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Bargeld für alle

In einem namibischen Dorf erhält jeder Einwohner monatlich eine feste Summe. Revolution oder bloß gut für Faulpelze?

Marc Engelhardt

OTJIVERO. Die Sonne scheint für alle an diesem Morgen in Otjivero, einem Dorf mit 1 200 Einwohnern gut 100 Kilometer östlich von Namibias Hauptstadt Windhuk. Sana Gaueroman genießt die Sonne, während sie vor der Krankenstation des Dorfes darauf wartet, dass ihre zweijährige Tochter Paloma für ihre Polioimpfung aufgerufen wird. "Eigentlich hätte sie die schon kurz nach der Geburt bekommen sollen, aber das konnte ich mir nicht leisten", gesteht die arbeitslose Mutter von drei Kindern. Vier namibische Dollar kostet die Impfung, umgerechnet 32 Euro-Cent. Aber die hatte Gaueroman nicht übrig. Heute pfeift sie ein fröhliches Liedchen vor sich hin.

Seit Anfang Januar hat sich viel verändert in Otjivero. Seither fließt nämlich Geld. Garantiert. Jeder Bürger erhält monatlich 100 Namibia-Dollar (acht Euro). Reich wird davon niemand, aber leben kann man davon. Tun muss man dafür nichts, es gibt keine Bedingungen, kein Kleingedrucktes. Wer in Otjivero lebt, bekommt das Geld. So einfach ist das.

Zählung am Stichtag

Kaum jemand konnte es glauben, als vor mehr als einem Jahr Bischof Zephania Kameeta im schäbigen Otjivero auftauchte, um den Geldsegen zu verheißen. Der auf dem Dorfplatz versammelten Menschenmenge rief der 62-Jährige zu: "Ich bin nicht den langen Weg aus Windhuk hierher gekommen, um zu lügen, dafür bin ich zu alt." Die Leute staunten, und Kameeta, eine Art namibischer Desmond Tutu, freut sich noch heute über den Streich. Richtig ernst hätten die meisten ihn wohl erst genommen, als Monate später die Zählung der Bürger begann, sagt Kameeta.

"Es war eine Geheimaktion, selbst die Helfer haben wir erst unmittelbar vor der Abfahrt aus Windhuk informiert", erinnert sich Dirk Haarmann, der gemeinsam mit seiner Frau Claudia das Projekt Grundeinkommen in Otjivero im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche Namibias begleitet. Haarmann stammt aus dem rheinischen Mettmann und lebt seit fünf Jahren in Windhuk. Die Heimlichkeit sollte verhindern, dass Verwandte und Bekannte in Otjivero einströmen, um von dem weltweit einzigartigen Versuch zu profitieren. Denn nur wer am Stichtag registriert wurde und jünger ist als 60 Jahre, bekommt das Geld: 930 Menschen. Rentner, die bereits eine staatliche Grundversorgung erhalten, sind nicht einbezogen. Alle anderen erhalten das Grundeinkommen, vom Säugling bis zum Familienvater, ob Bettler oder reich.

"Das Grundeinkommen befreit die Menschen vom täglichen Existenzkampf", erklärt Haarmann. "Hunger ist ökonomisch sinnlos", glaubt der ordinierte Theologe, der auch Soziologie studiert hat, "nur wer nicht hungert, wird wirtschaftlich aktiv und kann sich selbst aus der Armut befreien." Damit stützt er den Bericht einer staatlichen Kommission, die der namibischen Regierung schon vor sechs Jahren die Einführung des Grundeinkommens für jeden Bürger zur Lösung der sozialen Konflikte im Land empfohlen hat. "Aber die Regierung hat gezögert und gezögert, bis Kirchen, Gewerkschaften und Verbände gesagt haben: Jetzt wollen wir einfach mal einen Feldversuch wagen." Bis Ende 2009 läuft das Modellprojekt in Otjivero.

Finanziell, so hat Haarmann ausgerechnet, wäre die allgemeine Einführung des Grundeinkommens kein Problem. Das ehemalige Deutsch-Südwestafrika hat eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Afrikas. Hier liegen die Diamanten förmlich in der Wüste herum. Doch hohe Zäune sperren die Areale ab und teilen sie auf: Sperrgebiete. Die Gewinne machen Minenkonzerne und der Staat. Kaum irgendwo sonst ist die Kluft zwischen Armen und Reichen größer als in Namibia. Zwei Drittel der Namibianer leben unterhalb der Armutsgrenze. Maximal vier Prozent des Bruttosozialprodukts wären nötig, so glaubt Haarmann, um die Lage grundlegend zu ändern. Finanziert werden soll das Grundeinkommen über Steuern, die Reiche stärker belasten, und über Einsparungen: Weil jeder das Gleiche bekommt, sind keine Überprüfungen nötig, keine Bürokratie. Das macht das Grundeinkommen für den Staat attraktiv.

Einer der Profiteure in Otjivero ist John Thomason, der in der Morgensonne seine einjährige Tochter Hildegard im Arm hält. "Ich kann jetzt einen alten Pick-up abbezahlen." Sein Hof ist voller Ersatzteile; mit Autos kennt sich Thomason aus. Doch das Kapital, das ihm erlauben würde, mit seinem Wissen etwas anzufangen, fehlte ihm bisher. "Wenn Leute in die Stadt wollen, ins 50 Kilometer entfernte Gobabis, dann lasse ich sie auf die Ladefläche steigen und fahre sie dorthin." Zehn Namibia-Dollar verlangt er für die Hin- und Rückfahrt, bis zu zwölf Personen passen gut auf die Ladefläche: Wegen des Grundeinkommens gibt es auf einmal zahlende Kunden.

In der ersten Woche nach der Auszahlung ist Thomason meist täglich unterwegs, in der übrigen Zeit unternimmt er gelegentlich Botenfahrten nach Windhuk. Wenn er seine Kosten abrechnet, bleibt genug zum Leben, und das Schulgeld für seine drei größeren Kinder kann er auch bezahlen. "Mir geht es besser als früher", sagt der 43-Jährige. Eine reguläre Arbeit hatte er, wie die meisten in Otjivero, nicht. Seine Frau versuchte auf den schmalen Streifen staubiger Erde, der das Dorf von den hohen Zäunen der benachbarten Farmen trennt, Gemüse anzubauen. Zu den Wilderern will Thomason nicht gehören, obwohl er Verständnis für die in der Nachbarschaft verschrienen Viehdiebe hat: "Die haben ja nur ab und zu eine Antilope oder so etwas ins Dorf gebracht."

Otjivero war so sehr als Dorf von Ganoven und Taugenichtsen verschrien, dass die Leute Haarmann vor dem Start des Projekts fragten, warum er sein Modell gerade hier ausprobieren wolle. Ein Pfarrer habe ihn sogar gewarnt: Dieses Dorf sei ein Krebsgeschwür, da sollten sie besser nicht hingehen, erinnert sich Haarmann. Inzwischen stellen die Farmer von nebenan ab und an sogar Leute aus Otjivero als Erntehelfer oder Handlanger ein, berichten einige Dörfler stolz. "Das wäre früher nicht möglich gewesen", frohlockt Steven Eigowab.

Eigowab ist Chef des 18-köpfigen Komitees, das die Dorfbewohner kurz nach der Zählung gewählt haben. Die Idee hatten sie selbst, "um das Projekt zum Erfolg zu machen", sagt Eigowab. Das Komitee half mit, bei der ersten Geldausgabe Ordnung zu schaffen: Sonst wären viele der Wartenden wohl zertrampelt worden bei dem Ansturm auf die Kasse. Inzwischen weiß jeder, dass genug Geld für alle da ist.

Schöne Tage für die Kneipen

Das zweite Problem ist delikater: die richtige Verwendung. "Wir wollen nicht, dass alle ihr Geld gleich am Ausgabetag versaufen." Genau das nämlich werfen die Kritiker dem Projekt vor: Den Untätigen werde Geld in den Rachen geworfen. Statt Arbeit zu belohnen, werde Untätigkeit finanziert. Tatsächlich feierten die 13 Kaschemmen, Shebeens heißen sie hier, am Abend des ersten Ausgabetags das Geschäft ihres Lebens. Wegen Alkoholismus und "ungebührlichen Verhaltens" steckte die Polizei etliche Dörfler in die Ausnüchterungszelle. Andere trugen ein paar Tage später ein neues Handy oder anderes Konsumgut zur Schau. "Aber spätestens, wenn einer den Nachbarn um Kredit anbettelte, kam die Antwort: Wieso, du hast doch auch deine 100 Dollar bekommen", sagt Eigowab. Am Zahltag Nummer zwei sei es entsprechend ziviler zugegangen. Das lag vielleicht auch daran, dass Eigowab und sein Komitee nicht müde wurden, an den Tagen vor der Ausgabe warnend von Haus zu Haus zu ziehen: Verschwendet nicht euer Geld.

Der Zwischenbericht, den Bischof Kameeta unlängst der namibischen Regierung vorlegte, zieht für die ersten sechs Monate eine fast enthusiastische Bilanz. Der Prozentsatz mangelernährter Kinder ist demnach von 42 auf 17 Prozent gefallen. Die Zahl der Eltern, die Schulgeld bezahlen, hat sich verdoppelt. Das für die Nachhaltigkeit des Projekts vielleicht wichtigste Ergebnis: Mit ihrer Arbeit ist es den Bewohnern gelungen, das ausgezahlte Grundeinkommen zu vermehren. Mit solchen Zahlen, so hofft Kameeta, wird man die Regierung in anderthalb Jahren von einer Ausweitung des Projekts überzeugen können.

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Grundeinkommen

In Deutschland wird seit Jahren über das Grundeinkommen diskutiert. Das 1996 entwickelte Ulmer Modell etwa sieht eine Aufrechnung der Steuerschuld gegen ein einheitliches Grundeinkommen vor, negative Einkommenssteuer genannt. Der Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm, Götz Werner, will das Grundeinkommen über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf über 50 Prozent finanzieren. Allen Modellen gemeinsam ist die Abschaffung anderer, bedürfnisorientierter Sozialleistungen wie Hartz IV.

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Karte: Namibia

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Foto: Ein Drittel der namibischen Kinder unter fünf Jahren ist mangelhaft ernährt.