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Zauberhaft tirilieren die Linguisten

"Multiverse", das neue Album von Say

Christian Buss

Sind biogene Drogen im Spiel? Auf ihren Konzerten wirken Say mit ihren gebügelten Hemden und gekämmten Bärten wie Studenten der altenglischen Philologie, die bei einem Seminarausflug aus Versehen ein paar Zauberpilze eingeworfen haben und nun auf einer Wolke des Glücks den Mühen der Sprachforschung entschweben. Mit Mandolinen, Flöten und allerlei anderem altertümlichem Instrumentarium tanzen sie über die Bühne, während der Computer blumenbunte Samples ausspuckt. Was für ein schöner Rausch: Die Auftritte der Briten wirken wie die komplette Entfesselung eigentlich komplett vergeistigter Menschen.

Ein Eindruck, der sich nun mit dem zweiten Say-Album verfestigt, das von Aufgeladen & Bereit herausgebracht wird, jenem Label, das sich über die letzten Jahre zu einer der wichtigsten kontinentaleuropäischen Anlaufstellen für britischen Edelpop entwickelt hat.

Wie sich Say doch auf "Multiverse" mit hellen Chorälen in den Himmel strecken, wie sie sich in zauberhaften Harmoniegesängen der Last aller sprachlichen Engstirnigkeiten entledigen! Diesen Minnesängern und -sängerinnen gelingt es, in ihren Liedern linguistische Präzision mit lautsprachlicher Ekstase zu verbinden. "Wow!", "Pow!" oder "Bang!" heißt es zum Beispiel gleich im ersten Stück "Mediarise", während man sich gleichzeitig zu ernsthaften Exkursen zum schädlichen Einfluss von Fernsehen und Werbung emporschwingt: Medienkritik mit Prilblumen-Feeling.

Weihevolle Vielheit

Wer die Vokalkunst der Fleet Foxes liebt (und wer tut das momentan nicht?), findet hier eine perfekte Ergänzung. Wo die Kollegen archaische Americana-Sounds in weihevolle Gesänge verwandeln, bieten Say eine Art akademisch aufgetuneten Psychedelia-Pop. Hier wie dort aber bleiben die Stimmen die treibende Kraft. Die in dem titelgebendenden Sprachspiel "Multiverse" beschworene Vielheit findet bei Say ihre Entsprechung in der Diversität des Gesangs.

Herzergreifend, wie in dem Stück "The Disclosure Project" Verschwörungstheorien zur außerirdischen Unterwanderung der Regierung zu sanften Falsettgesängen im Beach Boys-Stil ausgebreitet werden. Zum Dahinschmelzen, wie in "By The Windows" zu einem Gesang, der an die schottischen Kollegen vom Teenage Fanclub erinnert, über Konformitätsdruck gesungen wird. Verwirrend schön, wie in der Tierfreund-Hymne "Free The Animals" sich Schweine-Oinken und Hunde-Wuffwuff erst mit zartem Fairport-Convention-Schmelz und schließlich fordernden Blondie-Gesängen verbinden. Die darauf folgende Nummer mit dem Titel "Quantum Galactica Major" klingt schließlich wie eine kunstvoll verpoppte Artrock-Arie, also in etwa so, als würden die Retropopper Stereolab David Bowies Marsmärchen "Major Tom" neu interpretieren. Und als das Album schon fast zu Ende ist, da stimmen die Künstler noch mal einen Choral an, bei dem man nicht so genau weiß, ob es sich um alte keltische Schwüre, außerirdische Gesänge oder um Yoga-Atemübungen handelt.

Biogene Drogen waren dann wohl doch nicht im Spiel. Wozu braucht man schon Halluzinogene, wenn einen die eigene Stimme in unerschlossene musikalische Dimensionen fort tragen kann?

Say: Multiverse (Aufgeladen & Bereit/Cargo)