Der Komponist Michael Nyman, 64, ist den meisten durch seine Filmmusik für Jane Campions "Das Piano" und seine musikalischen Arbeiten für Peter Greenaway ein Begriff. Mit dem in Berlin wohnenden Künstler und Musiker Carsten Nicolai, der hochartifizielle elektronische Musik unter dem Namen Alva Noto produziert, bringt er morgen im Rahmen der MaerzMusik im Haus der Berliner Festspiele die Multimedia-Performance "pretty talk for george brecht - sparkie the opera
1978 revisited
" zur Uraufführung, die auf einem alten Werk Nymans beruht.
Herr Nyman, wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Carsten Nicolai im Rahmen des "Festivals für aktuelle Musik", der MaerzMusik?
Carsten Nicolai wurde mir durch meinen deutschen Manager vorgestellt, ganz privat. Ich kannte seine Kollaborationen mit Ryuichi Sakamoto und konnte mir ungefähr vorstellen, wie seine Solo-Arbeiten klingen würden, war aber wirklich nicht besonders gut mit seiner Musik vertraut, da ich mich für aktuelle Electronica nicht interessiere.
Das MaerzMusik-Festival war Ihnen ein Begriff?
Matthias Osterwoldt, der künstlerische Leiter des Festivals, war der erste, welcher der Michael Nyman Band einen Auftritt in Berlin ermöglichte - Mitte der Achtziger im Hebbel-Theater. Wir verstanden uns sehr gut, er hatte tolle Mitarbeiter, es war eine schöne Zeit hier in Berlin.
Welche Rollen nehmen Nicolai und Sie bei "pretty talk" jeweils ein?
Meine Rolle ist aktiv-passiv. Passiv in dem Sinne, dass die tatsächlich neue Arbeit von Carsten Nicolai kreiert wird, der ein altes Werk von mir "neu konfiguriert" bzw. "remixt". Meine aktive Rolle wiederum besteht darin, Carsten überhaupt erst einmal Material zur Verfügung zu stellen, das er manipulieren kann.
Wie näherten Sie sich dem Ausgangsmaterial, das Nicolai neu konfigurieren sollte?
Ich habe in meinem Laptop immer mein gesamtes Archiv an aufgenommener Musik dabei. Wir saßen in Carstens Studio und hörten uns durch meine Musiken. Plötzlich fiel mir diese eine Aufnahme aus dem Londoner ICA aus dem Jahre 1978 ein. Die Campiello Band spielte, die Band, die ich die "lauteste, nicht verstärkte Band der Welt" nannte, die Vorgängerin meiner Michael Nyman Band. Das Stück hieß "Pretty Talk for George Brecht" - und auf einmal sah ich, wie Carstens Körper auf die Musik zu reagieren begann, seine Augen glänzten, seine Ohren wurden größer. Wir hatten unser Stück gefunden!
Wovon handelt "Pretty Talk for George Brecht"?
Das Stück basiert auf der Aufnahme einer Frau, Miss Mattie Williams, die ihrem Wellensittich mit Namen Sparkie das Sprechen beibringt.
Wie um Himmels Willen sind Sie an diese Aufnahme gekommen?
George Brecht, der amerikanische Fluxus-Künstler, der leider im Dezember letzten Jahres in Köln verstorben ist, hatte mir eine Werbe-Flexisingle der Vogelsamen-Firma Caperns zugeschickt, ihr Titel: "Pretty Talk".
Was brachte Brecht dazu, Ihnen diese obskure Single zuzusenden?
Gute Frage! Ich fand in dem Umschlag neben der Single lediglich eine kleine Notiz: "Vielleicht taugt das als Text für eine neue Oper?" Die Single umfasste acht einminütige Stücke. Auf den ersten sieben konnte man Miss Williams hören, wie sie mit einem starken Akzent bestimmte Phrasen wiederholte: "Pretty boy" ("Hübscher Junge") oder "Mama's little treasure" ("Mamas kleiner Schatz"). Das letzte Stück bestand dann aus einer Aufnahme von Sparkie, wie er, ebenfalls mit starkem Akzent, 40 bis 50 Phrasen und Kinderreime wild durcheinander aufsagt. Ich sampelte alle acht Stücke - für 1978 ziemlich avanciert.
Alben wie "My Life in the Bush of Ghosts" von Brian Eno und David Byrne machten sich diese Technik erst einige Jahre später zu Nutze.
Sehr richtig. "Kumulative und akkumulative Musik" nannte ich das: Ich schichtete einzelne Instrumente übereinander, nahm sie weg, ließ sie wieder auftauchen, und setzte Williams' und Sparkies Stimmen als Gesangspart ein.
Welche Materialien stellten Sie Nicolai noch zur Verfügung?
Ich besitze noch immer die Sparkie-Single und auch noch die Zwei-Zoll-Ampex-Tonbänder einer 16-Spur-Aufnahme von "Pretty Talk". Mein Assistent digitalisierte diese und schickte sie Carsten. Hinzu kam die Titelmusik einer ornithologischen Dokumentarreihe, die ich 1984 im Auftrage der BBC geschrieben hatte. Übrigens habe ich auch entdeckt, dass Sparkie, der Wellensittich, zwei MySpace- Seiten hatte!
Sie machen Witze.
Nein! Eine der Seiten verwies auf das Hancock Museum in Newcastle, das angeblich ein ganzes Sparkie-Archiv sein Eigen nannte, ein "Sparkiv". Sparkie war damals in den späten Fünfzigern und Sechzigern ein echter Star, der auch in Werbespots mitgespielt hatte, und dass man seinen toten Körper ausgestopft im Hancock-Museum ausstellte.
Auf nach Newcastle!
Genau: Carsten und ich reisten nach Newcastle. Man empfing uns sehr herzlich und breitete das ganze "Sparkiv" vor uns aus, darunter ein Viertelzoll-Tonband mit Sparkies gesammelten Aufnahmen, eine kuriose Single und, der größte Fund für mich, ein 150-seitiges Manuskript der Memoiren von Sparkies Frauchen über ihr Leben mit Sparkie.
Setzen Sie Williams' Memoiren bei Ihrer Aufführung ein?
Die englische Schauspielerin Kika Markham, die Sie vielleicht aus Winterbottoms "Wonderland" kennen, wird Auszüge sprechen. Carsten wird an seinen Computern sitzen, ich spiele auf einem Midi-Klavier mit gesampelten Klängen eines völlig verstimmten Niendorfer-Klaviers, das ich vor einiger Zeit in Berlin entdeckt habe. Ich bin gespannt, wie das alles mit Carstens Minimalismus zusammengehen wird. Das Projekt entstand aus einer ganz kleine Idee und wurde plötzlich zu etwas ganz Großem, Opernhaften - einfach so, ungeplant, von innen heraus. Verrückt!
Das Gespräch führte Martin Hossbach.
Alva Noto + Michael Nyman: Do (26. 3.), 22 Uhr, Haus der Festspiele
------------------------------
Auf einmal sah ich, wie Carsten Nicolais Körper auf die Musik reagierte.
------------------------------
Foto: Komponiert mit Sittichen und kaputten Klavieren: Michael Nyman.