Zu den wesentlichen Eigenschaften der menschlichen Kommunikation gehört es, die Dinge zu verkürzen. "Weil Kürze denn des Witzes Seele ist, fass' ich mich kurz", sprach schon Shakespeares Hamlet - und wurde selbst ein Opfer der Kürzung. Denn in Erinnerung blieb der verbreitete Ausspruch "In der Kürze liegt die Würze". Eine Weisheit, die im Zeitalter der neuen Medien schon skurrile Blüten getrieben hat. Im Chatroom etwa. Das digitale Sprechzimmer kultivierte Abkürzungen wie Zeichen-Smileys oder LOL für "Laughing out loud" (Feuilleton vom 21.2.2009). Unvergessen auch die Kurzmitteilung, die der H.D.G.L.("Hab dich ganz doll lieb")-Generation Raum für neue Kreationen gab. So läutete das Mobiltelefon die gute alte Ära der SMS-Gedichte ein: Anstatt Sätze mit simplen Anfangsbuchstaben zu codieren, wurde fortan die gesamte Länge von 160 Zeichen ausgeschöpft. Platz für Emotionsentladungen wie diese: "1000 Herzen sind auf Erden, 1000 Herzen lieben Dich. Doch von diesen 1000 Herzen liebt Dich keines so wie ich!"
Vom SMS-Gedicht zur Twitteratur
Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Internet- und Handy-Kommunikation paaren und den Sprachfrevlern ein neues, noch kürzeres Format gebären würden. Nun ist es da, schimpft sich Twitter (was soviel wie Gezwitscher bedeutet) und hat weltweit mehr als drei Millionen angemeldete Nutzer. Sie können online oder per SMS Textnachrichten von bis zu 140 Zeichen ins Netz stellen, die Tweets genannt und von Followern gelesen werden - allen Nutzern, die den Absender abonniert haben. Twitterer sind so etwas wie die Flitzer unter den Bloggern: exhibitionistisch veranlagt und rasend schnell. Ihre Gedanken zur Welt in langen, mitunter reflektierten Tagebucheinträgen auf eine Website zu stellen, reicht ihnen nicht. Sie wollen immer, überall und sofort mitteilen, was sie gerade tun oder denken. Was sich informativ, aber auch unglaublich sinnentleert lesen kann ("Sitze gerade in der Tram und überlege, was ich heute Abend essen soll").
Zum Glück will es - siehe SMS-Gedichte - die logische Folge der Kommunikationsgeschichtsschreibung, dass auch Twitterer irgendwann ihre literarischen Wurzeln wiederentdecken. Twitteratur heißt ihre Miniatur-Poesie, eine Subkultur, die inzwischen sogar öffentliche Lesungen sowie eine eigene Kritiker-Website hervorgebracht hat. Und jetzt auch das noch: Einen Twitter-Lyrik-Wettbewerb. Der Verlagsdienstleister Books on Demand und Literaturcafe.de suchen bis zum 21. März, dem Welttag der Poesie, das beste Gedicht mit maximal 140 Zeichen. Vielleicht wird es ja "Gedankenschnelle\Gedankentiefe\nur noch ein paar Zeichen\genug" von Twitterer BigBen666. Oder Detlefteichs Werk "Schläft ein TWEET in allen Dingen/zwischen Mail und Sms/wird ER wach, dann wird er bringen/den modernen Twitter-Stress", beides nachzulesen auf der Wettbewerbs-Homepage twitter-lyrik.de. Erstaunlich, wie sehr die Twitteratur dort um sich selbst kreist. Bedenkt man, wofür der Ausdruck "kurz gedacht" steht, ist das monothematische Einerlei allerdings nur konsequent.
Fragt sich, was Autoren dazu bringt, sich per Wettbewerb darin zu messen - der Preis? Einen mp3-Player mit Apfellogo gibt es zu gewinnen, na gut. Aber nur für den Erstplatzierten. Außerdem hatten die meisten Computer-Nerds den ja schon, als ihn noch keiner kannte. Nein, die eigentliche Verlockung ist eine andere: Die besten Beiträge werden in einem Lyrik-Band veröffentlicht, der in den Buchhandel kommt. Ganz reaktionär. Auf Papier gedruckt ist so ein Gedicht dann wohl doch irgendwie mehr wert denn als virtuelle Buchstabensuppe - zumindest ideell. Wer für das Gezwitscher Geld ausgeben soll, steht auf einem anderen Blog. ;-)