Alexander Kluge, vielleicht der originellste Denker der deutschen Filmgeschichte, hat zum Auftakt der "Filmedition Suhrkamp" einen neunstündigen audiovisuellen "Eintopf" zubereitet - über Karl Marx, Sergej Eisenstein und dessen Plan, "Das Kapital" zu verfilmen. Das Ganze ist keine Rückkehr zum Kino, sondern in Tonfall und Verfahren eine direkte Fortsetzung seiner Fernseharbeiten, einschließlich der gewohnten ästhetischen Kompromisse.
Im Zentrum steht die Frage, wie ein auf Marx' Schrift basierender Film - den zu drehen Eisenstein tatsächlich plante - hätte aussehen können, und wie eine solche Annäherung an "Das Kapital" heute ausfallen müsste. Natürlich ist sein überlanger "Themenabend" dieser heutige Film, oder er möchte es sein. Ganz im Sinne der Moderne, deren Ideale Kluge nie abgeschworen hat, organisiert er das Material parallel und vielstimmig, ohne Hoffnung eigentlich auf einen gemeinsamen Schnittpunkt.
Das Ergebnis ist durchwachsen. Einerseits gelingen ihm im Dialog mit so beweglichen Köpfen wie Peter Sloterdijk, Dietmar Dath oder Rainer Stollmann Fragmente einer Neuaneignung Marx' aus dem Geiste der Poesie. Im beiliegenden Booklet nennt er seinen Versuch "einen Garten", in dem wir uns "mit den fremden Gedanken von Marx" auseinandersetzen könnten. Das trifft es ziemlich gut. Wenn Sloterdijk zum Beispiel vom Kapitalismus als einer "Umkleide" spricht, in der das Geld die Materie in immer neue Kostüme zwinge, bin ich animiert, den Rasen zu betreten und mich am oft märchenhaften Spiel der Lesarten zu beteiligen. So wie man nach einem Tanzfilm vielleicht aus dem Kino steppt, fühlt man sich hier - ganz unakademisch übrigens - zum Denken begeistert.
Andererseits verhebt sich Kluge bei dem Versuch, die dramaturgischen und formalen Ideen Eisensteins, die Vision eines "Kugelfilms" etwa, für seine Fernsehpraxis fruchtbar zu machen. Eisenstein war für sein Marx-Projekt auf der Suche nach einer dramatischen Struktur, die nicht linear auf Steigerung aus ist, sondern assoziativ und dialektisch einen Tag im Leben eines Paares und zugleich die ganze Menschheitsgeschichte "seit Troja" erzählen kann. James Joyce' literarische Methode in "Ulysses" war dabei eine wichtige Inspirationsquelle. Eisenstein wollte, so könnte man heute sagen, das Kino mit der Logik einer Suchmaschine paaren - durchaus ein verlockender Gedanke.
Die Idee einer solcherart "spektralen" Erzählung fasziniert auch Kluge schon lange. In seinen "Kommentaren zum antagonistischen Wirklichkeitsbegriff" (1975) etwa schreibt er: "Die Liebesszene ist aber nur dann realistisch, wenn z.B. die künftige Abtreibung gleich in sie eingeschnitten wird. Aber auch die Geschichte aller früheren Abtreibungen." Kluge stellt sich also einem alten Problem neu, was der Frage nach der möglichen Gestalt des Eisenstein-Projekts eine Dringlichkeit gibt, die weit über übliche filmhistorische Spekulationen hinausgeht. Die Passagen mit der Eisenstein-Biografin Oksana Bulgakowa gehören dann auch zu den spannendsten Momenten seiner "Nachrichten". Kluge entdeckt seine eigenen Vorlieben in den Plänen des russischen Meisters: "Das Kino" - so interpretiert Kluge Eisenstein - "werde missverstanden als Treibhaus der Wahrnehmung. Man müsse jedoch zurück zu einer extensiven Landwirtschaft der Erfahrung."
Sobald Kluge aber die Ebene des Sprechens, des Interviews verlässt, gerät die Unternehmung ins Schlingern. Das Problem scheint zu sein, dass er nur noch seinen Produktionsbedingungen gegenüber realistisch ist, nicht aber gegenüber der Fantasie des Zuschauers. In genauer Kenntnis des Zitatrechts zum Beispiel, aber ohne fühlbare Zuneigung, verwurstet er Splitter der "großen" Filmgeschichte, färbt ein, multipliziert im Splitscreen, setzt auf grobe Videoeffekte und produziert so wenig überzeugend Pappkameraden, die für Eisensteins Ideen einstehen sollen. Dabei unterscheidet sich dieser stets provisorische Zugriff auf die Zutaten des Kinos kaum von seiner täglichen Fernsehpraxis, aber an diesem Gegenstand (und in dieser Länge) werden die Grenzen des Verfahrens schmerzlich sichtbar.
Als Bildermacher gleicht Kluge inzwischen einem platonischen Liebhaber. Seinen Montagen fehlt jede Sinnlichkeit und Emphase, ja die Bebilderung ist nicht nur immer wieder redundant, sondern oft genug achtlos. Wir wissen ja, was gemeint ist, scheint er zu denken. Ja, wir wissen es, aber in der "erotischen Begegnung" (Kluge) zwischen Film und Zuschauer ist die Absicht nicht entscheidend, der Ton muss stimmen. Kluge scheint es für beziehungsreich zu halten, wenn eine verwendete Musik zum Beispiel mit dem Bild thematisch verwandt ist - ob sich daraus aber ein rhythmisch-synästhetisches Ganzes ergibt, ist ihm völlig gleichgültig.
Wenig ergiebig sind auch die kleinen Schauspieleinlagen. Einmal abgesehen von der amüsanten Figur des Filmkomponisten Fedor Rostoptschin alias Helge Schneider, der zeigt, wie er Eisensteins "Kapital" vertont hätte, sind Schauspieler, die in Uniform oder als Neandertaler Marx lesen, nur begrenzt komisch. Erwähnung finden müssen leider auch die Schrifttafeln, die nicht nur der Albtraum jedes Typografen sind, sondern in ihrem Bedeutungs-Mickey-Mousing (wenn es heißt "Verflüssigung", tropft das Wort) auch unangenehm lehrerhaft wirken - und das vom erklärten Pädagogik-Feind Kluge.
Lindernd wirkt allerdings immer wieder die Tatsache, dass die Texte selbst hochinteressant und Kluges Gedanken lebendig und ansteckend sind; wenn seine sanfte Stimme unsere Gegenwart erhellt, müssen alle ästhetischen Einwände hintenanstehen. Und wer sich an seine Sendungen gewöhnt hat - und die Gewöhnung ist lohnend, finde ich -, wird auch jetzt über den grafischen Graus der Titeltafeln hinwegsehen.
Weil Kluges "Nachrichten" also sehr heterogen sind - sogar ein Kurzfilm von Tom Tykwer hat Platz -, zwingt er den Betrachter, sich auf das Brauchbare zu konzentrieren. Und davon findet sich eine ganze Menge. Das Medium DVD kommt uns da zupass: Springen ist erlaubt und durchaus im Sinne des Erfinders. So ist am Ende vielleicht doch ein Quäntchen der Träume Eisensteins verwirklicht, wenn nicht der Kugelfilm, so doch die Scheibe.
P. S.: Die DVD-Edition, ansprechend gestaltet und dem ersten Programm nach zu schließen auch gut betreut, bestätigt indirekt den Bedeutungsverlust des Suhrkamp Verlags, insofern die Filme fast ausschließlich die (alten) Säulenheiligen des eigenen Programms feiern. Vertreten sind neben Kluge: Bertolt Brecht (seine erste Drehbuchmitarbeit "Kuhle Wampe"), Samuel Beckett (seine Filme für den SDR), Thomas Bernhard (in Interviews von Krista Fleischmann), Christa Wolf, Max Frisch . böse gesagt Bonusmaterialien zu den bestverkauften Büchern des Verlags. Zwei rühmliche Ausnahmen: Romuald Karmakars "Hamburger Lektionen" (No. 8) und Chantal Akermanns "Die Gefangene" (No. 9), zwei im Wortsinn essenzielle Autorenpositionen des Gegenwartskinos, die eine Öffnung in die Gegenwart andeuten. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht.
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Regisseure
Alexander Kluge: Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx - Eisenstein - Das Kapital. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, 3 DVDs, ca. 570 Minuten, mit einem Essay von Alexander Kluge; 29,90 Euro.
Unser Autor Christoph Hochhäusler ist Filmregisseur (u.a. "Milchwald", "Falscher Bekenner") und Publizist (u.a. "Revolver. Zeitschrift für Film").
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Foto: Alexander Kluge
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Foto: Wenn er das alles noch erlebt hätte: Karl Marx, Autor von "Das Kapital", gestorben 1883.