Andererseits muss man auch den riesigen Schuldenberg sehen, den Obama anhäuft. Ist es überhaupt vorstellbar, dass er die geradezu messianische Hoffnung, die in ihn gelegt wird, erfüllen kann?
Die Enttäuschung ist programmiert. Das ist klar. Wenn er aber zwei Amtsperioden bekommt, dann kann er Amerika wieder auf die Beine bekommen. Das Land hat unglaubliche Stärken - die Offenheit der Gesellschaft auch für Einwanderer und die Kraft zur Innovation. Vielleicht ist es ungerecht, aber die in Amerika begonnene Krise wird uns Europäern mehr zu schaffen machen als den Amerikanern selbst.
Dann ist Obama auch nichts für die "rote Erika".
Das stimmt. Denn die "rote Erika" findet Obama viel zu pragmatisch. Sie findet ihn vielleicht geil, aber politisch kann sie nichts mit ihm anfangen.
Zwanzig Jahre nach der Zeitenwende ist es immer noch so, dass niemand Europa als außenpolitische Macht ernst nehmen muss. Gab es keinen Lerneffekt?
Die Freiheit und Europa sind meine großen Leidenschaften. 1989 gingen die Freiheit und Europa einen gemeinsamen Weg. Das war auch noch so, als sich die Europäische Union nach Osten erweitert hat. Und jetzt ist die große Aufgabe Europas, seinen Platz in einer zunehmend nicht-europäischen Welt zu finden, seine Werte zu verteidigen, etwas Gutes zu bewirken. Dazu brauchen wir eine europäische Außenpolitik. Kein Land ist groß genug, das selber zu machen. Wenn wir das nicht innerhalb weniger Jahre schaffen, dann ist es zu spät. Dann werden andere die Agenda der Weltpolitik bestimmen - Chinesen, Russen, Inder, Brasilianer. Großbritannien, mein eigenes Land, bringt mich in dieser Hinsicht in völlige Verzweiflung. Aber auch in Deutschland sehe ich diese unheilvolle Renationalisierung der Außenpolitik.
Inwiefern?
Wenn man sich das Sonderverhältnis Deutschlands zu Russland im Gas- und Energiegeschäft anschaut, dann ist das gerade für mich als Historiker der Ostpolitik sehr bedenklich. Wenn wir keine gemeinsame Russland-Politik haben, dann haben wir auch keine gemeinsame europäische Außenpolitik. Und wenn wir keine gemeinsame Energie-Politik haben, dann haben wir keine gemeinsame Russland-Politik. Ich sage Ihnen: Der Schlüssel für eine gemeinsame Energie-Politik liegt in dieser Stadt. Er liegt in Berlin, irgendwo zwischen Kanzleramt und Eon-Ruhrgas.
Sie hätten es auch lieber, wenn die Ostsee-Pipeline nicht gebaut würde?
In dieser Form würde ich das nicht sagen, obwohl ich gerade die Rolle Gerhard Schröders in der Pipeline-Angelegenheit - gelinde gesagt - zum Verzweifeln finde.
Sie dürfen auch schärfere Worte wählen, wenn Sie mögen.
Gut. Ich finde es einen Skandal, dass ein so bedeutender europäischer Politiker einen Vertrag aushandelt und gleich danach zu einem führenden Geschäftsmann in dieser Angelegenheit wird. Aber wichtiger ist die Sache. Für eine gemeinsame Energie-Politik brauchen wir einen gemeinsamen Energie-Binnenmarkt. Nicht nur Deutschland, auch andere nationale Regierungen blockieren das.
Was muss denn genau passieren?
Bis heute verfolgt jedes Land seine eigene Energieversorgungsstrategie. Wir brauchen aber eine europäische Politik.
Dazu braucht es aber auch effektive Institutionen. Wer kommt zum Beispiel für das Amt eines EU-Präsidenten in Frage?
Setzen wir voraus, dass der Lissabon-Vertrag einmal in Kraft tritt. Dann gibt es neben dem Präsidenten der EU-Kommission und dem Präsidenten des EU-Parlaments zwei Jobs zu vergeben: der hohe Vertreter für die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, also der "europäische Außenminister", und der Präsident des europäischen Rates, der kein Präsident von Europa ist, aber immerhin. Man muss diese vier Jobs als eine Quadriga sehen. Wir sind ja hier schließlich in Berlin.
Sagen Sie doch einmal ein paar Namen. Wie wäre es mit Angela Merkel als Präsidentin des Europäischen Rates?
Wenn Frau Merkel das machen würde, dann wäre das wirklich, als würde ein Wunder geschehen. Gerade die deutschen Christdemokraten, die sich so stark mit dem europäischen Projekt identifizieren, schicken selten hochkarätiges Personal nach Brüssel. Merkel wäre eine fantastische Lösung. Es könnte gar nicht besser sein - eine Deutsche, eine Frau, eine prominente ehemalige Regierungschefin. Dann könnte allerdings der europäische Außenminister kein Deutscher sein. Da hätte ich eigentlich an Joschka Fischer gedacht.
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Timothy Garton Ash
Als Geschichtsstudent kam Timothy Garton Ash, geboren 1955 in London, Ende der siebziger Jahre nach Berlin, wo er im West- wie im Ostteil lebte. Er forschte über den Widerstand gegen Hitler, begann aber bald unter Pseudonym Reportagen über das Leben in der DDR zu schreiben. 1982 erhielt er deswegen ein Einreiseverbot in die DDR.
Seine Berichte aus Osteuropa in den achtziger Jahren machten Garton Ash bekannt, ebenso wie sein Stil, bei dem sich Reportage und die Analyse des Historikers mischen.
Mit seiner Frau, die aus Krakau stammt, lebt Garton Ash in Oxford und Stanford, wo er Lehraufträge hat. Das Paar hat zwei Söhne.
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