Herr Aronjan, so alt wie das Spiel ist die Dominanz der Männer beim Schach. Warum ist das so?
Frauen können kein Schach spielen.
Aber das ist doch keine Erklärung. Und immerhin war es doch Ihre Schwester, die Sie zum Schach gebracht hat, oder etwa nicht?
Das stimmt, aber Frauen sind grundsätzlich viel zu emotional für Schach. Wenn sie richtig gut spielen wollen, müssen sie ihren Charakter ändern, ihre natürlichen Instinkte unterdrücken, sich männliche Tugenden aneignen. Schach ist nun mal ein raues, ein hartes Spiel.
Sind Schachspieler Machos?
Als Schachspieler muss man seine Gefühle kontrollieren können, man muss kalt werden wie ein Automat. Wir Männer lassen uns im Gegensatz zu Frauen nicht so leicht von unseren Emotionen und Gefühlen, ja, sagen wir: verführen. Allerdings gibt es ein Paradox im Schach.
Das da wäre?
Das Paradox ist, dass die besten Schachspieler die emotionalsten Schachspieler sind.
Daraus ergibt sich doch logischerweise ein weiteres Paradox: Man muss also seiner femininen Seite freien Lauf lassen, um zur Weltspitze gehören zu wollen - so wie Sie?
Vielleicht ein wenig, ja, man muss jedenfalls sehr leidenschaftlich und romantisch sein, wenn man ein richtiges Meisterwerk schaffen will, das über Jahrhunderte hinweg bewundert wird. Das ist meine persönliche Herangehensweise, die manch andere Spieler nicht verstehen, vielleicht sogar belächeln werden. Aber das ist mir egal. Mir ist die Kreation eines Meisterwerks wichtiger als banale Siege.
Um bei den Frauen zu bleiben, was ist mit der Logik der Frauen? Ist die auch nicht geeignet für Weltklasseschach?
Ja, da gibt es diesen Mythos, dass Schach ein sehr logisches Spiel ist. Doch ist Schach ein Spiel der spontanen Entscheidungen und der Determination. Mit Schach lässt sich nicht einmal logisches Denken trainieren. Viele Menschen glauben auch, dass Schach und Mathematik in einem engen Zusammenhang stehen. Aber wir Schachspieler können nicht zwangsläufig mathematische Probleme lösen.
Aber ganz ohne Logik schafft man es auch nicht in die Weltspitze?
Schach wird erst zu einem logischen Spiel, wenn du dich in einer Partie Richtung Endspiel bewegst. Schach ist im Mittelspiel vielmehr ein Spiel der Intuition, der Kreativität und Leidenschaft. Ich liebe sogar manchmal logisches Schach, die Geometrie mancher Partien. Ich bin jedoch kein logisch strukturierter Schachspieler.
Sondern?
Wie gesagt: ein Romantiker. Ich begeistere mich für Literatur, Kunst, Musik. In der Kunst ist Tizian mein Favorit, in der klassischen Musik bevorzuge ich beispielsweise als Pianisten Swjatolaw Richter. Er ist so voller Feuer, und ich liebe dieses Feuer. Beim Jazz ist es Coltrane oder aber auch Keith Jarrett. Ich höre diese Musik vor den Partien, sie inspiriert mich.
Kann man vom Spiel des Gegners auf den Charakter schließen?
Nicht unbedingt. Ein Gentleman kann sich am Brett in einen Barbaren verwandeln. Anand etwa.
Sie meinen den Weltmeister.
Ja. Er ist ein Spieler der Metamorphose. Er kann blitzartig zu einem anderen Spieler werden, er kann sich von einem fast dogmatischen Spieler in eine Bestie verwandeln.
Wie würden Sie Schachcomputer charakterisieren?
Schachcomputer sind unsere Feinde, sie zerstören die Romantik. Die Maschinen nehmen dem Spiel die Schönheit, alles wird immer kalkulierter. Aber wir haben noch zwanzig Jahre, mindestens.
Aber auch Sie können in der Vorbereitung auf ein Spiel nicht auf die Maschine verzichten?
Wenn du nicht mit Computern arbeitest, hast du keine Chance. Es ist für jeden viel härter geworden. Es ist wirklich absurd.
Inwiefern absurd?
Manchmal kommt man sich vor wie in einem Agententhriller. Vor nicht allzu langer Zeit ging es darum, wer die beste Database von historischen Spielen hat. Dann ging es darum, wer eine Aufzeichnung von einem privaten Spiel eines Großmeisters des Vorabends hat. Heute versucht man sich daran, Material von einer sagenhaften Partie zu bekommen, die Minuten zuvor auf irgendeinem Hinterhof dieser Welt zu Ende gegangen ist. Verrückt. Die Entwicklung macht mir Angst, es ist wie im Krieg, wer hat das beste Waffenarsenal. Wer hat die Missiles, wer die Atombombe?
Werden die Computer immer menschlicher?
Sie werden immer besser, aber nicht menschlicher. Computer haben keinen Plan, keine Idee, keine Philosophie, kein ästhetisches Empfinden. Sie haben nicht wie der Mensch eine vage Vorstellung davon, wie man Türme, Springer, Bauern am liebsten übers Feld führen möchte. Wissen Sie, manchmal habe ich beim Spielen das Gefühl, in ein Märchen einzutauchen, mich inmitten einer faszinierenden Fantasiewelt zu bewegen.
Wo liegen Ihre Schwächen?
Mein Problem ist, dass ich während der Partien manchmal zu erregt bin, dann beginne ich zu fliegen und mache Fehler. Manchmal habe ich so viel Blut im Kopf, dass ich nicht mehr denken kann, dass ich keinen klaren Blick mehr für die einfachsten Dinge habe. Ich bin dann völlig vernebelt.
Ist das wie verliebt sein?
Ja. Dann schießt mir das Adrenalin durch die Adern, dann wird mir ganz heiß.
Ist es beim Schach gut, glücklich oder unglücklich verliebt zu sein?
Hmm. Vielleicht ist es besser für dein Spiel, wenn du verliebt bist. Andererseits läufst du - wenn du verliebt bist - durchaus Gefahr, dass deine Leidenschaft nicht für beides reicht, du folglich von deinem Spiel enttäuscht bist und zugleich die Lady enttäuscht hast.
Sie sprechen aus Erfahrung?
Ja.
Interview: Markus Lotter und Christian Schwager
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Unter der Rubrik Serie B erscheinen in loser Folge Interviews mit bekannten Sportlern aus der Region.
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Als Titelverteidiger in Dresden
Sportliches: Lewon Aronjan, 26, ist derzeit bei der Schacholympiade in Dresden als Kapitän des Titelverteidigers Armenien aktiv. Zum Auftakt bezwang das Team Italien 4:0. Der Großmeister ist in seiner Heimat sehr populär und gewann dort bereits die Wahl zum Sportler des Jahres. Familiäres: Aronjan kam als 9-Jähriger über seine Schwester zum Schach. Er lebt in Berlin-Hohenschönhausen.
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Foto: Auf märchenhaftem Muster: der in Berlin lebende armenische Schachspieler Lewon Aronjan.