Früher wurden Zeitungen für Leser und Leserinnen geschrieben und gedruckt. Heute werden Inhalte ("content") für User und Userinnen produziert. Das ist nur einer der Unterschiede zwischen einer Vergangenheit, in der Information und Buchdruck untrennbar schienen, und einer Gegenwart, in der Information im Internet in tausenderlei Gestalt erreichbar ist.
In der Berliner Zeitung hat der Filmkritiker Josef Schnelle vor einiger Zeit eine Klage erhoben, mit der er nicht allein steht: Seit im Internet jeder, der Lust hat, seine Meinung zu Filmen und anderem veröffentlichen kann, ist das Geschäft der Kritik, der informierten und begründeten Meinung, in der Defensive.
Man kann das anders sehen, wie sich am Donnerstag auch bei einer Tagung im Filmhaus gezeigt hat. Unter dem Titel "Im Netz der Möglichkeiten - Filmkritik im Zeitalter des Internet" sollte sie untersuchen, welche Chancen das World Wide Web der Kritik bietet und welche neuen Formen im elektronischen Raum möglich werden.
Der Filmkritiker Ekkehard Knörer legte ausführlich dar, wie groß der intellektuelle und ästhetische Reichtum auf den vielen, vor allem englischsprachigen Seiten schon ist, auf denen derzeit über Film geschrieben wird. Er sprach aber auch über die Kehrseiten dieser Entwicklung: Nahezu alle Autoren verdienen damit kein Geld, Englisch wird zur universalen Umgangssprache (und Deutsch dadurch provinziell), und es gibt "Kohäsionsverluste des Öffentlichen". Soll heißen: Alles ist stark zersplittert.
Diesen Befund griff dann auch Thierry Chervel auf, Mitbegründer des Internet-Portals Perlentaucher. Sein Ausblick war allerdings düster: "Es gibt kein Geschäftsmodell für Qualitätsjournalismus", sagte er und konstatierte am Beispiel des Films "Der Baader-Meinhof-Komplex" einen Zerfall an Allgemeinheit. Wo früher Debatten waren, finden jetzt Kampagnen statt. Sein Lösungsansatz wirkt vielleicht traditionell, passt aber gut in die aktuelle Wirtschaftskrise: Chervel sieht eine Chance nur für einen öffentlich gestützten Qualitätsjournalismus.
In den Blogs subventionieren die Schreiber sich häufig selbst, nämlich quer. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt anderswo, sie sind deswegen aber keine Amateure, wenn sie über Film schreiben, sondern Experten in einer Wissenskultur, die neue Preis-Leistungs-Verhältnisse sucht.
Volker Pantenburg brachte die prekäre Freiheit im Netz auf eine schöne Formel. Er sprach vom "unterbewerteten Schweigen der Weblogs". Wer bloggt, kann auch Pause machen. Ein Tagebuch aber muss immer erscheinen. Denn der Kalender ist eindeutig "old economy".