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Schmerzen muss es immer

Sprachrohr, Übermutter, moralische Instanz - vor allem ist Christa Wolf eine große Erzählerin. Jetzt wird sie 80

Ines Geipel

Hände, nichts als Hände! Wie sie sich gegen die Türen der Bibliotheken stemmen. Wie sie nach dem Gedränge in den Foyers noch rasch die gerupften Blumensträuße aufhübschen. Wie sie nervös in den Schößen liegen, solange die große Autorin am Lesetisch in die Worte vertieft ist. Wie sie mit dem letzten Satz hochschnippen, nur, um erneut zu drängeln und zu schubsen. Denn man muss schnell sein, will man ganz nah an die Frau vorn heran - für eine Unterschrift oder um endlich die erschöpften Blümchen loszuwerden, wegen der zu adressierenden Briefe, Pralinen, Grüße, vor allem aber wegen der nur für einen selbst erhofften Sätze. Szenen, die sich über Jahrzehnte wiederholt haben.

Christa Wolf, Schriftstellerin auf Lebenszeit, und ihr Publikum. "Ich habe über mangelndes Echo nie zu klagen gehabt", sagte sie schon 1983.

1983? Die dunkelhaarige Frau steht im ersten Stock der Leipziger Stadtbibliothek, direkt an der Balustrade. Sie wartet auf ihre Gemeinde. Die rechte Hand liegt reglos auf der Empore. Die Augen starren nach unten, auf das wirre Geschehen an der Eingangstür. Sie steht da wie ein Monument, gebannt, unbewegt, aus der Ferne beobachtend. Was sieht Christa Wolf in dem Moment? In einem Film würde die Kamera jetzt einen langen Schwenk machen, um im nächsten Bild das skeptische Gesicht einer Sechzehnjährigen einzufangen. Die Kaufmannstochter Christa Ihlenfeld hockt auf einem Lastwagen, genauer auf einem Bettensack. Eine Stimme im Film berichtet von Landsberg an der Warthe, von Vertreibung, schneller Flucht, Kriegsende. Die Kamera hält weiter auf die junge Frau, während der Wagen auf ihrem früheren Schulweg entlang rumpelt. Man sieht eindringliche Augen, die durch einen Schlitz in der Plane minutiös verfolgen, wie sich die Heimat unaufhaltsam entzieht. "Ich hatte das Gefühl, das sehe ich nie mehr."

Eine Geschichte von Verlust, Schock, Entwurzelung und Neuanfang. Sie hat etwas Exemplarisches, wie etliche Stationen im späteren Leben von Christa Wolf. "An den Bruchstellen zwischen den Zeiten wird gebrochen: Der Mut, das Rückgrat, die Hoffnung, die Unmittelbarkeit: Vieles, was zum Sprechenkönnen nötig ist. In die Hohlräume springt die Angst", sagt sie 1980 in ihrer Büchner-Preisrede. Zunächst aber sitzt die Zwanzigjährige als Schreibhilfe beim Bürgermeister des Dorfes Gammelin bei Schwerin, nennt diese Zeit später "eine Art Niemandsland", "einen Streifen von merkwürdiger Farblosigkeit", macht 1949 endlich ihr Abitur in Bad Frankenhausen, wird SED-Mitglied, beginnt in Jena ein Lehrerstudium, wechselt später zur Germanistik und zum weltläufigen Hans Mayer nach Leipzig.

Eine Dazugekommene, eine von außen: wach, unruhig, hypersensibel, überangepasst, wie viele in der Zeit. Eine, die "sich anklammert an die neue Heimat". Als Christa Wolf zwanzig Jahre alt ist, bekommt die neue Heimat einen Namen. Sie heißt nun DDR.

"Das Richtige musste sich bald und vollkommen durchsetzen." Christa Wolfs Politik-Ton in den Jahren des Aufbruchs, in Zeiten "übersteigerter Intensität". Immer das Ganze, das Gute, in jedem Fall das Richtige. Im Zustand der politischen Emphase lernt die Germanistikstudentin im Herbst 1949 auf der Treppe zur Jenaer Mensa ihren Kommilitonen Gerhard Wolf kennen. Von ihm hat sie schon gehört und stellt sich ihn als Zyniker ohne Familiensinn vor. Er will gehört haben, sie sei eine Streberin und Bescheidwisserin. Beste Voraussetzungen für die erste Begegnung. Doch beider Skepsis verfliegt rasch. 1951 wird geheiratet, ein Jahr später kommt die erste Tochter Annette zur Welt, 1956 die zweite Tochter Katrin. Auf die Frage "Was ist Glück?", wird Christa Wolf später antworten: "Die Fähigkeit, Bindungen einzugehen."

Zehn Jahre nach der Flucht kann man einer Entwurzelten beim Wurzelnschlagen zusehen: Christa Wolf und ihre eigene Familie, Christa Wolf und der Einstieg in den Literaturraum der DDR - als Literaturkritikerin, Literaturfunktionärin und faktische Chefredakteurin der Zeitschrift "Neue Deutsche Literatur", Christa Wolf auch als ideologische Schatzsucherin, protestantische Marxistin, durch und durch Glühende. 1958 sagt sie auf einer Autorenkonferenz: "Ein talentierter sozialistischer Schriftsteller, das ist einer, der denken und fühlen kann, was zu denken und fühlen richtig ist, und der das auszudrücken versteht."

Es ist, als würde der Kameramann an der Stelle einen sehr schnellen Schwenk machen, der das Ende der Fünfzigerjahre eigenartig verschwimmen lässt. Unter anderem auch: Christa Wolf und ihre unmittelbare Liaison mit der Macht, als IM "Margarete" ab März 1959. Die Verbindung ist von kurzer Dauer und endet im November 1962. Die Stasi interessiert sich plötzlich nicht mehr für den IM aus dem inneren Zirkel der Literatur, umso mehr aber - für beinah dreißig Jahre und auf mehr als 10 000 Berichtsseiten - für Christa Wolf als Observationsobjekt. Der Operative Vorgang "Doppelzüngler", den die Staatssicherheit über Familie Wolf anlegt, ist an monströser Durchleuchtung kaum zu überbieten.

Die Phase eifriger Dienstbarkeit, über die sie heute sagt, das sei "kein Ruhmesblatt" gewesen, ist passé. Christa Wolf korrigiert ihre Lebenspolitik, nähert sich mehr und mehr der Literatur an, geht auf Intensivsuche nach der eigenen Sprache.

Als Reaktion auf den Mauerbau erscheint 1962 "Der geteilte Himmel". Noch im Erscheinungsjahr gehen 160 000 Exemplare über die ostdeutschen Ladentische. Ein Erfolg, der sie schlagartig zur Instanz macht und ihren Lesern fürs Erste das Gefühl gibt, in den richtigen deutschen Halbhimmel zu blicken. Von da an hat sie ein Publikum, erfährt Zuspruch, Anerkennung, Korrektur, richtet sich darin ein, als staatliche Person permanent und viel zu geben. Fast 700 Einladungen erhält sie in dem Jahr, aus allen Ecken Ostdeutschlands.

Im Dezember 1965 findet das berüchtigte 11. Kahlschlagplenum des Zentralkomitees der SED statt. Es wird aufgeräumt in der Kunst. Verbote über Verbote. Beinah ein kompletter DEFA-Jahrgang wird weggeräumt. Auch in der Literatur, Dramatik und der bildenden Kunst wird blockiert und zensiert. Exempel werden gegen alle jene statuiert, die das nötige Aufbauhurra vermissen lassen.

Christa Wolf ist die einzige, die gegen die Abräumpolitik aufsteht und deutlich interveniert. Und dann erscheint 1968 ihr "Nachdenken über Christa T.". Mit diesem Buch ist auf einmal auch der suggestive Wolf-Sound da. Zärtlich, kompakt, ungeschützt, ganz vorn. Er müsse mit ihrem "emphatischen Begriff von Subjektivität" zu tun haben, mit "einem starken weiblichen Ich, einem Ich, das Probleme anspricht, das Krisensituationen durchläuft", sagt sie. Pointierte Titel, radioaktive Krisenstoffe und eine besondere Qualität der Unruhe - dafür hat Christa Wolf ein Händchen, vor allem aber auch den Mut und die Kraft, nervöse Stoffe in die Öffentlichkeit zu zerren und mit ihnen Debatten zu bestimmen. Am "Starkstrom Gegenwart" hängt sie und leidet am notorischen Mangel dessen, was sie unter Literatur versteht. "Gut Geschriebenes, sauber Gearbeitetes, kunstvoll Gemachtes finde ich immer häufiger. Aber ein Buch, das mich brennen würde, wie das Leben mich brennt - das nicht." Was sie in den Jahren des gläubigen Richtigfühlens komplett gelöscht hatte, taucht in ihrem Selbstversuch jetzt umso heftiger auf: "Ich stand auf einmal mir selbst gegenüber, das hatte ich nicht vorgesehen." Eine Frau, die sich eins zu eins auf der Höhe ihrer Konflikte bewegt - schreibend, öffentlich. Das kennt die DDR bisher so nicht und versetzt die Mächtigen im Land entsprechend in Alarmzustand. Sie selbst erklärt diese Existenzform zur notwendigen Zeitgenossenschaft, sagt später subjektive Authentizität dazu. Immer wieder wird sie an Worten wie diesen herumdoktern, sie weiter denken. Sie sind ihr wichtig. "Dass einer mit bloßen Händen - besser, mit den geeigneten Instrumenten - diesen radioaktiven Stoff anfasst. Dass der Funke überspringt, dass der Punkt in mir als Leser berührt wird, der auch radioaktiv ist. Es ist also nichts Formales, es ist das Wie des Ergreifens dieser Welt, von der man dann wieder ergriffen wird."

Die Sache also mit den Händen. Symbolische Körperpolitik. Eingreifen, gestalten, dem geliebten Experiment DDR das eigene Maß mitgeben, und die Frage nach dem Wie. "Unbewusst verwende ich Vergleiche aus dem Berufsleben eines Tauchers, das deutet auf Probleme der Tiefe."

Man sieht den Kameramann mit den Achseln zucken. Tiefe? Wie macht man denn Bilder von "stillgelegten Lebensflecken", vom "innersten Inneren"? Der Mann kann einpacken. "Prosa", schreibt Christa Wolf, "sollte unverfilmbar sein." Das Erstaunliche ist, dass es ihr tatsächlich gelingt, eine Gesellschaft auf Tiefenwanderung zu schicken, sie wacher, fragender, womöglich lebendiger zu machen. Sinne, Wahrnehmung, Erfahrung, Biografie werden zu Schlüsselworten. Da Wolfs Texte schwer zu bekommen, immer bedroht und umstritten sind, hat das Publikum ständig Angst um das, was in ihren Sätzen so schmerzt. Und schmerzen muss es immer. Christa Wolf, ihre Texte und die schmerzende DDR werden zur Symbiose, verschmelzen zu einem Körper. Ein Missverständnis? Sicher. Eine Überforderung? In jedem Fall. Was nichts daran ändert, dass die Projektion von der großen Erzählerin - als Sprachrohr, Ikone, Leuchtturm, Übermutter, moralische Instanz, Hüterin der Freundlichkeit - mit jedem Buch nur umso stärker wird. Die mächtige Stimme, mit den relevanten Geschichten, die mit "Nachdenken über Christa T." auch im Westen stark rezipiert wird. Dort wird sie zur Frontfrau weiblicher Utopien, geht als Marxistin auf Werbetour für die Idee Ost, heißen die westdeutschen Blätter sie eine "gesamtdeutsche Schriftstellerin". Die Säle sind auch hier voll.

Das ist das äußere Bild. Zum inneren gehören nach "Christa T." der Rückzug aus der politischen Kampflinie, aber auch Ohnmacht, Krankheit, Selbstzweifel. Ihr vormundschaftlicher Partei-Standpunkt und ihr in die Texte eingeschriebener ungebundener Freigang werden zur Zerreißprobe mit Dauerstatus. Mehr und mehr wird sie zur Strategin, mehr und mehr auch das Schreiben zum Halt. Nicht umsonst werden die Siebzigerjahre ihre produktivsten. Wieder wird sie zur Seismografin, forscht nun nach den blinden Flecken und wunden Punkten ihrer Generation, fragt sich beharrlich durch zu deren "Spät-Reife", der "schrecklichen Verlassenheit ihrer Jugend", den "ehrlichen Irrtümern": "Achten Sie nur einmal darauf, worüber Angehörige meiner Generation fast nie von sich aus reden und welche Gesprächsstoffe, wenn sie doch gestreift werden, öfter Affektausbrüche auslösen, so wissen Sie mehr über jene unbewältigten Einlagerungen in unseren Lebensgeschichten . Zu erklären ist das ja alles", folgert sie, "nur würde ich es gern einmal erklärt lesen."

Im Grunde ein Auftrag an sich selbst. Auch diesen Text muss sie sich selbst schreiben und tut es auch. 1976 erscheint "Kindheitsmuster", ein Stoff, der heute virulenter denn je erscheint. Nicht nur die Mütter pilgern zu den Lesungen der Großautorin, hören sich hinein in einen Text, der "Vergessen schwerer machen will", finden über Wolfs Selbstversuch Zugang zu ihren unter der Haut sitzenden Erschütterungen. Auch die Töchter sind dabei. Sie lauschen, deuten und hoffen darauf, das toxische Schweigen der Mütter ein Stück weit für sich aufzulösen. Wie heißt es da vorn? "Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd." Nicht tot? Nicht vergangen? Was aber dann? "Sprachlos bleiben oder in der dritten Person leben, das scheint zur Wahl zu stehen." Wieso? Die Frau, die da liest, hat Sprache. Sie weiß doch, wie es steht. Egal, welches Buch Christa Wolf nach "Kindheitsmuster" veröffentlichen wird, ob sie romantisiert oder mythisiert, ob es um Günderrode oder Kassandra geht, ob ihre Frauenfiguren an Leukämie sterben oder der heillos kaputten Welt weissagen - ihre Lesungen sind Kult, eine Art Gottesdienst. Vorn spielt der Sound, im Saal wird geweint. Hände, Pralinen, Blümchen, Briefe. Wie geht es ihr? Wo wird sie sitzen? Welchen Ring trägt sie heute? All das hat Bedeutung. "Der Autor nämlich ist ein wichtiger Mensch."

Ein Ausnahmezustand in Permanenz, der die Fallhöhe automatisch bestimmt. Mit Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" wird 1990 das Scherbengericht zum DDR-Erbe eröffnet. In den westdeutschen Großfeuilletons wird sie nun zur "Staatsdichterin", kurz darauf - nach ihrer IM-Enttarnung - ohne viel Federlesen in die Riege der Stasi-Schreiber eingereiht, ist sie die mit Ruhm, Preisen und Westreisen Privilegierte, die auf dem Rücken der Landsleute wie die Made im Speck gelebt hat. Und auch die Kollegen reden mit einem Mal Tacheles: Um "zentrale Opferempfindung" geht es, um "Gläubigkeit bis zur Läppischkeit", um Christa Wolf als "Lehrerin" und "Gespaltene". Als die zweite große Debatte eröffnet wird, sitzt sie im kalifornischen Santa Monica. Der Ort, von dem aus Thomas Mann in der Emigration seine unmissverständlichen Worte zu Hitler und seinen "Paladinen" nach Deutschland gesandt hatte. Christa Wolf verfolgt den deutschen Disput aus der Ferne. Wie viele erinnert sie sich nicht an die Zeit der Verstrickung. In einem späteren Interview erklärt sie, sie habe einen Psychologen befragt: Wer sich nicht erinnern könne, für den ist es nicht wichtig gewesen.

Trotzdem: Wie lässt sich Wolfs Sockelsturz erklären oder eher das außerliterarisch Exemplarische an ihm, ist doch die Frage nach der intellektuellen Verantwortung in einem Unrechtsstaat zunächst einmal legitim? War es wirklich eine Hexenjagd, wie es sofort hieß, ging es wirklich um die Starautorin, die im Moment der Einheit gleich für den ganzen Osten abgestraft werden muss? Warum also das wüste Bashing, die Unbarmherzigkeit im Urteil, die unwahrscheinliche Empörung? Richtig ist, dass der exorbitante Streit um sie von vielem handelt, eine Zuspitzung über jedes Maß hinaus ist. In einem Strang betrifft er auch wieder die Sache mit den Händen. Denn es geht um das dicht Verwobene, die gelebte Symbiose, um die wohl zwangsläufig zerplatzte Mega-Projektion.

2. März 2009. "Das Ensemble, das man hier wahrscheinlich sieht bei dem Kameraschwenk ist um 1900 gebaut, von einem berühmten Architekten. Es ist eine schöne Gegend zu wohnen", sagt Christa Wolf im Fernsehinterview von Gero von Boehm anlässlich ihres 80. Geburtstages. Sie steht in einem weiträumigen Erker, in ihrer Wohnung in Berlin-Pankow. "Woran glauben Sie heute?", fragt von Boehm gleich am Anfang. Beide sitzen mittlerweile am Tisch. Auf ihm stapeln sich ihre Bücher. Sie erzählt etwas von Utopie, Vernunft, Humanität, Sozialismus. Die Kamera schwenkt in den letzten Schnee vorm Fenster. Der Interviewer stellt die Frage nach der Kindheit. "Ich war ein gut erzogenes, aufmüpfiges Kind." 1945, die Flucht? Noch einmal wird die große Lebensrunde gemacht. Stalinismus, Hoffnung, Ernüchterung. "Ich bin ein sehr beharrlicher Mensch, ein Mensch, der sich nur schwer zu grundlegenden Veränderungen entscheidet." Gero von Boehm kommt auf die Biermann-Ausbürgerung zu sprechen, auf den Protest der Schriftsteller. Sie berichtet vom Schock, den der Rauswurf in ihr ausgelöst hat. Zum ersten Mal habe sich die Frage gestellt: "Soll ich bleiben, oder müssen wir gehen?" Der Zuschauer sieht durch die Linse der Kamera, sieht ein bisschen Christa Wolf, ein bisschen Raum, ein bisschen auch sich selbst. Sie berichtet von den bestimmenden Gründen zu bleiben, von Gründen, die in ihrer Arbeit lagen, vor allem aber in den Menschen. Ihre Hände spielen auf dem Tisch.

Gero von Boehm fragt weiter, nach ihrem Kranksein, dem schwachen Immunsystem, der Blinddarm-Operation 1988, schließlich nach dem 4. November 1989 und der Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz. Eine kurze Filmsequenz wird eingeblendet. Christa Wolf steht am Mikrofon: "Stellt euch vor, die Mauer fällt und niemand läuft weg." Als sie mit dem Satz "Wir sind das Volk" endet, muss sie das Podium verlassen. Eine Herzattacke. Sanitäter vom Roten Kreuz bringen sie ins Krankenhaus.

Der Interviewer will noch im Herbst 1989 bleiben, fragt nach der Situation auf den Straßen, nach den Menschen in der DDR. "Sie wollten nicht freier leben, sie wollten besser leben", erklärt die Schriftstellerin. "Aber sagen können, was man denkt?, wirft der Mann ihr gegenüber vorsichtig ein. "Nein, das war nicht der Grund, das ist für die meisten nicht so wichtig. Wir Intellektuellen haben viel mehr unter der Meinungseinschränkung gelitten." Die Kamera hält auf ihre Hände. Der grüne Stein an der rechten Hand funkelt.

Ines Geipels neues Buch "Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945 - 1989" ist soeben bei Artemis & Winkler, Düsseldorf, erschienen, 288 Seiten, 24,90 Euro.

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Foto (3) : Christa Wolf in ihrem Arbeitszimmer. Das Foto ist undatiert. Mit Ehemann Gerhard Wolf in der gemeinsamen Wohnung in Kleinmachnow Christa Wolf in ihrer Wohnung, im Oktober 2007

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KORREKTUR

In der Ausgabe vom 14./15. 3. wurde in dem Artikel "Schmerzen muss es immer" ein Christa-Wolf-Zitat nicht korrekt wiedergegeben. Das richtige Zitat lautet: "Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg!" (18.03.2009)