LEIPZIG. Das Video ist mit einer Handykamera aufgenommen. Die Bilder wackeln, es ist ziemlich dunkel, matt leuchten Laternen, Feuerschein und Silvesterraketen erhellen ein wenig die Szenerie. Man erkennt brennende Müllhaufen auf einer Straßenkreuzung, Polizeiwagen, die mit zuckendem Blaulicht am Fahrbahnrand stehen, und vermummte Jugendliche, die johlend und schreiend Pflastersteine und Flaschen werfen. Dann kommt ein Trupp Polizeibeamter ins Bild, mit Helm und Schutzschild angetan. Aus allen Richtungen werden die Beamten mit Raketen beschossen, bis sie sich schließlich in Deckung bringen.
Das Video ist im vergangenen Jahr entstanden, in der Silvesternacht 2007, im Leipziger Stadtteil Connewitz. Jugendliche hatten im Anschluss an eine bis dahin weitgehend friedliche Silvesterfeier den Krawall in dem linken Szeneviertel begonnen. Sie errichteten Barrikaden, zündeten sie an und bewarfen Polizisten mit Steinen und Feuerwerkskörpern. Connewitz machte in dieser Nacht seinem Ruf als Hort gewaltbereiter Autonomer wieder einmal alle Ehre. Und der damalige Polizeipräsident Rolf Müller musste eingestehen, dass seine auf Deeskalation und eine Sicherheitspartnerschaft mit den Connewitzer Partyveranstaltern ausgelegte Strategie gescheitert war.
In der kommenden Silvesternacht soll nun alles anders werden. Der neue Leipziger Polizeichef, Horst Wawrzynski, fährt die harte Linie und bereitet seine Leute mit markigen Sprüchen auf eine blutige Straßenschlacht vor. "Wir gehen nicht nach Connewitz, damit unsere Beamten dort wieder als lebende Zielscheiben für Chaoten herumlaufen", verkündete er am Wochenende in Leipzig. Wenn es wie im letzten Jahr auch diesmal wieder zu Gewalt komme, dann, so Wawrzynski, "wird die Party ganz schnell zu Ende sein". Man werde sich "von denen nicht auf dem Kopf herumtanzen lassen".
Was so entschlossen und selbstbewusst klingt, ist vielmehr eine Flucht nach vorn. Für Wawrzynski steht in der Silvesternacht viel auf dem Spiel. Er braucht einen Erfolg, und sei es nur eine hohe Zahl niedergeknüppelter und festgenommener Randalierer. Nach einem Jahr voller Rückschläge und Fehlleistungen muss der Leipziger Polizeichef zeigen, dass er nicht das ist, was viele von ihm meinen: der falsche Mann, um die erfolglose, demotivierte und völlig überforderte Leipziger Polizei wieder auf Vordermann zu bringen.
Leipzig ist ein gefährliches Pflaster geworden. Insgesamt, so viel steht schon jetzt fest, ist im abgelaufenen Jahr die Zahl der Straftaten in der Messestadt um rund zwölf Prozent auf 62 000 gestiegen. Ein Drittel davon, rund 20 000, sind Fälle von Gewalt und Straßenkriminalität. Leipzig liegt damit in der Spitzengruppe deutscher Städte. Und die Polizei wird der Lage nicht Herr.
Da sind die zwei seit Monaten unaufgeklärten Morde, die mitten in der Stadt verübt wurden, darunter das Verbrechen an der achtjährigen Michelle, deren Mörder die größte Sonderkommission der sächsischen Kriminalgeschichte nicht zur Strecke zu bringen vermochte. Seit mehr als einem Jahr tobt, von der Polizei hilflos beobachtet, der "Disco-Krieg" zwischen der Türsteher-Szene und einer Ausländergang. Die in Todfeindschaft verbundenen Rockerbanden Hells Angels und Bandidos haben sich inzwischen in Leipzig festgesetzt und kämpfen, von den Behörden unbehelligt, um die Vorherrschaft in der Stadt. Und dann gibt es noch eine Serie von Überfällen auf Drogeriemärkte und Tankstellen, Neonaziattacken auf Polizisten und regelmäßige Straßenschlachten mit Hooligans der Leipziger Fußballvereine.
In internen Analysen sächsischer Sicherheitsbehörden wird Leipzig längst als ein auf Dauer ernst zu nehmender Brennpunkt von Gewaltkriminalität bezeichnet. Die Polizei ist mit dieser Sicherheitslage völlig überfordert, bestätigt Matthias Kubitz, Chef der Gewerkschaft der Polizei in Sachsen. "Unsere Beamten kommen kaum aus den Stiefeln, sie müssen Überstunden und zusätzliche Schichten leisten", sagt Kubitz. Allein im Jahr 2007 rechnete die Leipziger Polizeidirektion 18 237 Überstunden ab. Das ist ein Fünftel aller bei der sächsischen Polizei registrierten Mehrarbeitsstunden und deutlich mehr als in allen anderen Großstädten des Freistaats.
Die Folge dieser Arbeitsüberlastung ist laut Kubitz ein enormer Anstieg des Krankenstandes, vor allem psychosomatische und stressbedingte Erkrankungen würden diagnostiziert. Aus seiner Sicht räche sich nun der vor zwei Jahren von der Staatsregierung verfügte Personalabbau bei der Polizei, der eine Kürzung der Beamtenstellen um ein Fünftel und einen weitgehenden Einstellungsstopp vorsieht.
Der Polizeiapparat sei überaltert, was sich dramatisch auswirke, erzählt ein Beamter, der aus Angst vor Sanktionen anonym bleiben will. "Wenn wir etwa einen Notruf bekommen, dass sich zwei Jugendgruppen prügeln, vielleicht noch mit Ausländern, da können Sie glauben, dass wir uns viel Zeit lassen, bis wir am Tatort eintreffen", sagt er. "Von uns riskiert keiner mehr was." Auch habe die Sparpolitik dazu geführt, dass in jedem Polizeirevier nachts nur noch ein Funkstreifenfahrzeug unterwegs sei, bloß in der City seien es zwei.
Ein anderer Beamter erzählt, dass sich viele Kollegen privat Schutzwesten gekauft hätten, weil die offiziellen nichts taugen würden. "Die Lage in der Stadt ist auch für uns Polizisten so gefährlich wie in kaum einer anderen Stadt", sagt er. "Kein Wunder, dass der Polizeipräsident in Naumburg wohnt."
Das sächsische Innenministerium registriert seit Jahren landesweit einen Anstieg von Angriffen auf Polizisten. Im Jahr 2007 sind diese Zahlen zum Teil dramatisch angewachsen, insbesondere bei Körperverletzungsdelikten, wo die Fallzahlen um fünfzig Prozent angestiegen sind. Die übergroße Mehrheit der Täter sind bei allen Angriffen auf Polizisten Deutsche.
Am bedrohlichsten ist laut Statistik die Situation für Polizisten in Leipzig. Erst kurz vor Weihnachten musste sich eine Streifenwagenbesatzung im Stadtteil Lindenau gegen den Angriff von rund zwanzig rechtsradikalen Hooligans zur Wehr setzen. Die jungen Männer hatten lautstark in einem Haus gefeiert, in dem auch ein NPD-Abgeordnetenbüro untergebracht ist. Als der Streifenwagen eintraf, wurde das Fahrzeug mit Feuerwerkskörpern und Flaschen angegriffen. Die Beamten zogen schließlich ab und alarmierten die Bereitschaftspolizei, die erst nach ein paar Stunden anrückte und die Hooligans-Party auflöste. Auch da flogen Flaschen, es kam zu Rangeleien.
Neben körperlichen Angriffen und Widerstandshandlungen, etwa bei Festnahmen, registriert die Polizei aber zunehmend auch Aktionen, mit denen Beamte bedroht und eingeschüchtert werden sollen. Das belegt eine interne Analyse des sächsischen Landeskriminalamtes über den "Disco-Krieg". So stellte in der Nacht zum 3. November eine Zivilstreife der Polizei fest, dass sie von einem unbekannten Fahrzeug verfolgt wird. Bei der Kontrolle des Wagens stellte sich heraus, dass es sich bei den drei Insassen um die Anführer jener Ausländergang handelte, die die blutige Fehde mit den Leipziger Türstehern ausficht. Dem LKA-Bericht zufolge soll sich das Trio bei der Kontrolle äußerst aggressiv und provokant verhalten und die Beamten danach weiter verfolgt haben.
Zuvor war es bereits in "Leo's Brasserie", einem Café in der Nähe des Rathausmarktes, zu einer Konfrontation zwischen Polizisten und Mitgliedern der in den "Disco-Krieg" involvierten Gang gekommen. Zwei Beamte waren privat in dem Restaurant, als sie als Polizisten erkannt und angepöbelt wurden. Als Verstärkung aus dem Revier eintraf, bot der Bandenchef den Beamten an, die Waffen abzulegen und sich auf der Straße mit seinen Leuten zu prügeln.
Der Leipziger "Disco-Krieg" war erstmals im September 2007 aufgeflammt, als eine von einem Armenier angeführte Gang eine Woche lang die Scheiben mehrerer Innenstadtdiskotheken einwarf und die Türsteher attackierte. Im vergangenen März eskalierte die Situation, als bei einem weiteren Angriff der Gang auf eine Diskothek in Leipzig ein Russlanddeutscher von einem bis heute unbekannten Täter erschossen wurde.
Hintergrund der blutigen Auseinandersetzung sind Versuche, das Drogengeschäft in den Clubs und Diskotheken zu kontrollieren. Nach Erkenntnissen der Ermittler ist der "Disco-Krieg" aber eher eine Art Stellvertreterkonflikt, weil hinter den Parteien die konkurrierenden Rockerclubs Bandidos und Hells Angels stecken.
Die Bandidos hatten erst Ende September eine eigene Niederlassung, ein sogenanntes Chapter, in Leipzig eingeweiht. Die Außenstelle mit ihren rund fünfunddreißig Mitgliedern soll unter der "Patenschaft" des Berliner Bandidos-Chapters "El Centro" stehen, in dem Berliner Araber und Türken das Sagen haben. Die Hells Angels gründeten bald nach den Bandidos auch eine eigene Niederlassung in Leipzig. Dem Landeskriminalamt zufolge sollen sich inzwischen die von den Bandidos-Freunden bekämpften Türsteherfirmen unter das Dach der Hells Angels geflüchtet haben.
Zu direkten gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Bandidos und Hells Angels ist es in Leipzig bislang nicht gekommen. Dafür aber zu einer bizarren Macht-Demonstration. Ende September besetzten rund hundert Hells Angels am frühen Abend die Gottschedstraße in der City, eine beliebte Partymeile, in der auch ein Theater liegt. Die Rocker regelten den Verkehr und kontrollierten, wer in die Straße hineinfährt. Aus sicherer Entfernung beobachtete die Polizei das Geschehen, griff aber nicht ein. "Wir haben uns im Hintergrund aufgehalten, um die Sache nicht zur Eskalation zu bringen", rechtfertigte später ein Polizeisprecher das Vorgehen.
Die Vorgänge in der Gottsched- straße wurden zu einem Sinnbild für die Ohnmacht der Leipziger Polizei und ihre Kapitulation vor gewalttätigen Kriminellen. "Die Bilder, die ja auch im Fernsehen gezeigt wurden, waren verheerend für uns", sagt ein Beamter. "Nicht nur, dass wir vor der ganzen Stadt als Deppen dagestanden haben. Auch uns selbst wurde klar, dass wir, so wie die Situation jetzt ist, eigentlich auf verlorenem Posten stehen."
In Connewitz wird heute damit begonnen, die Straßen für die Silvesternacht vorzubereiten. Verkehrszeichen werden abmontiert, die Scheiben aus den Haltestellenhäuschen ausgebaut, Papierkörbe entfernt, Müllcontainer abgefahren. Alles, was sich zum Barrikadenbau und als Wurfgeschoss eignen könnte, muss verschwinden. Polizeipräsident Wawrzynski hat gleichzeitig angekündigt, alle verfügbaren Polizeieinheiten nach Connewitz abzukommandieren.
Alles ist bereit für die Schlacht.
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"Die Lage in der Stadt ist auch für uns Polizisten so gefährlich wie in kaum einer anderen Stadt." Ein Leipziger Polizeibeamter
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Foto: Vor einem Jahr griffen Autonome in der Silvesternacht Polizisten im Leipziger Stadtteil Connewitz an.