Vor ein paar Wochen rief ein Mann an und sagte, wir müssten unbedingt das Restaurant Thalassa besprechen. Es sei neu, es sei in Kreuzberg, vor allem aber sei es gut, authentische griechische Küche. Es kommt immer mal wieder vor, dass Leser Restaurants empfehlen, aber selten tun sie das so leidenschaftlich und hartnäckig wie der Mann am Telefon. Er hatte vorher schon eine Mail geschrieben.
Ich fragte, ob er vielleicht der Betreiber sei. Nein, nein, versicherte er, lediglich ein Gast, der gutes Essen schätze. Ein paar Tage später machte ich mich auf den Weg nach Kreuzberg, nahm mir aber vor, sofort wieder umzukehren, wenn ich auch nur eine rot-weiß-gestreifte Tischdecke oder in Plastik eingeschweißte Speisekarte sehen sollte. Das war glücklicherweise nicht der Fall.
Das Thalassa ist keine dieser griechisch folkloristischen Wirtsstuben, die man in jeder deutschen Kleinstadt findet. In dem kleinen Gastraum gibt es sechs Holztische, weiße Wände, eine Glasvitrine mit Wein und Keksen, und kaum steht man in der Tür, erscheint eine junge schwarzhaarige Kellnerin, die aussieht, als wäre sie für den Film "Hochzeit auf Griechisch" gecastet worden. Und da hatte ich sie noch nicht tanzen sehen.
Sie tanzt natürlich nicht richtig, es ist mehr ein Sich-in-den-Hüften-wiegen, wenn sie im Durchgang zur Küche steht und wartet, von den Gästen, gerufen zu werden. Meist reicht ein Blick, dann ist sie da. Erklärt die Karte, die jeden Abend wechselt, bringt Brot mit Olivenöl und Oregano. Das Brot ist selbst gebacken, das Oregano selbst gepflückt, und das Öl selbst gemacht. Die Familie Fragos, der das Thalassa - auf Deutsch Meer - gehört, besitzt 2 000 Olivenbäume in Griechenland. Der Vater war Olivenbauer, er ist vor einem Jahr gestorben. Das erfährt man, wenn man beim Bestellen ins Gespräch kommt oder am Ende des Abends, wenn nichts mehr zu tun ist und sich das Personal zu den Gästen setzt und selbst isst.
Die Geschichte vom Thalassa ist die Geschichte einer griechischen Familie, die in den 70er-Jahren nach Deutschland gekommen ist. Die Kinder wurden hier geboren, die Eltern betrieben zunächst ein Restaurant im fränkischen Bamberg, Gyros gab es hier, Zatziki, Grillplatten, was die Deutschen eben so unter griechischer Küche verstehen. Zuhause allerdings wurde anders gekocht, richtig griechisch. Aber das den Gästen anzubieten, trauten sie sich nicht. Bis sie nach dem Tod des Vaters nach Berlin zogen und im Oktober in Kreuzberg gemeinsam ein Restaurant eröffneten. Die Mutter kocht, der Sohn kümmert sich um die Buchhaltung und backt Kuchen, die Tochter serviert.
Das Ergebnis ist so gut, dass man es am liebsten gar nicht weitersagen will. Als Vorspeise bestellen wir den Deli-Teller (9,50 Euro) mit knusprig frittierten Zucchini, Auberginenpaste, Fischbouletten, gebackenem Schafskäse und mariniertem Oktopus. Die Mischung aus Warmem und Kaltem passt zu dem leichten Weißwein, einem Icon, Rhodites (16 Euro pro Flasche). Wir hätten auch einen harzigen nehmen und mit Cola mischen können. Die Kellnerin sagt, das sei ein sehr beliebtes Getränk, vor allem bei jungen Griechen, aber das ist uns dann doch etwas zu authentisch.
Als Hauptspeise möchte ich Lamm und frage die Kellnerin, was sie eher empfiehlt, die Lammrolle mit Feigen, Schafskäse und Spinat gefüllt (14,80) oder das Lamm-Frikassee mit Zitronensauce (12,90). Lamm mit Zitronensauce essen wir immer, sagt sie. Die Lammrolle sei eben, sie wirft die Arme in die Luft, etwas Besonderes. Ich nehme das Frikassee. Mein Begleiter fragt, was der Fisch auf frischem Gemüsebett (11,80 Euro) sei. Seelachsfilet, sagt sie. Und, kann sie den empfehlen? Ja. Und warum? Fisch ist gesund, sagt die Kellnerin und lacht.
Es ist ein einfacher, ehrlicher Satz, der das Restaurant gut beschreibt. Ein kleiner Familienbetrieb mit einfacher, ehrlicher Küche und großen Portionen. Mein Lamm ist so weich und zart, dass es auf der Gabel fast zerfällt, der Fisch meines Begleiters außen knusprig und innen weich, genau richtig.
Eigentlich sind wir danach so satt, dass wir uns nicht vorstellen können, auch noch eine Nachspeise zu essen, aber nach einem Anisschnaps (3 Euro) probieren wir doch noch den Schokoladenkuchen mit kandierten Bananen (3,50 Euro), vom Sohn gebacken. Wir haben es nicht bereut.
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Foto: (2) Thalassa
Adresse: Körtestraße 8
Tel.: 68 81 78 14
Öffnungszeiten: Täglich 12 bis mindestens 22 Uhr
Kreditkarten: keine