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"Wir müssten die linke FAZ werden"

Jakob Augstein über seinen "Freitag", schreibende Leser und das Internet

Christine Zeiner

Heute erscheint die Wochenzeitung Freitag in runderneuerter Version. Sogar der Name hat sich geändert: Der Freitag heißt das links ausgerichtete Blatt nun. Jakob Augstein, seit 2008 Verleger der Zeitung, erklärt, was alles anders wurde und noch anders werden soll.

Herr Augstein, der Freitag ist eine linke Wochenzeitung. Was verstehen Sie unter links?

Der Begriff ist beschwert durch die Geschichte und jetzt für mich noch schwieriger zu gebrauchen wegen der Linkspartei. Ich will nicht bei der Linkspartei landen. Als Hilfsausdruck nimmt man dann "linksliberal", das soll dann heißen, "nicht Linke/PDS" oder so. Ich berufe mich deshalb gern auf Günter Gaus, den Gründungsherausgeber des Freitag: Links sein ist skeptisch sein, Sachen in Frage stellen, die andere für beantwortet halten, die gesellschaftliche Frage in den Mittelpunkt rücken und gleichzeitig wissen, dass diese nie auf Dauer beantwortet werden kann.

Zu einem Text über Sie und den Freitag schrieb ein Leser in einem Forum, der Freitag werde ein "Mainstream-Blatt", er habe gehört, Sie suchten noch einen "konservativen Schreiberling".

Mainstream wäre für uns tödlich. Das ganze Projekt lebt davon, dass wir uns gegen diese Tendenz zur Mitte wenden, die es in der Gesellschaft gibt. Die politischen Parteien fischen in der Mitte, die Zeitungen fischen in der Mitte. Die Tendenz zur Mitte macht die Ränder frei. Diese publizistische Nische, die die anderen Zeitungen aufgelassen haben, wollen wir füllen. Die Zeit war mal linksliberal, der Spiegel war es und die Süddeutsche - sie sind es alle nicht mehr.

Wie stellen Sie sich das vor? Wie soll der Rand aussehen?

Als die Russen in Georgien einmarschiert sind, hatten alle Zeitungen eine einheitliche Meinung zu dem Thema. Erst nach ein paar Wochen fing diese Einheitshaltung der deutschen Presse an, aufzubröseln und plötzlich sah das alles nicht mehr so klar aus. Die Berichterstattung der deutschen Presse ist normiert - freiwillig. Es zwingt sie niemand dazu. Das liegt aber daran, dass alle immer auf die gleichen Konferenzen gehen, die werden alle von den gleichen Programmen und Stipendien gefördert. Es ist so eine Alternativlosigkeit in der Presse, eine Meinungsscheu und eine Variantenarmut, die ich überhaupt nicht verstehe.

Enzensberger spricht von einer strukturellen Ähnlichkeit aller Medien, von immer gleichen Nichtigkeiten, weil sich alle der Forderung nach Aktualität unterwerfen.

Es ist auch für uns das Risiko, dass wir uns in unserer Themensetzung zu stark an dem orientieren, was die anderen machen. Aber wir können nicht gleichzeitig einen Paralleldiskurs aufmachen. Wir müssen darauf achten, so viele Themen der anderen aufzugreifen, dass wir noch am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Gleichzeitig müssen wir Themen haben, die andere eben nicht wahrnehmen. In der FAZ finden Sie immer Beiträge, die völlig querliegen, die machen irre Sachen - und sind dabei konservativ. Wir müssten die linke FAZ werden.

Der Freitag will seine Seiten künftig für seine Leser öffnen. Wo ist Schluss?

Es gibt keine Grenze. Die Idee ist, Qualitätsjournalismus mit Social Networking zu verbinden. Wenn Leser gut schreiben, dann werden sie bei uns befördert zum Publizisten. Aber es ist nicht so, dass die Leser die Redaktion der Zeitung übernehmen. Ich würde das auch für falsch halten, denn dafür muss man von Journalismus etwas verstehen.

Wie soll das funktionieren?

Leser können sich anmelden und Kommentare schreiben. Wenn sie mehr machen wollen, müssen sie eine Profilseite ausfüllen, dann erhalten sie Bloggerstatus und Freiheiten wie bei einer Social-Networking-Seite. Die Community bewertet die Texte untereinander. Wir glauben, dass dieser Mechanismus die guten Leute nach oben spült. Sie werden wahrgenommen von den Moderatoren. Die leiten das weiter in die Redaktion, die entscheidet, wo der Text hinkommt. Wird er gedruckt, gibt es Zeilenhonorar.

Haben Sie die Sorge, dass zu viele nur noch auf das Gratis-Angebot im Netz zugreifen?

Die Gefahr ist da, aber ich glaube, es gibt gar keinen anderen Weg, als sich ihr zu stellen. Denn wenn Zeitungen überleben sollen, dann muss es eine sinnvolle Verknüpfung geben zwischen Print und Netz. Trotz einiger guter Ansätze kenne in Deutschland kein einziges Printmedium, das es wirklich geschafft hat, eine sinnvolle Anknüpfung zwischen Print und Netz herzustellen.

Wie wollen Sie das mit 20 Redakteuren schaffen?

Viele können sich gar nicht mehr vorstellen, was man alles machen kann mit wenig Geld und wenig Leuten, wenn man nur Lust hat, es zu machen. Vor allem muss man sehr gut, sehr straff organisiert sein, alle technischen Möglichkeiten ausnutzen, klare Kommunikationsbahnen haben. Und wir haben den Guardian, von dem wir Texte beziehen. Die alte Redaktion des Freitag bestand aus acht Leuten - so haben die eine Wochenzeitung gemacht.

Und wie lange reicht das Geld?

Endlos reicht es nicht. Das sind Investitionen, die ich jetzt tätige, der Laden muss sich tragen und das Geld muss zurückkommen. Je früher, desto besser. Wir verdienen über Werbung im Netz, über Marketing, Kooperationen. Und ich hoffe, wir verdienen als Abo-Zeitung, weil das zum Community-Charakter passt. Und es gibt die Freitag-Reisen. Da setzen wir die Community in den Bus und fahren mit ihr irgendwo hin. Das wird ein Spaß!

Das Gespräch führte Christine Zeiner.

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Foto: Der Journalist und Verleger Jakob Augstein hat die Wochenzeitung Freitag umgekrempelt und ihr einen Artikel im Namen spendiert.