Stellen wir eine einfache Frage: Warum gibt es diesen Film? Abgesehen davon, dass er seine 16 Millionen Produktionskosten locker einspielen wird; abgesehen auch davon, dass ein weltberühmtes Buch einem in Deutschland weltbekannten Dokumentarfilmregisseur zu seinem späten Kinodebüt verholfen hat, was wir durchaus begrüßen, weil man schon immer gern wissen wollte, wie sich der kluge und sensible Doku-Dramler Heinrich Breloer als Spielfilmer macht. Sicher, es gibt die berühmten "Buddenbrooks"-Filme von Gerhard Lamprecht (1923) und Alfred Weidenmann (1959), so dass man auch fragen könnte, wozu es eine neuerliche "Buddenbrooks"-Verfilmung überhaupt braucht. Aber das Argument gilt nicht; erstens, weil Thomas Manns Buch genügend Raum für jede Generation bietet, sich darin einzurichten und wiederzukennen, und zweitens, weil Breloer, vor allem durch seinen Dreiteiler "Die Manns", ein ausgewiesener Mann-Fachmann ist, von dem man erwarten durfte, dass er mit seinem Film mehr als das Ausstopfen von Hochkulturliteratur zu bieten hätte.
Und dann diese Enttäuschung, gleich mit dem ersten Bild. Glocken schlagen, Nebel wallt, die Kamera fährt das Panorama von Lübeck ab. Danach ist sie auf dem Markt unterwegs, fängt gierig kleinste Details ein und zeigt uns, wie Kinder im Handwagen durch die Straßen tollen. Es braucht keine zwei Minuten, um zu begreifen, dass dieser Film keine eigene Haltung, keinen Rhythmus, keine Phantasie und auch keinen Humor hat. Es ist, als schlage man das Buch auf, sähe aber nichts als Buchstaben.
Dabei ist es keineswegs so, dass Breloer in die Vorlage nicht eingegriffen hätte. Er lässt durchaus weg, fügt hinzu, aber er hat nichts zu sagen. Thomas Mann erzählt den Niedergang der Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook und entwirft damit ein Vexierbild seiner Zeit, den Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert; er benötigt jede Figur und jeden Satz, um die Stimmungs-, Denk- und Weltbilder so porös zu machen, dass sich die Leser mit ihren Erfahrungen auch heute noch darin eintragen können. Genau dieses Angebot aber schlägt Breloer aus: Seine Adaption wirkt eng und ängstlich. Am besten stelle man sie sich wie einen müden Leser vor, der immerfort nickend umblättert.
Man sieht das weniger an den 3 000 Kostümen, dem aufwendigen Set, das in vielen kreiselnden Kamerafahrten stolz hergezeigt wir. Dass Breloer eine Ausstattungsorgie feiert, ist nicht das Problem. Man erkennt das Hohle und Haltungslose dieses Films vielmehr an den Schauspielern und ihren Spielweisen, die den starren Kokon der oberflächlichen Kostümhaftigkeit nie zu sprengen wissen, offenbar, weil die Regie sich damit zufrieden gab, die Figuren einfach schön aussehen zu lassen. Also ziehen sich die Darsteller auf leere Routine zurück. Amin Mueller-Stahl kann bekanntermaßen beeindruckend die Konsonanten gurren und einen Gesichtsausdruck der Weltweisheit aufsetzen, der seinem Konsul Buddenbrook zwar durchaus zupass kommt, dabei jedoch alle Charaktertiefe und jedes Moment an Irritation verliert; Iris Berben als Frau Konsulin wiederum hat sich eine ausgeprägte Liebe zu dem Thomas-Mann-Satz "Wie beliebt?" angeeignet, so dass ihre Figur am Ende nur noch wie eine wandelnde Empörung ausschaut, was dieser viel nimmt und nichts schenkt. Mark Waschke als Sohn und Firmenweiterführer Thomas erspielt sich eine erstaunliche Steifheit, die dann umso wirkungsbewusster, aber auch seelenflach in einer alles ausplaudernden Szene zerbröseln darf, was so spannungsarm und erwartbar ist, dass einem nichts mehr zu denken übrig bleibt. Das ist das Werk eines Routinespiels, dessen einzige Sorge ist, die Figuren an Schablonen aufzuhängen.
Es gibt freilich auch die Ausnahmen, und sie sind für Breloers Scheitern besonders aufschlussreich: all jene Schauspieler, die in ihre eigene Buddenbrooks-Welt desertieren. Josef Ostendorf zum Beispiel, der als Senator Möllendorpf heimlich Sahnetorte frisst und immer nur kurz im Bild auftaucht, jedes Mal aber ein kleines, herrlich aufmüpfiges Tortenfressdrama aufführt; oder August Diehl, der den Sohn Christian in einen Alkohol- und Anarchieclown verwandelt, als wolle er lieber in einem Existenzialistendrama und nicht in einem Bürgerlichkeitsroman hausen.
Und dann Jessica Schwarz als Buddenbrook-Tochter Tony. Bei Thomas Mann ist sie die heimliche Hauptfigur, die ihren Morten liebt, aber den Fiesling Grünlich ehelicht, weil das dem Geschäft dient und sich für eine Buddenbrook so gehört. Breloer macht sie zur Hauptfigur und Grünlich (Justus von Dohnanyi) entsprechend zum Hauptwiderling. Vor der Heirat aber schlendern Tony und Morten (Alexander Fehling) am Ostseestrand. Sie finden einen Bernstein, sitzen in einem Schiffswrack und küssen sich bis es schlimm gewittert. Da weiß der Zuschauer schon, was er bei Mann an der entsprechenden Stelle erst ahnt: Diese Liebe wird keine Erfüllung finden.
Thomas Mann hat sein Figurengeflecht durch feingeistige Metaphern zusammengehalten, Heinrich Breloer hat nur eine hemdsärmlige Symbolbildsprache, und sie ist es, die von Jessica Schwarz seltsam auffallend unterlaufen wird. Denn immer wenn sie den Kopf in den Nacken wirft, ein supersanftes Lächeln auf die Lippen malt und versonnen in die Kamera blinzelt, gibt sie dem Zuschauer auch zu verstehen, dass sie mit den so derben wie plumpen Symbolen im Grunde nichts anzufangen weiß. Sie spielt nicht, sie erledigt nur ihre Figurenpflicht. Entschieden distanziert und lustlos. So wird sie zur Erkennungsmarke einer Roman-Bebilderung, die ihre Figuren auf Rollenvollstreckung reduziert: Bunt sind die Szenen, aber bieder ist der Film. Das macht ihn so dröge und geistesarm, bis er nur noch eine Schulhofweisheit zu bieten hat: Allein solche Geschäfte dürfe man machen, die einen nachts ruhig schlafen lassen, ist die Lebensmaxime des alten Buddenbrook; es wäre besser gewesen, auf die Stimme des Herzens zu hören, ist die schmerzliche Tony-Erfahrung. So platt und plump stehen "Die Buddenbrooks" am Ende da.
Kann das sein? Heinrich Breloer wollte ja das große, klassische Erzählkino - und ist bei der Hofmalerei gelandet. Weil er nicht zu erkennen gibt, was er mit seine Vorlage erzählen will, tropft aus jeder Sequenz nichts als leeres Thomas-Mann-Verehrertum. Es liegt wie ein Fluch über dem gesamten Film. Am Ende schnüffelt die Kamera durch die leer geräumte Senatorenvilla, als ließe sich in den Winkeln der Sinn des gesamten Treibens aufstöbern. Der Schluss ist wie der Anfang: eine Offenbarung der Haltungslosigkeit, mit der hier Buchstaben zu bewegten Bildern genötigt wurden. Es bleibt: viel Sofabürgertum, viel Kostümrascheln, viel Leere. Wie müde das macht.
Es gibt zu diesem Film ein dickes, buntes Filmbuch von Heinrich Breloer, es gibt den schönen Band "Die Welt der Buddenbrooks" von Hans Wisskirchen und einen noch schöneren mit den "Übermalungen des Drehbuchs" von Armin Mueller-Stahl. Für uns Journalisten gab es zudem einen Buddenbrooks-Adventskalender. Alles das ist wie der Film selbst - mit viel Aufwand wird kaschiert, dass das Wesentliche fehlt: irgendein Grund dafür, warum man diesen Film braucht.
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Die Buddenbrooks
Deutschland 2008, 150 Min., Farbe.
Regie: Heinrich Breloer
Drehbuch: Heinrich Breloer, Horst Königstein
Kamera: Gernot Roll
Kostüme: Barbara Baum, Sibyll Möbius
Darsteller: Armin Mueller-Stahl, Jessica Schwarz, Mark Waschke, Iris Berben, August Diehl, Alexander Fehling, Sunnyi Melles, Josef Ostendorf, Léa Bosco, Maja Schöne u.a.
Ab Donnerstag im Kino.
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Foto: Die Herren mit Zylinder, die Damen mit Geschmeide: die Familie Buddenbrook mit dem Herrn Vater (Armin Mueller-Stahl) in der Mitte.