Brutale Erziehungsmethoden, Zwangsarbeit und sexuelle Übergriffe - das haben Kinder in den 50er- und 60er-Jahren in westdeutschen Erziehungsheimen ertragen müssen. Nun soll sich ein Runder Tisch mit der Aufarbeitung und möglichen Entschädigung der Betroffenen beschäftigen. Die Vorsitzende, Grünen-Politikerin Antje Vollmer, erklärt die Ziele.
Frau Vollmer, warum wird das Thema erst jetzt öffentlich debattiert?
Es gab schon einmal eine große Debatte um die Erziehungsmethoden der 50er- und 60er-Jahre. Es waren die 68er, die die Initialzündung dafür gaben. Es gab regelrechte Kampagnen zur Auflösung dieser Heime, aber auch jeder anderen Form von geschlossenen Heimen.
Sie sprechen von der Heimkinder-Kampagne der Apo und Ulrike Meinhofs Film "Bambule"?
Der ist dann damals nicht mehr öffentlich gezeigt worden.
Weil Ulrike Meinhof kurz zuvor in den Untergrund ging.
Ja. Aber die Bewegung gegen diese Heimerziehung war viel breiter und führte dann in wenigen Jahren dazu, dass viele Heime geschlossen oder reformiert wurden.
Um die Opfer der Heime ging es in den 70er-Jahren offenbar nicht.
Nein. Damals ging es um deren Freiheit, nicht um deren Rolle als Opfer. Damit beschäftigen wir uns erst jetzt. Für die 68er stand die Frage der vielen vergessenen Opfer des Nationalsozialismus im Vordergrund. Erst allmählich graben wir uns durch zu denen, die in der Bundesrepublik zu Schaden gekommen sind.
Opfer gab es ja nicht nur in den Fürsorgeheimen. Gewalt als Mittel der Erziehung war ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.
Das gehört zu den Schwierigkeiten des Runden Tisches. Er muss die Betroffenen anhören und sie ernst nehmen. Er muss das Geschehen aber auch in die Zeit einordnen. Gewalt in der Pädagogik war auch in den Schulen und den Elternhäusern üblich. Es war eine erschreckend harte, am Schicksal des Einzelnen völlig desinteressierte Zeit.
Die Opfer haben konkrete Anliegen. Sie verlangen eine Entschädigung für geleistete Arbeit und erlittenes Leid.
Am Ende muss man auf viele Fragen eine Antwort für die Opfer finden, die sich durch diese Heime für ihr Leben geschädigt fühlen. Auch die Überprüfung rechtlicher Regelungen gehört dazu.
Was für eine Art Gremium wird der Runde Tisch sein?
Es ist keine Enquête-Kommission und auch kein Tribunal. Er muss alle Seiten hören und am Ende eine politische Lösung anbieten. Dafür muss man einen Konsens herstellen. Das ist meine Aufgabe.
Wie werden die Opfer an dem Runden Tisch vertreten sein?
Es gibt den berechtigten Wunsch der ehemaligen Heimkinder, mit einer größeren Anzahl vertreten zu sein. Das Gremium muss aber auch arbeitsfähig sein. Alle, die am Runden Tisch teilnehmen, müssen miteinander reden können. Außerdem sollten die Repräsentanten in ihren Institutionen mächtig genug sein, die Vorschläge des Runden Tisches am Ende auch durchsetzen zu können. Darum geht es. Der Runde Tisch ist eine Art Wahrheitskommission. Wer mitdiskutiert, ist am Ende auch für das Ergebnis mitverantwortlich.
Geklärt werden muss, wer Anspruch auf Entschädigung hat und wer zahlen muss.
Es wäre falsch, jetzt so schnell wie möglich, die Frage der Entschädigungen klären zu wollen. Das würde zu Abwehr und Blockaden führen. Mein Ziel ist ehrgeiziger. Es sollte am Ende auch die Zeit und das Handeln der Beteiligten in dieser Zeit verstanden werden.
Einen Anspruch der Opfer auf Entschädigungen schließen Sie aber nicht aus?
Der Auftrag des Petitionsausschusses hat nichts ausgeschlossen, aber auch nichts garantiert.
In welcher Verantwortung sehen Sie dabei die Kirchen?
Sie müssen sich ihrer Verantwortung stellen und die Akten der von ihnen verwalteten Heime sichern und zur Verfügung stellen. Beides wird man nur erreichen können, wenn die Kirchen nicht die Befürchtung haben müssen, dass es hier vorrangig um eine Kampagne gegen sie geht.
In Irland musste die Katholische Kirche hohe Entschädigungen zahlen.
In Irland ging es vornehmlich um Entschädigungen in Missbrauchsfällen. In Deutschland ist bis jetzt noch nicht klar, um wie viele schwere Fälle es sich handelt. Ich glaube, wir müssen uns die Lage ohne Vorurteile anschauen. Die Wahrheit hat ihre eigene Dynamik.
Die evangelische Kirche hat ihre Bereitschaft dazu bereits erklärt. Eine ähnliche Stellungnahme der katholischen Kirche gibt es noch nicht.
Die katholische Kirche musste in den letzten Jahren viele schmerzhafte Debatten alle gleichzeitig führen. Ich kann nur faire Bedingungen garantieren und dazu einladen, sich Auseinandersetzungen nicht zu verweigern, die unausweichlich sind.
Das Gespräch führte Katja Tichomirowa.
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Foto: Antje Vollmer, 65, ist nicht nur Grünen-Politikerin und ehemalige Bundestagsvizepräsidentin, sie ist auch Theologin und hat von 1971 bis 1974 als Pastorin in Berlin-Wedding gearbeitet.