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GASTKOMMENTAR

Die Wiedergänger des "Untertan"

Klaus Farin

Gegen durchgeknallte Neonazis gibt es keine Waffen. Zumindest keine präventiven. Unkontrollierte Gewalteruptionen sind ein zentraler Wesenszug der rund 10 000 Angehörigen der organisierten rechtsextremen Szene. Sie können gar nicht anders. Ständige Gewaltbereitschaft, oft extremer Alkoholkonsum und dazu eine Rechtfertigungsideologie, die alles, was "schwach" und "fremd" ist, für nicht lebenswürdig erachtet, ist der Kitt dieser Szene, die nicht von cleveren, geschulten Ideologen dominiert wird, sondern von wenig selbstbewussten und im Alltag eher ohnmächtigen jungen Männern, die nach unten treten, um sich selbst ein Stück weit zu erhöhen. Polizisten, Politiker oder Journalisten sind selten ihre Opfer, sondern Drogenabhängige, Behinderte, Obdachlose, Homosexuelle und vor allem alle, die nicht "deutsch" aussehen oder reden. Neonazis sind nicht "revolutionär" oder "rebellisch", sondern die aktuell zugespitzte Reinkarnation von Heinrich Manns "Untertan". Die NPD organisiert einen kleinen Teil dieser rechten Gewalttäter, aber nur selten deren Taten. Im Gegenteil: Ihr Ziel ist die Disziplinierung ihrer rüden Klientel, schließlich gibt es für eine um ihre Existenz kämpfende Partei nichts Schlimmeres als Brandstifter und Schläger, die mit ihrem Mitgliedsbuch in der Tasche erwischt werden. Und erwischt werden sie meistens. Nach einem Mordanschlag das Messer gleich am Tatort liegen zu lassen, wie in Passau geschehen, oder sich nach vollbrachter Tat in der Stammkneipe lauthals damit zu brüsten, ist typisch für diese geltungssüchtige, archaische Männerwelt.

Sie sehen sich in der Regel nicht einmal als Extremisten: "Bei uns denkt doch jeder so. Wir machen nur, was andere auch wollen, sich nur nicht trauen" - vorzugsweise Deutschland "ausländerfrei". Und sie haben teilweise nicht einmal unrecht: Jeder zweite ostdeutsche und jeder dritte westdeutsche erwachsene Bürger wünscht sich ein "ausländerfreies" Land. Mehr als 100 000 junge Männer gehören in Deutschland rechtsorientierten Cliquen an: nicht organisiert, schon gar nicht in Parteien, nicht politisch aktiv oder auch nur über Bild-Niveau hinaus besonders informiert, aber jederzeit bereit, gegen "das Fremde" in ihrem Nahbereich - so weit die Augen und die Fäuste reichen - vorzugehen. Sie und ihr (erwachsenes) Umfeld, der alltägliche Rassismus in weiten Teilen der Gesellschaft, sind das eigentliche gesellschaftliche Problem, der Nährboden für die noch Extremeren. Diese jungen Männer gehören nicht zu den Kreativsten ihrer Generation, sie entstammen zumeist bildungsfernen Milieus, wohnen überwiegend im kleinstädtischen Raum bzw. in den Gürteln und Außenbezirken der (Groß-)Städte und sind oft zufällig in eine rechte Clique geraten, weil es nichts Anderes gab. Dort, wo es weder eine attraktive kommunale Offene Jugendarbeit gibt noch die "bunten" , "alternativen" Jugendkulturen - Linke, Punks, Gothics, Skateboarder etc.- existieren, hat es die rechte Szene leicht, Nachwuchs zu ködern. Die effektivste Arbeit gegen rechte Gewalt ist daher nicht der "Kampf gegen rechts", sondern die Förderung der auf dem jugendlichen Freizeit- und Identitätsmarkt mit den Rechten um den Nachwuchs konkurrierenden, Gewalt ablehnenden, nicht-rassistischen Jugendkulturen. Denn dort, wo eine breite Vielfalt jugendlicher Szenen und (musik-)kultureller Angebote herrscht, gewinnen Rechtsextreme selten Dominanz über jugendliche Lebenswelten.

Selbstbewusste, kreative und kritische Jugendliche in einer toleranten Umgebung sind Gift für rechtsextreme Gruppen und Einstellungen, eine Erkenntnis, die sich in der Erwachsenenwelt noch nicht herumgesprochen hat. Gerade Jugendliche, die sich linken oder "bunten" Szenen zugehörig fühlen, erfahren in vielen kleinstädtischen Kommunen eine schärfere Ausgrenzung und Ablehnung als rechtsorientierte Jugendliche, die auch unter Erwachsenen oft so lange als "normal" gelten, bis sie die Grenzen zu auffällig überschreiten. Dann ist es jedoch zumindest für die Opfer rechter Gewalt schon zu spät.

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Foto: Klaus Farin ist Autor und Leiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen.