DRESDEN. Als Wassili Iwantschuk zur letzten Runde der Schacholympiade kam, war ihm eine Medaille mit der Ukraine nahezu sicher. Mit einem klaren Sieg gegen die USA wäre es Gold, mit einem Unentschieden Silber, selbst eine 1:3-Niederlage genügte für Bronze. Doch es setzte ein 0,5:3,5-Debakel. Iwantschuk, der seine eigene Partie gegen Gata Kamsky verlor, wollte sich nur noch verkriechen, als ihn ein Schiedsrichter zur Seite bat: Dopingkontrolle.
Was genau er in diesem Moment verstand, ist nicht bekannt. Jedenfalls lief der stämmige Großmeister aus Lwow davon. Er wurde zwar noch von einem ukrainischen Funktionär eingeholt, doch auch der konnte Wassili Iwantschuk nicht zur Umkehr bewegen. Der Weltranglistendritte wurde seitdem weder gesehen noch gehört.
Bei der Schacholympiade 2004 wurden zwei Spielern, nachdem sie die Dopingprobe verweigert hatten, alle Punkte aberkannt und ihre Teams Papua Neuguinea und Bermuda rutschten in der Tabelle nach hinten. Das wurde auch in Dresden hinter den Kulissen heftig debattiert. Es hätte einige Umwälzungen in der Tabelle bedeutet: Nur Sieger Armenien und das zweitplatzierte israelische Team hätten ihre Plätze behalten. Die Ukraine hätte zehn ihrer siebzehn Punkte verloren und wäre vom vierten Rang ins Nirgendwo gestürzt. Ungarn hätte anstelle der USA Bronze gewonnen, Deutschland wäre vom dreizehnten auf den neunten Platz vorgerückt.
Laut der Website Chessbase.de setzte sich der ehemalige Weltmeister Boris Spasski gegen eine so durchgreifende Konsequenz aus Iwantschuks Flucht ein, bis die Falken im Schiedsgericht nachgaben. Man beließ es dabei, den von niemand ernst genommenen Preis für die beste Mannschaft, die keine Medaille gewonnen hat, an diesem Abend nicht zu vergeben.
Eine Korrektur der Tabelle bleibt möglich, gilt aber als unwahrscheinlich. Iwantschuk persönlich droht allerdings eine zweijährige Sperre bei offiziellen Wettbewerben. Fünf Mitglieder der medizinischen Kommission des Weltschachbunds müssen binnen drei Monaten zusammentreten und entscheiden, so Klaus Deventer, Kommissionsmitglied und einer der Schiedsrichter der Schacholympiade.
Eine österreichische Amateurin wurde 2007 für zwei Jahre gesperrt, nachdem sie einen Dopingtester für einen Scherzbold gehalten und ihm die Haustür vor der Nase zugeschlagen hatte. Der einzige bekannt gewordene Dopingfall im Schach, ein Italiener, wurde begnadigt. Er wies nach, auf Verschreibung seines Hausarztes ein verbreitetes Medikament genommen zu haben.
Als für die Schacholympiade 2002 erste Kontrollen angekündigt wurden, traten Robert Hübner und Artur Jussupow aus der Nationalmannschaft zurück. Der Niederländer Jan Timman, in den Achtzigerjahren der beste Spieler des Westens, boykottiert seitdem Turniere des Weltverbands. Sein Landsmann Hans Ree meint sogar, wenn ein Mittel bekannt wäre, mit dessen Hilfe er bessere Züge fände, wäre er geradezu verpflichtet, es zu nehmen.
Die Teilnehmer der nächsten Deutschen Meisterschaft haben einen mehrseitigen Antidopingvertrag erhalten. Der dreimalige deutsche Meister Thomas Luther will nicht unterschreiben. Der Erfurter Großmeister fühlt sich nicht ausreichend aufgeklärt und zieht in Zweifel, dass Schach Sport ist.
Unter der Hand bestätigen Funktionäre: Dopingkontrollen gibt es im Schach nur wegen der mit der Anerkennung als Sport verbundenen Fördermittel. Der Weltschachbund hat das Dopingthema einst mit dem erklärten Ziel forciert, Schach olympisch zu machen. Geschürt wurde die Hoffnung vom früheren IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch. Unter Jacques Rogge hat das Spiel keine Chance. Viele im Schach meinen, ihr Weltverband hätte gut daran getan, die Tests still und leise wieder abzuschaffen.
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Foto: Schneller Abgang: Wassili Iwantschuk.